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Friedhofsbesuche mit Schriftstellern / Archiv | Beitrag vom 30.08.2013

Jussi Adler-Olsen

Alter Friedhof von Brøndbyøster, Dänemark

Von Tobias Wenzel

Jussi Adler-Olsen auf dem Alten Friedhof von Brøndbyøster (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)
Jussi Adler-Olsen auf dem Alten Friedhof von Brøndbyøster (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)

Warum umarmt Jussi Adler-Olsen den Grabstein seiner Eltern? Was macht er, wenn er im Flugzeug Angst hat? Und wieso hatte sein Vater Spaß am eigenen Verfall?

Graue Wolken machen der Nachmittagssonne Platz. Zwei Friedhofsgärtner sind mit Grabpflege beschäftigt. Am Horizont der bunt bemalte Schornstein eines Heizkraftwerks. In den schwarzen Marmorstein eines Grabes ist die Zeichnung eines Bootes eingraviert. Jussi Adler-Olsen liest die Inschrift:

"'Gute Reise, du alter Tyrann!' Die hatten Humor! Na ja, ich hoffe doch, das ist ironisch gemeint."

Die hohen, akkurat gestutzte Hecken des Friedhofs müssen Kindern wie die Wände eines Labyrinths erscheinen. Als Kind lebte Jussi Adler-Olsen hier in Brøndbyøster, einer öden Vorstadt Kopenhagens. Kein Grund zurückzukehren, lägen hier nicht seine Eltern begraben. Die hat er zutiefst bewundert. Ein wuchtiger weißer Granitbrocken strahlt aus einer Grabparzelle hervor. In pechschwarzer Schrift sind die Namen von Henry Olsen und Karen-Margrethe Olsen geborene Adler eingraviert. Er wurde 86, sie 96.

"Meine Mutter und ich haben hier am Grab so oft zusammen geweint. Gar nicht mal wegen meines Vaters, vielmehr, weil er uns zurückgelassen hat. Das ist das Schlimme am Sterben: Man selbst wird kleiner nach dem Tod von Menschen, die einem nahe stehen. Ihre Erinnerung an dich, ihre Liebe dir gegenüber verschwindet vollkommen."

Nach dem Tod des Vaters besuchten Jussi Adler-Olsen und seine Mutter 15 Jahre lang jede Woche das Grab des Vaters, bis Ende 2010 auch die Mutter starb. Sie war gläubig; ihr Sohn nennt sich selbst "nicht nicht-religiös".

"Manchmal brauche ich einfach ein Gespräch mit den Göttern oder dem Gott oder Gott, wie auch immer. Das ist etwas sehr Privates. Da kann nur noch meine Frau mit dabei sein. Aber gemeinsam zu Gott sprechen wir beide eigentlich nur, wenn wir im Flugzeug sitzen. Dann aber immer!"

Gibt es ein Leben nach dem Tod? Über diese große Frage möchte Jussi Adler-Olsen lieber erst gar nicht spekulieren:

"Aber ich gebe zu: Als ich zusammen mit meiner Mutter hier am Grab meines Vaters stand und sie mich ganz direkt fragte: 'Jussi, glaubst du an ein Leben nach dem Tod?', da musste ich einfach sagen: 'Ja, Mama, natürlich.' – 'Und sehe ich deinen Vater wieder?' – 'Ja, ganz sicher.' Ich konnte ihr einfach nicht meine Zweifel zumuten. Aber warten wir mal ab, was da kommt."

Jussi Adler-Olsen auf dem Alten Friedhof von Brøndbyøster (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)Jussi Adler-Olsen auf dem Alten Friedhof von Brøndbyøster (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)


Von seinen Eltern hat Jussi Adler-Olsen gelernt, sich Freiraum für Muße zu schaffen, um das eigene Tun immer wieder zu hinterfragen. Und hätte sein Vater, ein Psychiater, den kleinen Jussi nicht immer wieder mit in die geschlossene Anstalt genommen, dann hätte der Sohn sicher nicht so früh die – auch für seine Thriller – prägende Beobachtung gemacht, dass das Gute und das Böse in jedem von uns stecken. Auch in Jussi Adler-Olsens Vater? Hier an dessen Grab erinnert sich der Schriftsteller nur liebevoll an ihn:

"Mein Vater bekam im Alter alle möglichen Krankheiten, er hatte ein schwaches Herz und Diabetes. Aber als Arzt machte es ihm Spaß, mit Medikamenten an seinem eigenen Körper herumzuexperimentieren. Er sagte mir zum Beispiel: 'Gerade ist mein Puls bei 22! So niedrig! Das ist mein Rekord! Ich nehme jetzt aber doch mal lieber eine Tablette.' Er beobachtete fasziniert den Verfall seines eigenen Körpers."

Er solle alle seine Talente nutzen, sagte er seinem Sohn, als der gerade das Medizinstudium abgebrochen hatte. Jussi Adler-Olsen nahm den Ratschlag ernst, wurde Gitarrist, arbeitete als Comic-Redakteur, Koordinator der dänischen Friedensbewegung und als Manager einer Solarfirma. Heute ist er mit seiner Reihe um Carl Mørck vom Sonderdezernat Q einer der meistgelesenen Autoren Europas. Vor seinem Erfolg sei er vielleicht glücklicher gewesen, vermutet Adler-Olsen. Denn ohne Geldsorgen habe er nun vielmehr Zeit, sich über den Tod den Kopf zu zerbrechen:

"Es berührt mich sehr, hier am Grab zu stehen. Das überrascht mich. Schließlich hat mich der Tod seit frühester Kindheit begleitet. Seit ich drei war, war ich auf unzähligen Beerdigungen von Großeltern, Tanten und Onkeln. Ich habe gesehen, wie Ertrunkene an die Küste Dänemarks gespült wurden. Ich war Zeuge eines Flugzeugabsturzes, eines Flugzeuges, in dem eigentlich mein Vater und ich selbst hätten sitzen sollen. Und auch in der Psychiatrie habe ich Menschen sterben sehen. Eigentlich, dachte ich, eine gute Vorbereitung auf die Tage, an denen jemand aus meinem engsten Familienkreis stirbt. Aber ich vermisse meine Eltern. Sehr sogar."

Ein kräftiger Windstoß liest Eichenlaub von den Kieswegen auf und wirbelt die Blätter über unsere Köpfe hinweg.

"Wenn ich wie jetzt vor diesem Stein hier stehe, bin ich Gott ein bisschen näher."

Jussi Adler-Olsen hat eine Bitte. Er möchte fotografiert werden, während er den Grabstein seiner Eltern umarmt, möchte seine Liebe ihnen gegenüber in einem Bild festhalten. Als er sich ins Beet kniet und seine Wange an den Granit schmiegt, wirkt die untergehende Nachmittagssonne wie ein Scheinwerfer.

"Jussi Adler-Olsen, Brøndbyøster kirkegård, nearby the city of Copenhagen, Denmark"


Als ich Jussi Adler-Olsen nach einem Interview in Köln fragte, ob er bei meinem Projekt mitmache und sich von mir auf einem Friedhof seiner Wahl interviewen und fotografieren lasse, sagte er sofort zu und entschied sich für den Friedhof, auf dem seine Eltern begraben liegen. Als es dann konkreter wurde, meldete sich Adler-Olsen nicht mehr. Es verging ein halbes Jahr, bis wir gemeinsam den Friedhof von Brøndbyøster betraten. Später erzählte mir der Schriftsteller, der Verlust seiner Eltern sei so schmerzlich für ihn, der Tod der Mutter noch so nah, dass er einfach Zeit gebraucht habe, um bereit zu sein für diesen Friedhofsgang, bei dem ein Journalist anwesend sei.

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