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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.03.2020

Juri Buida: "Nulluhrzug"Menschen als stalinistisches Strandgut

Von Fabian Wolff

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Cover des Buchs "Nulluhrzug" von Juri Buida vor einem orangfarbenen Aquarellhintergrund (Aufbau Verlag / Deutschlandradio)
Die Figuren in Juri Buidas "Nulluhrzug" wisen, dass sie in einem absurden Theaterstück stecken. (Aufbau Verlag / Deutschlandradio)

Durch eine Siedlung am Rand eines sowjetischen Gulags fährt jede Nacht ein Zug. Die Bewohner, Juden und Kinder von „Volksfeinden", müssen ihn melden. Juri Buidas Kurzroman “Nulluhrzug” ist ein Buch ohne Hoffnung. Aber von großer Intensität.

Auch wenn Juri Buidas Kurzroman "Nulluhrzug" ein Buch der Ernüchterung und Entfremdung ohne Hoffnung ist, so ist es doch im Geist einer russischen Revolution geschrieben. Eine, die 74 Jahre nach dem Roten Oktober 1917 stattfand: jener tragisch kurzlebigen Ära nach dem Ende der Sowjetunion nämlich, die von Historikern "Archivrevolution" genannt wird.

Auf Grundlage geheimster Dokumente des Sicherheitsapparates konnte das Ausmaß des stalinistischen Terrors und des GULAG-Systems erstmals tiefgehender erforscht werden. Auch Bücher, deren Schicksal eigentlich die Schublade oder das Versteck unter Dielenböden war, konnten erscheinen. Für einen kurzen Moment sah es so aus, als würde jetzt über das Trauma und den Terror des Stalinismus so offen gesprochen, wie es selbst in der Perestroika nicht möglich gewesen war.

Gefühl der schrecklichen Zeitlosigkeit

Der "Nulluhrzug", 1993 auf Russisch erschienen, ist keines dieser geheimen Manuskripte - und Buida, geboren ein Jahr nach Stalins Tod, ist auch kein Gulag-Opfer. Er gehört zu jener letzten Sowjetgeneration, deren Erfahrungen der Historiker Alexei Yurchak mit "alles war für immer, bis es nicht mehr war" zusammenfasste.

Buidas Roman verortet dieses Gefühl der schrecklichen Zeitlosigkeit vier Jahrzehnte vor dem Zusammenbruch, in einer kleinen Siedlung am Rande eines Gulags. Jede Nacht fährt hier der Nulluhrzug durch, und die Bewohner müssen seine Durchfahrt per Telegramm melden.

Was der Zug transportiert – Gummistiefel, Holz, oder Menschen – weiß niemand, und niemand will es wissen. Die Anwohner der Siedlung sind Ausgestoßene, stalinistisches Strandgut: Juden wie die Landaus, oder Kinder von "Volksfeinden". Zu diesen gehört auch die Hauptfigur Iwan Ardabjew, der den Spitznamen Don Domino hat.

Hammerschläge und phantasmagorische Erotik

Diese Konstruktion einer kleinen Siedlung als Allegorie für das gesamte kommunistische Projekt hat Tradition in der sowjetischen Literatur, von kitschigen Erbauungshymnen hin zu den vorsichtig kritischen Kurzgeschichten, die Wassili Grossman neben seinen großen Kriegsromanen schrieb. Einige dieser Geschichten konnten erst in der Perestroika erscheinen, vor allem in der Zeitschrift "Oktjabr" - womit gleichzeitig gesichert war, dass die Traditionslinien der großen russischen Literatur auch das Ende der Sowjetunion überleben.

Auch "Nulluhrzug" erschien zuerst in "Oktjabr" und ist dieser sozialkritischen Tradition in Teilen noch verpflichtet. Präzise Nadelstiche und Hammerschläge wechseln sich ab mit sprachlichen Schleifen, die eine phantasmagorische Erotik beschwören. Vermutlich waren es diese expliziten Grenzüberschreitungen, die das Buch bei Erscheinen in Russland zu einem Erfolg machten.

Heute sind es ironischerweise die verstörend lakonischen Passagen, in denen stumpfe Verzweiflung erzeugt wird, die besonders überzeugen: "Das war nicht seine Musik. Vielleicht war seine Musik die Musik seines Vaters? Doch sein Vater hatte der Mutter in die Schläfe geschossen, anschließend sich selbst und dann den Sohn mit diesem unbegreiflichen Leben alleingelassen." Aus den Dialogen, von Ganna-Maria Braungardt mit genauem Ohr ins Deutsche übertragen, sprechen tumbe Verzweiflung und ganz leichtes Pathos.

Der zum Scheitern verurteilte Kampf gegen die Leere

Unbegreiflich ist das Leben von Buidas Figuren nicht etwa, weil es so kompliziert wäre, oder weil sie in einem Lügensystem wie im antistalinistischen Klassiker "Sonnenfinsternis" von Arthur Koestler gefangen sind. Sie wissen einfach, dass sie in einem absurden Theaterstück stecken, in dem auch Metaphern nur noch müde Imitationen von Bedeutung sind.

Am Ende, die Sowjetunion gibt es schon nicht mehr, fliegt der graue Blei in die Luft. "The Future is History", beschreibt Masha Gessen das heutige Russland. Die Zukunft ist leer, schreibt Buida. Das sture und zum Scheitern verurteilte Ankämpfen gegen diese Leere gibt seinem Roman in den besten Passagen die Intensität eines post-sowjetischen Faulkners.

Juri Buida: Nulluhrzug
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Aufbau Verlag, Berlin 2020
142 Seiten, 18 Euro

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