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Tonart | Beitrag vom 23.09.2015

Junge Bands in GriechenlandZwischen Euphorie und Wut

Von Jannis Papadimitriou

Die Sängerin Σtella (Stellathemusic.com/ Fotis Astropaliotis)
Die Sängerin Σtella (Stellathemusic.com/ Fotis Astropaliotis)

Von der aktuellen Situation in Griechenland sind natürlich auch die Musiker betroffen. Viele träumen von einer Karriere im Ausland oder setzen auf Direktvermarktung im Netz. Einige hat aber auch erst die Krise dazu gebracht, sich ganz der Musik zu widmen.

"Meine erste CD kam erst im Februar raus. Früher wollte ich nur experimentieren - mit verschiedenen Instrumenten und Musikrichtungen. Doch in den letzten Jahren ist so viel passiert, dass die Zeit reif war für eine CD. Und ich habe wie verrückt dafür gearbeitet."

Leicht verträumt, geheimnisvoll, treibend klingt der Sound von Stella Chronopoulou aus Athen. Mit "Picking Words" wird Stella in Griechenland als künftiger Star gehandelt. Die erste Auflage ihrer CD ist ausverkauft, von ihrer Kunst kann die 36-Jährige dennoch nicht leben. Nun setzt sie auf Soundcloud und Live-Konzerte. Immerhin habe sie mit ihrer Musik die griechischen Inseln fest im Griff, sagt sie im Scherz:

"In diesem Sommer haben Freunde aus dem Urlaub angerufen und gesagt 'Hey, wir sind um die Häuser gezogen und haben deine Musik gehört'. Für mich war es eine Riesenfreude - und eine völlig neue Erfahrung …"

Stella ist mit der Musik von Whitney Houston, Queen, Guns 'N Roses groß geworden. Und mit einem Au-Pair-Mädchen aus Kanada aufgewachsen, daher ihr perfektes Englisch.

Nach dem Studium an der Hochschule der Künste in Athen arbeitete die junge Frau als Fotografin und technische Redakteurin. Bis zum Ausbruch der Krise im Jahr 2009 lief das Geschäft richtig gut, sagt sie. Und dann kam der große "Schnitt":

"Heute sage ich im Nachhinein: Ich hätte sowieso keine Lust, mein Leben lang nur Laptops zu fotografieren. Ich will einfach nur Musik machen und die Krise hat mir den letzten Schub dafür gegeben. Denn ich hatte auf einmal weniger Aufträge und viel mehr Zeit …"


"Ich will wieder träumen"

Ein Song, der scheinbar gut zur Krise passt: "I wanna dream again" von der jungen Band My Drunken Haze aus Athen. Doch nein, das Lied ist nicht politisch motiviert, es geht um ein zeitloses Thema: Die Liebe und ihre Tücken. Eine Komposition von Spiros Frilingos, der auch E-Gitarre spielt.

Ihr erstes Album hat die Band in diesem Jahr auf Vinyl herausgebracht. Am Mikrofon: Eine junge Sängerin mit dem Künstlernamen Matina Sou Peau. Klingt unwiderstehlich französisch, doch dahinter steckt ein kluges griechisches Wortspiel, unübersetzbar ins Deutsche. Verspielt kommt auch die Musik von My Drunken Haze daher: Dream Pop- eine Hommage an die sechziger Jahre.

Spiros Frilingos: "Diese Zeit war meine Inspiration. Da war alles noch so authentisch: Die Menschen, die sozialen Bewegungen, die Musik. Stell dir vor, damals standen die Doors und die Jefferson Airplane gemeinsam auf der Bühne. Etwas Ähnliches erlebst du heute nicht mehr…"

So manche betrachten Griechenland als das Kalifornien Europas - nicht nur wegen desolater Finanzen, sondern vor allem wegen der Gutwettergarantie. Wenn das stimmt, liefert My Drunken Haze den Soundtrack dazu.

300 Tage Sonnenschein sorgen nicht für Jobs

Allerdings: Auch 300 Tage Sonnenschein pro Jahr helfen nicht über die Krise hinweg. Die jungen Menschen werden prekär oder gar nicht beschäftigt, klagt der Musiker und studierte Tontechniker Spiros Frilingos. Und einen anständigen Job bekommt man in der Regel nur über Beziehungen.

"Ein Freund von mir hat Ozeanographie studiert und arbeitet nun in einem Restaurant. Ich kenne viele, die wegen Überqualifikation abgelehnt werden. Gut, als Spüler findest du immer einen Job. Ansonsten bleibt aber nichts anderes übrig, als dich weiterhin zu bewerben. Ich schicke gelegentlich auch Bewerbungen. Meistens bekomme ich gar keine Antwort".

My Drunken Haze setzt auf Direktvertrieb: Die Band will ihre Musik über YouTube und Bandcamp promoten und träumt von einer Tour im Ausland - am liebsten in Frankreich, Italien oder England. Nächstes Jahr könnte es soweit sein, sagt Spiros. Für Politik hat der Musiker nicht mehr viel übrig. Von den etablierten Parteien zeigt er sich enttäuscht:

"Neulich wurden wir zu einer Volksabstimmung aufgerufen. Wir haben mit Nein gestimmt und wurden dennoch überstimmt. Das Volk hat nichts mehr zu sagen, Entscheidungen werden woanders gefällt. Heute würde ich gar nicht mehr zur Wahl gehen. Oder vielleicht doch eine kleinere Partei wählen".

Wie die meisten jungen Menschen in Griechenland hält sich auch Stella von der Politik fern. Genauer gesagt: Sie hat ihr eigenes Verständnis von Politik.

"Du kannst doch nicht über deine Zukunft entscheiden, wenn du nur einmal alle vier Jahre wählen gehst. Politik findet statt jeden Tag. Dein Verhalten, deine Entscheidungen, die Frage ob du nur an dein eigenes Interesse denkst, das alles ist Politik. Wir beklagen korrupte Politiker. Aber wer bringt diese Politiker an die Macht? Offensichtlich tut es doch jemand".

Kein gutes Pflaster für Jazzmusiker

Ein sicher geglaubtes Interview musste im letzten Moment ausfallen: Der Jazzmusiker Stelios Chatzikaleas aus Thessaloniki hat das Land kurzfristig verlassen und lebt nun in Brüssel. "Es hat einfach keinen Sinn mehr, in Griechenland als Jazzmusiker zu leben" sagte mir Chatzikaleas am Telefon. Manchmal seien nur fünf oder zehn Leuten zu seinen Konzerten gekommen.

Dabei gilt der in Österreich und den Niederlanden studierte Trompetenspieler als einer der besten Jazzmusiker seiner Generation. Nun will er in Jazzclubs auftreten, sagt der 30-Jährige: in Brüssel, in Luxemburg und irgendwann auch in Deutschland.

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