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Interview / Archiv | Beitrag vom 22.11.2014

Junge Islam Konferenz"Muslimisch und nicht-muslimisch sind keine Konfliktlinien"

Leiterin der Jungen Islam Konferenz sieht Gesellschaft als "vereint in Vielfalt"

Esra Küçük im Gespräch mit André Hatting

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Esra Küçük (JIK / Foto: Nina Pieroth)
Esra Küçük (JIK / Foto: Nina Pieroth)

Angesichts von zwei Millionen junger Menschen in Deutschland mit islamischem Hintergrund fordert die Leiterin des Diskussionsforums Junge Islam Konferenz (JIK), Esra Küçük, Normalität als vielfältig zu begreifen.

André Hatting: Ein Nachteil von Konferenzen ist ihr formeller Charakter: Vorträge, Diskussionspanels, Experten reden über ein Thema. Miteinander reden, das ist dagegen die Idee der Jungen Islam Konferenz Berlin. Die endet an diesem Wochenende und die Leiterin und Gründerin dieser Veranstaltung, Esra Küçük, die ist jetzt am Telefon. Guten Morgen, Frau Küçük!

Esra Küçük: Guten Morgen, Herr Hatting, ich grüße Sie!

Hatting: Eine Besonderheit der Jungen Islam Konferenz ist, dass sowohl muslimische als auch nicht-muslimische Jugendliche teilnehmen. Wie haben Sie die eigentlich ausgewählt?

Küçük: Ja, das ist ganz richtig. Wir sind eigentlich eine herkunftsübergreifende Truppe, sage ich jetzt mal, die da zusammenkommt, und letztendlich steht die Herkunft bei der Konferenz gar nicht so sehr im Mittelpunkt, es geht mehr um eine Haltung, die wir gemeinsam entwickeln. Die Jugendlichen können sich bewerben, wenn sie im Alter zwischen 17 und 23 Jahren sind, aus Berlin kommen und Lust haben, an Debatten zu, wie ist unsere Gesellschaft zusammengesetzt, was macht deutsche Identität aus, zu diskutieren.

Hatting: Und wer bewirbt sich da? Kommt da auch der arbeitslose Kfz-Mechaniker aus Neukölln oder sind es dann doch eher die Kinder und Jugendlichen aus höheren Bildungsschichten?

Küçük: Also wir versuchen, zusammenzusetzen aus Schülerinnen und Schülern, Auszubildenden und Studierenden. Da haben Sie recht, da kommt natürlich der Jugendliche, der auch ein gewisses Interesse oder eine Relevanz in seinem Alltag sieht, was dieses Thema betrifft. Aber wir bilden diese Jugendlichen aus zu Multiplikatoren, zu sogenannten Dialogbotschaftern, und werden sie dann weiter in Schule, in Vereine und Verbände, sozusagen dorthin entsenden, damit sie die Methoden, die sie gelernt haben, auch dort mit Gleichaltrigen oder Jüngeren einsetzen können. Und da erreichen wir dann eher den Kfz-Mechaniker, von dem Sie gerade sprachen.

Die junge Generation ist sehr divers

Hatting: Was sind das denn für Methoden, die die Dialogbotschafter dann erlernen und weitergeben?

Küçük: Es geht ganz viel um Sensibilisierung. Also dass wir in unserer Gesellschaft Stereotype haben, Vorurteile, Erwartungen aneinander ist erst mal völlig normal. Es geht darum, damit umzugehen. Also wenn wir in einer Gesellschaft leben, die sich verändert, die vielfältiger wird – heute bringt jedes dritte Kind, das eingeschult wird, einen Migrationshintergrund mit –, wenn wir uns die Gruppe von Muslimen in Deutschland anschauen, dann wissen wir, dass von den vier Millionen Muslime die Hälfte, also zwei Millionen, unter 25 Jahre alt sind. Das heißt, wenn wir in unsere junge Generation sehen, sehen wir, dass die sehr divers ist. Und wir vermitteln Methoden, dieses Thema erst mal anfassbar zu machen, mehr übereinander zu wissen, beispielsweise sprechen wir ganz viel in der Gesellschaft über den sogenannten Islam, aber dann wissen wir ganz wenig dann doch übereinander, wenn wir einander im Alltag begegnen. Und es geht darum, Methoden zu erlernen, wie dieses Thema ein wenig unverkrampft differenziert anfassbar werden kann.

Hatting: Also Differenzierung, Sie haben eben auch schon die Diversität angesprochen. Trotzdem ist das Thema ja Identität, nämlich Berliner Identität. Gibt es denn überhaupt eine gemeinsame Berliner Identität oder welche Unterschiede gibt es zwischen Muslimen und nicht-muslimischen Jugendlichen?

Küçük: Genau. In unseren Länderforen – und jetzt tagt ja gerade die Junge Islam Konferenz Berlin – geht es um lokale Themen. Im letzten Jahr hat die Junge Islam Konferenz zu dem Bereich Schule getagt, also interkulturelle Öffnung von Institutionen am Beispiel von Schule, und dieses Jahr geht es um den öffentlichen Raum hier in Berlin, Urbanität, Stadt-Identität, die Frage eben auch, was so eine Stadt alles aufweisen muss, wenn wir sozusagen nach 50 Jahren Einwanderung jetzt hier eine Gesellschaft haben, die diverser ist. Vor zwei Wochen haben wir angefangen, zu tagen, pünktlich zum 25-jährigen Gedenken des Mauerfalls, und haben uns auch mal die Geschichte 25 Jahre Mauerfall aus migrantischer Perspektive angeschaut. Wir haben dann den Rahmen noch größer gemacht und haben auf die letzten 50 Jahre geschaut. Was hat sich verändert und was sind auch im öffentlichen Raum Streitpunkte, wie sich so eine Gesellschaft, mit der sich eine Gesellschaft auseinandersetzt?

Konfliktlinien verlaufen nicht zwischen dem muslimisch- und nicht-muslimisch-Sein

Hatting: Frau Küçük, ich komme noch mal auf die Frage zurück, die ja das Motto dieser Konferenz in diesem Jahr ist, nämlich die Berliner Identität. Gibt es wirklich eine gemeinsame Berliner Identität von muslimischen und nicht-muslimischen Jugendlichen?

KKüçük: Nein, es gibt keine gemeinsame Identität, und das macht das Spannende aus. Aber das Spannende macht aus, dass die Konfliktlinien nicht entlang des muslimisch und nicht-muslimisch-Seins läuft, also dass wir eine muslimische Identität haben und eine Berliner Identität. Genau das macht es eben aus, dass die Berliner Identität an sich sehr vielfältig ist. Und das ist so ein Schritt hin zu, wenn wir Normalität auch als vielfältig begreifen, ich glaube, dann stellen wir uns gar nicht mehr die Fragen von, nennen Sie mir drei Aspekte von Berliner oder deutscher Identität, weil dann haben wir uns als Gesellschaft schon viel vielfältiger begriffen und sind sozusagen vereint in dieser Vielfalt.

Hatting: Frau Küçük, Sie haben vorhin schon klar gemacht, dass es ja zum Beispiel weder die Berliner Identität gibt, noch den Islam. Das haben Sie vorhin schon gesagt. Eine, ich sage mal, Abart des Islam ist der Islamische Staat, der ja im Namen des Islam mordet und tötet, und wie wir wissen, gibt es immer mehr Deutsche auch, die in den Irak und nach Syrien ziehen, um den Islamischen Staat zu unterstützen. Ist das auch ein Thema auf der Konferenz? Diskutieren die Jugendlichen darüber auch?

Hinwendung Jugendlicher zu Salafismus und exremistischem Terror

Küçük: Also Extremismus ist nicht direkt explizites Thema der Jungen Islamkonferenz, aber dadurch, dass extremistische Salafisten ganz oft in ihrer Rhetorik Diskriminierungserfahrungen von Jugendlichen aufnehmen in der Art, wie sie Jugendliche ansprechen, wird es dann doch zu einem wichtigen Thema. Was meine ich damit? Ich meine damit, wenn man im Internet schaut, wie die Argumentation von IS-Rekrutierung ist, dann spielt sie ganz viel damit, dass sie Jugendliche ansprechen möchte, die sich von der Gesellschaft abgegrenzt fühlen, die sich von der hiesigen Gesellschaft nicht angenommen fühlen, die in ihrem Alltag viel Diskriminierungserfahrung erleben. Die sprechen sie gezielt an, indem sie sagen: Ach, wenn du dich von der hiesigen Gesellschaft ausgegrenzt fühlst, wenn du hier nichts erreichen kannst, wenn du hier abgehängt worden bist und hier nicht angenommen wirst, dann komme doch zu uns. Wir geben dir sozusagen eine Identität und wir sind eine Gemeinschaft, wo du dazugehören kannst. Das heißt, es geht ganz viel auch um so psychologische Identitätsmomente, und da kommen sozusagen Themen auf, die für uns auch interessant sind.

Hatting: Das ist die zweite Berliner Junge Islam Konferenz. Gab es eigentlich politische oder gesellschaftliche Impulse oder Konsequenzen aus der ersten?

Küçük: Die erste Junge Islam Konferenz in Berlin hat sich mit dem Bereich Schule beschäftigt, und im Nachhinein haben sich verschiedene Arbeitsgruppen gebildet, die gewisse Themen, die wir identifiziert haben, weiter ausarbeiten, beispielsweise Antidiskriminierungsstellen an Schulen oder Ausbildung und Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Und an Konzepten dazu arbeiten die JIKler derzeit noch weiter und werden dann versuchen, ihre Ideen an politische Entscheidungsträger und in den öffentlichen Raum zu kommunizieren. Wir sind da sozusagen noch dran und mitten im Prozess derzeit.

Hatting: Esra Küçük, Leiterin der Jungen Islam Konferenz Berlin, die an diesem Wochenende zu Ende geht. Vielen Dank für das Gespräch, Frau Kücük!

Küçük: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Informationen zur Jungen Islam Konferenz (JIK) – Berlin

Mehr zum Thema:

Deutsche Muslime - Haltung zeigen zum Islamismus
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 19.11.2014)

Eine Frage der Ziele
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 21.09.2012)

Islam - Sex muss keine Sünde sein
(DRadio Wissen, Meine Zukunft, 30.07.2012)

Islamismus - Junge Muslime auf Sinnsuche
(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 07.09.2014)

Junge Islamkonferenz kritisiert Zusammensetzung der Deutschen Islamkonferenz
(Deutschlandfunk, Interview, 19.04.2012)

Wahlkampfthema Integration
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