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Lesart / Archiv | Beitrag vom 28.02.2010

Kämpfen um das wahre Bild

Ulrich Raulff: "Kreis ohne Meister. Das Nachleben Stefan Georges"

Rezensiert von Andreas Krause Landt

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Stefan George starb 1933.
Stefan George starb 1933.

Ulrichh Raulff geht in "Kreis ohne Meister" auf 35 Jahre deutsche Geistes- und Gesellschaftsgeschichte ein - von Stefan Georges Tod im Jahr 1933 bis zu seinem 100. Geburtstag 1968. Der Autor erzählt unter anderem von den Lebenswegen der George-Jünger und vom Kämpfen um das wahre Bild des Dichters und Meisters.

In einer einzigen Szene verdichtet sich das Thema dieses Buches. Sie ist für sich genommen nicht sehr bedeutend und doch ein Symbol für diskrete Zusammenhänge im 20. Jahrhundert. An einem Sonntagnachmittag des Jahres 1928 oder 29 legte Stefan George, im Gespräch mit dem jungen Carl Friedrich von Weizsäcker, die Hand auf den Nacken des Bruders Richard. Der spätere Bundespräsident schrieb:

"Die Herrschaft dieser Hand, die bezwingende Freundlichkeit der Geste, die unentrinnbare Einbeziehung in den nicht nach den gesprochenen Worten, aber nach seinem Rang begriffenen Augenblick sind dem Gedächtnis unverändert eingeprägt geblieben."

In seiner Studie über das Nachleben Stefan Georges, führt uns Ulrich Raulff 35 Jahre deutscher Geistes- und Gesellschaftsgeschichte vor Augen, von Georges Tod im Jahre 1933 bis zu seinem 100. Geburtstag im Jahre 1968. Raulff erzählt uns von den Lebenswegen der George-Jünger, von ihrem Kriegs- und Nachkriegsschicksal, von ihren Intrigen und Konkurrenzen, von lebenslang gepflegten Erinnerungen, von Verdiensten um das Andenken Georges und von Kämpfen um das wahre Bild des Dichters und Meisters.

Raulff (Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach,) ist den feinsten Verästelungen dieser Wirkungsgeschichte nachgegangen. "Kreis ohne Meister" ist ein Werk zur Geheimgeschichte des 20. Jahrhunderts und insbesondere der frühen Bundesrepublik. Es ist die Geschichte einer durch Krieg und Holocaust hindurch erfolgreichen Elitenbildung.

Da setzte sich etwas fort, allen Reden vom "Epochen-" oder "Zivilisationsbruch" der Jahre 1933 bis 1945 zum Trotz, auch wenn es zunehmend fremd wirken mochte in der aufkommenden, nivellierenden Massendemokratie. Begabte und hoch gebildete, 1933 noch junge Männer wie der Pädagoge und Platonforscher Georg Picht oder der charismatische Jurist und Bildungspolitiker Hellmut Becker, der den Staatssekretär Ernst von Weizsäcker 1947/48 im Wilhelmstraßenprozess verteidigte, prägten für Jahrzehnte die Erziehungs- und Bildungspolitik der Bundesrepublik.

Wie viele andere ihrer Generation zehrten sie von dem hohen Wahrheitsbegriff des klassischen Bildungsideals, vom Ghibellinentum eines Ernst Kantorowicz oder überhaupt von den Träumen einer Versöhnung christlicher Kaiserromantik mit deutschem Philhellenismus. Die Liebe zur Dichtung, nicht nur Georges, war in seinem Kreis und Umkreis Erkennungszeichen und Fundament lebenslanger Freundschaften:

" ... was Georges Gemeinschaft zu einer solchen gemacht hat, lebt fort auf ... Inseln im Strom der Zeit, wird dort noch lange praktiziert, Dichtung und Bildhauerei, Philologie und Übersetzung. Auch seine Gesten leben fort, seine großen herrscherlichen und wie aus unendlicher Distanz kommenden Gesten."

Cover: "Ulrich Raulff: Kreis ohne Meister. Das Nachleben Stefan Georges" (Verlag C. H. Beck)Cover: "Ulrich Raulff: Kreis ohne Meister. Das Nachleben Stefan Georges" (Verlag C. H. Beck)Etwas Paradiesisches, nämlich, "in archaischer Unschuld mit sich und den Dingen in eines gewesen zu sein", wie ein Zeitgenosse bemerkte, band den Kreis an seinen Führer. Claus von Stauffenberg, der bekannteste Repräsentant des von mittelalterlicher Reichsmystik erfüllten Geheimen Deutschland, glaubte an die Worte des Meisters wie an ein Wundermittel gegen die kommende Katastrophe. Als sie kam, war der Kreis härtesten Zerreißproben ausgesetzt. Walter Kempner, der Bruder des stellvertretenden Hauptanklägers in den Nürnberger Prozessen, war einst ein Leibarzt Georges.

"Im Berliner Bendlerblock und im Nürnberger Gerichtshof haben Schüler und Getreue des Meisters, zuweilen auch schon deren Kinder, ihre ganz erstaunlichen, zuweilen bewunderungswürdigen Rollen gespielt."

Einerseits erleben wir Georges "gewaltsames Verschwinden" wie Raulff es nennt, seinen "langen postumen Sturz", andererseits wurde in einer eigentümlichen translatio imperii Georges Reich über den Abgrund der Zeit getragen.

"Neben dem Schulddiskurs der politischen Philosophie ist der Bildungsdiskurs die wichtigste und, wie es scheint, bis heute unverzichtbare autopoetische Rede der zweiten deutschen Republik. Im Innern dieser Rede hockt immer noch wie ein verstummter Souffleur der Dichter Stefan George."

Dies alles wird beeindruckend nachgezeichnet. Der sammelnde Blick der Diskursphänomenologie registriert die kleinsten Details. Mit vielfältigen popkulturellen und wissenschaftstheoretischen Assoziationen wird die Darstellung postmodern geschmückt. Kreis ohne Meister liest sich spannend, aber – als hätte dies Buch in Wahrheit keinen Autor. Eigentümlich schwankend nennt Raulff sein Buch mal "Apostelgeschichte", mal "Geister-" oder "Gespenstergeschichte". Raulff setzt sich nicht in Beziehung. Er nimmt nicht Partei, von allem Erzählten bleibt er scheinbar unbetroffen.

An keiner Stelle verrät er uns, wie er selbst zur Person und Dichtung Stefan Georges steht, ob sie ihm oder uns noch etwas sagen kann oder nicht, ob er sie liebt oder hasst. Es könnte sich bei diesem Buch geradezu um ein avanciertes, intellektuelles Modell handeln, wie man die großen Schicksalsfragen des 20. Jahrhunderts aufgreift, ohne sich je in ihren Bann ziehen zu lassen, ohne in den bis heute andauernden Nachkämpfen Stellung zu nehmen.

Dieses Alles-in-der-Schwebe-Lassen ist verständlich nach einem Jahrhundert, das zu vielen nur die tragische Wahl zwischen Tod und Verrat ließ. Aber auch Raulffs Modell kostet. Der Preis besteht darin, dem menschlichen Leben wie unbeteiligt fern zu bleiben. Kalt und stolz, würde Tonio Kröger sagen, spricht es aus diesem lehrreichen und zugleich erkenntnisstummen Buch.

Sein Autor ist an herausragender Stelle für die Pflege der deutschen Kultur tätig. Ob und in welcher Weise die Reste der georgischen Traditionslinie dieser Kultur es wert sind, geschützt und bewahrt zu werden, oder ob es gilt, sich endgültig von ihnen zu verabschieden, das ist die Frage, auf die uns Ulrich Raulff mit gebildeter Zurückhaltung die Antwort verweigert.


Ulrich Raulff: Kreis ohne Meister. Das Nachleben Stefan Georges
Verlag C. H. Beck, München 2009, 544 Seiten, 29,90 Euro

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