Seit 16:00 Uhr Nachrichten

Montag, 17.02.2020
 
Seit 16:00 Uhr Nachrichten

Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 09.01.2015

Junges Judentum in BerlinFreies Spiel mit der Religion

Von Carsten Dippel

Podcast abonnieren
Ein Chanukka-Leuchter auf dem Pariser Platz am Brandenburger Tor in Berlin, Dezember 2014 (picture alliance / dpa)
Junge russischsprachige Juden entscheiden sich bewusst für Berlin, weil die Stadt so viele Formen jüdischen Lebens ermöglicht - ein Chanukka-Leuchter am Brandenburger Tor. (picture alliance / dpa)

In Berlin haben junge russischsprachige Juden ganz eigene Wege gefunden, ihr Jüdischsein zu leben. Sie greifen sich aus der Tradition die Aspekte heraus, die ihnen wichtig sind. "Kosher light" nennt das die Ethnologin Alina Gromova.

"Er hat Steak bestellt, das war ein argentinisches Restaurant, bestellt well done. Ohne Blut. Koscher. Und dieses Steak wurde serviert mit einem Baguette mit Butter beschmiert. Und er hat das gegessen und wurde angesprochen von uns: Wie kann er das mit seiner koscheren Lebensweise vereinbaren? Daraufhin sagte er: Er hat durch das Brot eine Zwischenschicht geschaffen zwischen Fleisch und Milch."

Alina Gromova ist noch heute verblüfft über die Reaktion von Vlad, einem aus Wilna stammenden Juden, der 1994 im Alter von zwölf Jahren mit dem großen Strom an Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kam. Sie schildert die Szene in ihrem Buch "Kosher Light". Es ist das Ergebnis einer Recherche unter jungen russischsprachigen jüdischen Einwanderern in Berlin. Ein Jahr lang hat die Ethnologin 15 junge Leute mit ganz unterschiedlichem soziokulturellen Hintergrund in ihrem Alltag begleitet. Sie wollte herausfinden, wo sie sich aufhalten, welche Art von Judentum sie leben. Wie schwer es war, hier anzukommen, hat die in der Ostukraine geborene Alina Gromova selbst erfahren.

"War erst mal mit alltäglichen Dingen beschäftigt, mit denen alle Migranten beschäftigt sind: mit Schule, sich umschauen, wie das Land funktioniert und hatte nicht viel Zeit, mich mit dem Judentum auseinanderzusetzen und merkte dann, dass mir was fehlt. Dass ich das wiederfinden will in Deutschland."

Kreativer, selbstbewusster Umgang mit jüdischer Tradition

Alina Gromova zeigt die Lebenswelten dieser Einwanderer, die wie sie selbst auf der Suche nach ihrer jüdischen Identität sind. Da ist Dina, die als Zwölfjährige nach Deutschland kam und heute als Ärztin in Berlin arbeitet. Als Kind sei sie mit jüdischer Tradition kaum in Berührung gekommen. Dina zog von Hamburg an die Spree, weil sie dort erst den Anschluss an jüdisches Leben gefunden habe. Berlin mit seiner Pluralität biete, so erzählt es Dina in Gromovas Buch, einfach jedem die Form jüdischen Lebens, die seinen Wünschen und Vorstellungen entspreche.

Auch Vlad ging nach dem Studium nach Berlin. Anders als Dina habe er sich schon früh mit dem Judentum identifiziert. Als sogenannter Vaterjude, fühle er sich jedoch bei keiner der religiösen Strömungen in Berlin wirklich akzeptiert. So verschieden die Wege der 15 sind, was sie eint, ist der Lebensentwurf à la kosher light, sagt Gromova.

"'Kosher light' bedeutet, dass man sehr kreativ, auch sehr selbstbewusst mit der Tradition umgeht und dass man Religion nach dem eigenen Lebensstil richtet."

Sie wurden nicht hineinsozialisiert in die jüdische Tradition und das habe Folgen für ihr Verständnis vom Judentum. Geboren in der Sowjetunion, in einer nichtjüdischen Umwelt. Aufgewachsen in Familien mit oftmals nur einem jüdischen Elternteil, die jüdische Religion in einer religionsfeindlichen Gesellschaft kaum mehr als eine blasse Erinnerung. Auf diese Weise hätten sich vielschichtige Identitäten herausgebildet. Gromova hat beobachtet, wie gekonnt ihre Protagonisten heute zwischen diesen Identitäten hin- und herwechseln. Je nachdem, was die jeweilige Situation gerade erfordere.

"Im Mittelpunkt dieser Generation steht nicht die Religion oder die Ethnizität, nicht diese großen Erzählungen, sondern tatsächlich Teilaspekte. Das ist entweder Religion oder Geschichte, Partnervermittlung, Essen. Man greift sich Teilaspekte heraus, um die Möglichkeit zu haben, in den anderen Organisationen wiederum andere Aspekte herauszugreifen und dann verschiedene Lebensweisen zu vereinbaren. Man schafft hybride Lebensstile, man jongliert mit verschiedenen Bausteinen."

Erst als Erwachsene mit dem Judentum beschäftigt

Nach dem Asylverteilungsschlüssel waren viele Zuwanderer in Gegenden ohne jüdische Infrastruktur gelandet. An den Aufbau eines eigenen jüdischen Lebens war kaum zu denken. Die bewusste Entscheidung, nach Berlin zu gehen, interpretiert Gromova daher auch als Suche nach dem jüdischen Leben. Viele ihrer Gesprächspartner hätten sich so erst als Erwachsene mit der jüdischen Tradition auseinandergesetzt. Das sei auch die Quelle für das Konzept von "kosher light".

"Das bedeutet für mich in diesem Moment nicht, man macht nicht irgendwas ganz nicht nach Regeln, sondern light bedeutet, man ist frei in seinem Umgang, man ist kreativ und man ist so selbstbewusst, dass man aus der Tradition die Dinge herauspickt, die für den eigenen Lebensstil passen."

Gromovas Studie ist nicht repräsentativ. Dennoch können die Geschichten ihrer Protagonisten, die sie als "Experten der Postmoderne" beschreibt, durchaus als charakteristisch für diese Zuwanderergeneration gelten. Da ist dann nicht mehr zwingend die Synagoge der Fluchtpunkt des jüdischen Lebens, sondern vielleicht ein koscheres Restaurant oder die Party eines Freundes. Das Jüdischsein als Lebensstil werde an den eigenen Bedürfnissen im urbanen Raum ausgerichtet. "Kosher light" heißt für Gromova das Kreieren einer eigenen jüdischen Identität fernab etablierter Formen und Strukturen des organisierten jüdischen Lebens in Deutschland.

"Man kommt ja aus einer säkularen Tradition und man geht mit Informationen sehr selbstbewusst um. Möchte auch über religiöse Traditionen seine eigene Meinung bilden. Das ist kennzeichnend für dieses neue Judentum. Vieles, was schon da ist, noch mal umdreht und draufschaut und fragt, entspricht das meinen eigenen Vorstellungen? Entspricht das meiner Lebensweise, kann ich die jüdische Tradition mit meiner modernen Lebensweise vereinbaren? Dadurch schafft man natürlich Interpretationen des Judentums, die jenseits der tradierten jüdischen Tradition liegen."

Die eigene Rolle hängt vom Gegenüber ab

Das dabei am stärksten verbindende Band unter ihnen sei die russische Sprache. Anders als die Elterngeneration, träten die jungen russischsprachigen Juden jedoch aus dem kulturellen und oft folkloristischen Kontext ihrer Herkunft heraus. Sie setzten sich in Kleidung, Essen, Mentalität deutlich von anderen "Russen" ab. Gleichwohl spiele die russische Kultur eine große Rolle. Nur breche man eben aus dem Kokon heraus. Man trifft sich nicht in einem bestimmten russischen Restaurant oder Club, sondern an dem Ort, den man gemeinsam mit Freunden und Bekannten für sich erschließe. In welcher Identitätsrolle man dabei auftrete, entscheide sich immer auch am Gegenüber, sagt Gromova.

"Wenn man mit einem Deutschen spricht, dann fungiert man oft als Russe. Wenn man mit einem anderen Juden spricht, dann ist man ein Jude. Wenn man mit einem Israeli spricht, dann kritisiert man das Land manchmal. Wenn man mit Türken oder Arabern spricht, wird man zum israelischen Patriot. Je nachdem, wo man sich befindet, ordnet man sich in eine bestimmte Kategorie und Russisch ist eine dieser Zuordnungen. Aber es ist nichts da, was am dominantesten ist. Man kann diese Leute nicht als Russen, nicht als Juden, nicht als was anderes in erster Linie bezeichnen. Die sind sehr mobil, gehen wie Jongleure mit ihren Identitäten um, schaffen es tatsächlich, mit dieser urbanen Stadtlandschaft zu spielen, so wie es ihnen gerade passt."

Mehr zum Thema:

Junges Judentum - "Man muss dagegen kämpfen"
(Deutschlandradio Kultur, Aus der jüdischen Welt, 21.02.2014)

Aus der jüdischen Welt

Jüdische Hachschara-BewegungFit für den Kibbuz
Eine junge Frau füttert Hühner auf dem Feld. (akg images / Abraham Pisarek)

Tausende jüdische Jugendliche wanderten in den 1920er und 1930er Jahren nach Palästina aus, um im Kibbuz zu arbeiten. Zuvor hatten sie sich gewissenhaft auf die neue Aufgabe vorbereitet – in Deutschland gab es mehr als 30 Ausbildungsstätten.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur