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Studio 9 | Beitrag vom 26.08.2020

Juniorprofessorin Mira SieversIslamische Theologin mit Transidentität

Von Claudia van Laak

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Porträt von Prof. Dr. Mira Sievers, Juniorprofessorin für Islamische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. (Humboldt-Universität zu Berlin)
Mira Sievers, Juniorprofessorin für Islamische Theologie, wurde als Katholikin getauft, mit 15 Jahren konvertierte sie zum Islam. (Humboldt-Universität zu Berlin)

Mit 15 Jahren zum Islam konvertiert, mit 28 Professorin: Mira Sievers lehrt Islamische Theologie an der Berliner Humboldt-Universität. Es sind nicht die einzigen Schritte, die ihre Biografie so außergewöhnlich machen.

Unter dem Schreibtisch liegen leere Umzugskartons, an der Wand lehnen gerahmte Fotos aus dem Iran, in der Ecke steht ein knallroter Rollkoffer. Immerhin, die Kaffeemaschine ist schon da.

Mira Sievers hat ihr Büro noch nicht richtig eingerichtet, pendelt zwischen Frankfurt und Berlin. Corona ist schuld. Die Junior-Professorin für Islamische Theologie hadert mit dem Online-Unterricht, ihr fehlt die direkte menschliche Begegnung:

"Vor allen Dingen macht es einen großen Unterschied, ob man die Studierenden aus den früheren Semestern aus persönlichen Begegnungen kennt und mit denen dann weitermacht, oder ob man sie eben ganz neu kennenlernen möchte, und das geht ja unter Corona-Bedingungen ganz, ganz schwierig."

28 Jahre alt ist sie erst und schon Professorin. Mira Sievers spricht Arabisch, Türkisch und Persisch, studierte als eine der ersten in Deutschland das Fach Islamische Theologie. Als Katholikin getauft, konvertierte sie mit 15 zum Islam.

"Wenn man konvertiert, ist das eigentlich meistens eine Mischung aus emotionalen, also persönlichen Gründen und etwas, wo man sagen würde, das überzeugt mich. Dass der Islam eine sehr direkte Gottesbeziehung lehrt, ist etwas, was mir sehr gut gefallen hat."

In ihrem Personalausweis stand ein männlicher Name

Mira Sievers trägt kein Kopftuch. Die schwarzen langen Haare hat sie hochgesteckt. Zum knielangen schwarz-rot-weißen Kleid mit graphischen Mustern passt farblich perfekt die rote Brille, an den Füßen trägt sie schwarze Ballerinas, die Fingernägel sind altrosa lackiert: "Ich bin eine Frau. So kann man das richtig beschreiben."

Niemand, der Mira Sievers begegnet, würde daran zweifeln. Vor drei Jahren allerdings stand in ihrem Personalausweis noch ein männlicher Vorname. Den möchte sie allerdings nicht im Radio hören – er ist für sie mit schmerzhaften Erinnerungen verbunden: "Ja, ich habe eine Transidentität. Gut."

Mira Sievers geht offen mit dieser Tatsache um, legt gleichzeitig großen Wert auf die richtige Beschreibung. Nein, sie hat nicht das Geschlecht gewechselt. Nein, die Entscheidung war nicht mutig: "Man hat auch einfach keine Wahl, das darf man nicht vergessen. Es ist bei vielen Transpersonen eine Frage von Leben und Tod. Also wir haben ja enorme Suizidraten bei Transpersonen."

Mira Sievers will authentisch sein, auch ihren Studierenden gegenüber. Deshalb war es ihr ganz wichtig, den Prozess bis zum Ende zu gehen und ihr Frausein auch nach außen zu dokumentieren. Türschild, Ausweis, E-Mail-Adresse, Führerschein, Bankkonto, Vorlesungsverzeichnis – alles in einem Rutsch geändert.

Die 28-Jährige spricht langsam und überlegt, zögert, bevor sie Fragen zu ihrer Transidentität beantwortet:

"Google erinnert sich, ja. Aber das ist ja das Thema mit dem Authentischsein. Also ich würde jetzt auch nicht sagen, ich bin nicht Trans. Das mache ich auch nicht. Aber das ist ja nicht das Primäre. Sondern: Ich bin eine Frau. Und daran erinnert sich Google auch."

Keine Diskriminierung an der Universität

An der Uni habe sie nie Diskriminierung erfahren. Der Beirat am Institut für Islamische Theologie der Humboldt-Universität zögerte zwar vor ihrer Berufung, am Ende erhielt sie aber die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit.

Mira Sievers befasst sich in ihrer Forschung unter anderem mit islamischer Ethik. Sie ärgert sich darüber, dass ihre Religion in der gesellschaftlichen Debatte fast ausschließlich als Problem identifiziert wird:

"Auf der anderen Seite ist es so, dass auch die islamische Tradition Dinge anzubieten hat, die für die Gesellschaft insgesamt interessant sein können, die einen Mehrwert darstellen können."

Die Professorin nennt ein Beispiel: Als zu Beginn der Corona-Pandemie in Norditalien nicht für alle Patienten Beatmungsgeräte zur Verfügung standen, begann eine Debatte über das Thema Triage. Wem hilft man, wen lässt man im Zweifel zurück, welche Kriterien gelten?

Nicht nur christliche und jüdische, auch muslimische Stimmen sollten zu diesem Thema gehört werden, sagt Mira Sievers bestimmt. Je stärker die Studiengänge für Islamische Theologie wachsen, je mehr Absolventinnen und Absolventen es gibt, umso selbstverständlicher werde es, dass muslimische Theologen gefragt und gehört werden. Das wünscht sich die Muslima zumindest.

Den Islam im hiesigen Kontext neu denken: Das ist Mira Sievers ein wichtiges persönliches Anliegen: "Es werden die Bedürfnisse der Gläubigen aufgegriffen. Und das ist etwas, da haben einfach auch muslimische Gläubige ein Recht darauf, dass es diese Form der wissenschaftlichen Reflexion der islamischen Religion gibt."

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