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Im Gespräch | Beitrag vom 03.07.2020

Kabarettist Philipp SchallerMit der Herkuleskeule gegen Pegida und Co.

Moderation: Susanne Führer

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Porträt von Philipp Schaller (Vivian Breithardt)
"Da geht es manchmal heiß her", sagt Philipp Schaller über das Publikum der Dresdner Herkuleskeule. (Vivian Breithardt)

Philipp Schaller ist einer der meistgespielten deutschen Kabarett-Autoren. Er steht auch selbst auf der Bühne, inzwischen sogar ohne zitternde Hände. Nun führt er die Dresdner Herkuleskeule – und zwar mit dem Nudelsieb aus der Coronapause.

Als neuer künstlerischer Leiter der Dresdner Herkuleskeule hat Philipp Schaller von seinem Vater Wolfgang Schaller im Januar ein traditionsreiches Haus übernommen. Coronabedingt war die Dresdner Bühne dann gleich erstmal geschlossen.

Jetzt soll es Mitte Juli wieder losgehen, allerdings mit einigen Einschränkungen, erklärt er: "Wenn 'gesungen oder exzessiv gesprochen' wird, müssen die Schauspieler einen Abstand von sechs Metern haben, und das ist schwer darstellbar, es sei denn man verwendet 'Spuckschutzvorrichtungen'. So haben wir also Nudelsiebe präpariert, die sich die Kabarettisten vors Gesicht halten. Es sieht absolut absurd aus, aber es hat den Vorteil, dass man wenigstens die Gesichter der Schauspieler sieht."

Auch AfD-Wähler im Publikum

Das Dresdner Publikum sei recht speziell und in der letzten Zeit ziemlich gespalten. "Man merkt das nicht nur, wenn sie was reinrufen, sondern auch energetisch. Da sitzen AfD-Wähler drin, Linkswähler, alle zusammen, und da geht es manchmal heiß her", erzählt Philipp Schaller.

Wenn es inhaltlich zum Beispiel um Flüchtlinge gehe, kämen tatsächlich auch Rufe aus dem Publikum, warum man diese denn aus dem Meer retten sollte. Gesprächsangebote für nach der Vorstellung würden aber nur selten von den Rufern wahrgenommen.

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Ein einziges Mal ist die Situation bisher richtig eskaliert: Eine Gruppe von 15 rechten Störern, ging im Januar gezielt in eine Vorstellung, um zu provozieren. Am Ende warf einer von ihnen ein Glas auf einen Darsteller. "Eine Grenzverletzung, über die wir natürlich unfassbar erschrocken waren", sagt Schaller. Trotzdem freue er sich, nicht nur vor Leuten zu spielen, die ohnehin alle die gleiche Meinung hätten wie er.

Vom Schreiben zum Spielen

Trotz des väterlichen Vorbilds hatte Schaller zunächst ganz andere berufliche Vorstellungen: "Ich wollte Lehrer werden, das war ein sehr sicherer Berufswunsch. Lehrer für Deutsch und Ethik. Das habe ich auch gnadenlos durchgezogen - zwei Monate. Dann hat es mir gelangt. Das lag am wissenschaftlichen Arbeiten. Da habe ich überhaupt keinen Zugang dazu. Ich kann nicht exakt nach Literatur arbeiten. Ich muss mich selber äußern und eine Meinung aufschreiben."

So kam er dazu, meinungsstarke Texte fürs Kabarett zu schreiben, erst für andere wie Gisela Oechelshaeuser oder seine Schwester Ellen Schaller, dann auch für sich selber. Das kostete allerdings Überwindung.

"Ich konnte mir gar nicht vorstellen, auf die Bühne zu gehen. Ich habe gezittert auf der Bühne", erinnert sich Philipp Schaller. Das hat sich mittlerweile geändert: "Inzwischen zieht es mich auf die Bühne. Das ist jetzt genauso mein Arbeitsplatz wie mein Schreibtisch."

(mah)

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