Dienstag, 21.09.2021
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 01.12.2015

Kabarettist Springer über Seehofer"Landesvater, cool down"

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer gestikuliert am Rednerpult. (Imago/Sven Simon)
Bayerns Ministerpräsident sollte verbal abrüsten, findet Kabarettist Christian Springer. (Imago/Sven Simon)

Der Tonfall in der Flüchtlingsdebatte verschärft sich seit Wochen. Der Münchner Kabarettist Christian Springer gemahnt zu verbaler Abrüstung und zielt dabei vor allem auf Horst Seehofer, dem er in einem offenen Brief empfiehlt: "Landesvater, cool down".

Es wird gehetzt, lamentiert und geschimpft - Sachlichkeit und Differenzierung dagegen findet man in der Flüchtlingsdebatte nur noch selten. Das kann so einfach nicht weitergehen, fand der Münchner Kabarettist und hat nun einen offenen Brief in Buchform geschrieben. "Landesvater, cool down" heißt es und ist ein dringender Aufruf verbal abzurüsten - nicht nur an Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer.

"In dieser Flüchtlingsdebatte ist nur noch ein Hauen und Stechen", sagt Springer im Deutschlandradio Kultur. Die Debatte werde nur noch emotional geführt - dabei gehe es hier um Menschen in Not. "Es hat mir jetzt einfach wirklich gereicht. Man muss diesen Menschen einfach helfen und nicht nur emotional aufeinander losgehen."

Falscher Umgang mit Zahlen

Was ihn neben Worten wie Lawine, Flut oder Überschwemmung besonders ärgere sei auch der falsche Umgang mit Zahlen, so Springer. Es werde immer behauptet, dass die Flüchtlinge so wahnsinnig teuer für Deutschland würden.

"Die Wahrheit ist - und die Wirtschaftsweisen haben das vor zwei Wochen gesagt - dass wir die Flüchtlingskosten aus der Portokasse zahlen können."

2014 etwa seien in Bayern 400 Millionen Euro Kosten dafür angefallen. Allein 300 Millionen Euro seien jedoch "einfach schwuppsdiwupps"  durch Steuersünder, die Angst vor einer Entdeckung gehabt und das Geld freiwillig zurückgezahlt hätten, in die bayerische Staatskasse gekommen.

"Wir Bürger in Bayern und Deutschland müssen uns überhaupt keine Sorgen um das Geld machen - und das wird uns alles nicht erzählt."


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Horst Seehofer gilt vielen ja als der Ober-Opportunist, der heute das sagt und morgen jenes und er sich interessanterweise noch immer oder vielleicht sogar deswegen in der Politik hält, doch manchmal ist es manchen dann doch zu viel, was Seehofer von sich gibt, und er muss den Mund ganz weit aufmachen, um sich über ihn zu äußern. Der Münchner Kabarettist Christian Springer hat das getan und einen offenen Brief an Horst Seehofer geschrieben, den er heute als Büchlein veröffentlicht, "Landesvater, cool down" hat er es genannt, und Springer ist nicht nur Kabarettist, sondern auch Gründer und Leiter der Hilfsorganisation Orienthelfer e.V, mit der er sich seit 2012 für Opfer des Syrienkonflikts vor allem im Libanon einsetzt, und vor wenigen Tagen ist er von dort zurückgekommen, hat mit gerade 25 ehrenamtlichen Helfern eine Schule aufgebaut und via Feldküchen zur Versorgung von 9.800 Menschen beigetragen. Schönen guten Morgen, Herr Springer!

Christian Springer: Guten Morgen! Ich bin im Moment nicht im Libanon, sondern ich bin in Bayern!

von Billerbeck: Ja, Sie sind zurückgekommen, das habe ich gerade gesagt. Was genau hat Sie denn an Seehofers Wortwahl so gefuchst, dass Sie ihm einen offenen Brief schreiben mussten?

Springer: Dieser offene Brief ist leider etwas lang geraten, es sind jetzt 80 Seiten geworden! Es ist nicht nur Seehofers Wortwahl, sondern in dieser Flüchtlingsdebatte ist nur noch ein Hauen und Stechen, es wird nur noch emotional geführt. Emotionalität ist zwar für einen Kabarettisten wunderbar, aber es geht um Menschen, es geht um Menschen in Not, es geht um schwangere Frauen, die in unserem reichen Deutschland medizinische Unterversorgung haben, es gibt Dialysepatienten unter den Flüchtlingen, die kaum eine Versorgung haben. Es hat mir jetzt einfach wirklich gereicht, man muss diesen Menschen einfach helfen und nicht nur emotional aufeinander losgehen.

Einseitige Wortwahl und Panikmache

von Billerbeck: Panikmache, so habe ich es gelesen, werfen Sie Ihrem Landesvater vor. Wortwahl sagt ja einiges, wie man jemandem, einem Menschen gegenübertritt. Wie empfinden Sie denn die Wortwahl der CSU, aber auch der CDU und der Koalition generell gegenüber Flüchtlingen?

Springer: Es ist unfassbar einseitig, und es ist vor allen Dingen ... Das, was mich ärgert ist der falsche Umgang mit den Zahlen: Zum einen, die Wortwahl, es wird immer nur von Lawine, Flut, Überschwemmung oder auf bayrisch dann "Was da alles daherkommt" gesprochen, und dann, dass das so wahnsinnig teuer ist. Die Wahrheit ist, und die Wirtschaftsweisen haben das vor zwei Wochen gesagt, dass wir die Flüchtlingskosten aus der Portokasse zahlen können.

2014 hat es in Bayern 400 Millionen gekostet, alleine 300 Millionen kamen einfach schwuppsdiwupps in die bayrische Finanzkasse durch die Steuersünder, die Angst gehabt haben, entdeckt zu werden und freiwillig das Geld zurückgezahlt haben. Das heißt, wir Bürger in Bayern und in ganz Deutschland müssen uns überhaupt keine Sorgen um das Geld machen. Das wird uns alles nicht erzählt, da wird Panik geschürt, ohne uns zu beruhigen und zu sagen, hey Leute, das geht jetzt wirklich ganz gut aus.

von Billerbeck: Sie sind vor erst wenigen Tagen aus dem Libanon zurückgekommen, es wird ja auch dort Winter – wie geht es den Flüchtlingen derzeit, das betrifft ja, Sie haben es schon erwähnt, auch Frauen und Kinder, die das Gros der Flüchtlinge ausmachen, wie ist deren Situation?

Die Legende von der "Sogwirkung"

Springer: Nun, das ist ja das nächste: Horst Seehofer hat auch von Sogwirkung gesprochen als die Merkel gesagt hat, wir schaffen das, da hat er gesagt, da entsteht eine Sogwirkung in den Flüchtlingslagern. In diesem Moment stand ich in den Flüchtlingslagern, und die einzige Sogwirkung, die es gibt unter den Flüchtlingen, ist, dass sie sagen, ich möchte wieder heim und zwar heim nach Syrien.

Man muss sich vorstellen, drei Flugstunden von uns, jetzt in diesem Augenblick, leben alleine im Libanon, einem kleinen Land mit fünf Millionen Einwohnern, 1,5 Millionen Flüchtlinge, ohne Strom, da ist es jetzt dunkel. Da kann man jetzt nicht Zähne putzen, da gibt es kein fließend Wasser, da werden die Kinder auch nicht in die Schule geschickt. Nur jedes drittes Flüchtlingskind kann überhaupt eine Schule besuchen. Es gibt auch kein Frühstück, weil die Leute hungern. Das ist eine Situation, die ist eine Schande für die Welt, weil das jetzt schon jahrelang so geht.

von Billerbeck: Sie helfen ja mit Ihrem Verein Orienthelfer e.V., was können wir hierzulande tun?

Springer: Das ist schwierig. Ich glaube, wir müssen einfach ein offenes Ohr und Auge für die Problematik haben, wir sind sehr schlecht informiert, was die Situation vor Ort angeht. Ich glaube, wir müssen einfach für jeden, den es geht, den Geldbeutel aufklappen und einfach für die Leute dort unten spenden, denn es ist unglaublich schwierig, die Socken, die übrig sind zu Hause und den Wintermantel von der Oma an eine Hilfsorganisation zu geben.

Die Transportkosten dort runter sind wahnsinnig schwierig, der Zoll macht bürokratische Probleme, da kann es sogar sein, dass der Wintermantel erst im Mai aus dem Zoll kommt. Das heißt, wir müssen jetzt einfach spenden, dass die ganzen Hilfsorganisationen, die vor Ort arbeiten, Geld zur Verfügung haben, um Brennholz einzukaufen, um Kleidung, Decken, Essen einzukaufen.

von Billerbeck: Der Münchener Kabarettist Christian Springer. Danke Ihnen!

Springer: Ich danke Ihnen!

von Billerbeck: Und wenn Sie lesen wollen, was er genau dem CSU-Vorsitzenden und bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer vorwirft, sein offener Brief, "Landesvater, cool down", erscheint heute als Taschenbuch im Eigenverlag, oder Sie gehen mal wieder ins Kabarett zu Christian Springer, in sein Programm "Oben ohne", mit dem ist er gerade unterwegs – ein Aufruf zu mehr Rückgrat, in dem er auch von seiner Arbeit für Flüchtlinge erzählt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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