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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.02.2017

Julian Barnes: "Der Lärm der Zeit"Der Komponist im Treppenhaus

Von Jörg Magenau

Julian Barnes: "Der Lärm der Zeit"  (Kiepenheuer & Witsch / imago / Combo: Deutschlandradio)
Julian Barnes: "Der Lärm der Zeit" (Kiepenheuer & Witsch / imago / Combo: Deutschlandradio)

Moskau 1936: Jede Nacht wartet der Komponist Dmitri Schostakowitsch im Treppenhaus darauf, dass ihn die Schergen des NKWD abholen. Das ist der Ausgangspunkt in "Der Lärm der Zeit" von Julian Barnes − historischer Roman, Künstlerroman und erotischer Roman in einem.

Dmitri Schostakowitsch steht nachts im Mantel und mit einem Koffer in der Hand am Aufzug und wartet darauf, dass die Männer vom NKWD kommen und ihn abholen. Ein halbes Jahr lang steht er da, Nacht für Nacht.

Es ist das Jahr 1936. In Moskau haben die Schauprozesse begonnen, und Stalin hat die Aufführung von Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzensk" zur Pause verlassen. In der Prawda erscheint am folgenden Tag ein vermutlich von Stalin selbst geschriebener Artikel mit der Überschrift "Chaos statt Musik". Das Urteil war lebensbedrohlich.

Der Komponist im Treppenhaus – das ist der Ausgangspunkt in Julian Barnes' Roman "Der Lärm der Zeit". Die Szene ist paradigmatisch, zuletzt hat sie William T. Vollmann in seinem großen Roman "Europe Central" ausgearbeitet.

Barnes konzentriert sich nun auf drei zentrale Szenen, die jeweils zwölf Jahre auseinanderliegen und die zwei Mal von der "schlimmsten" und schließlich von der "allerschlimmsten" Zeit dieses Lebens handeln.

Nach der nackten Angst folgt die Demütigung

Auf die Epoche der Deportationen und der nackten Angst ums Leben folgt 1948 die Demütigung, als hervorragender Repräsentant von Stalins Sowjet-Kommunismus an einem Kongress für den Weltfrieden in New York teilnehmen zu müssen. Schostakowitsch hält dort eine Rede, die er nicht selber geschrieben hat und in der er unter anderem Strawinsky, den er sehr verehrt, mit den plumpsten Argumenten kritisiert.

Verlor er da jegliche Selbstachtung, so geht es im Jahr 1960 um seine Seele. Inzwischen herrscht zwar Chruschtschow und mit der Zeit des "Personenkults" wird abgerechnet, doch Schostakowitsch kann sich nicht dagegen wehren, in die Partei eintreten zu müssen und Vorsitzender des Komponistenverbandes zu werden. Damit ist er für den Rest seines Lebens Teil des Apparates, den er hasst und mit dem er nie etwas zu tun haben wollte.

Grüßten ihn Freunde auf der Straße früher nicht aus Angst, das könnte ihnen schaden, so grüßen sie ihn jetzt nicht mehr, weil sie ihn verachten.

Barnes erzählt von diesen Momenten aus in zahlreichen Rückblenden. Er bleibt dabei ganz nah an seinem Helden und seinen Gedankengängen und bringt so die ganze Biografie Schostakowitschs in drei Kapiteln unter.

Experimentelle Liebesverhältnisse

Man kann das Buch als historischen Roman lesen, in dem es um Angst, Opportunismus und Wahrheit geht. Es ist auch ein erotischer Roman, der von experimentellen Liebesverhältnissen handelt, ganz so, als ob Schostakowitsch die Freiheit, die die kommunistische Gesellschaft verweigerte, in offenen Lebensformen im Privaten gesucht – und nicht gefunden – hätte.

Vor allem aber ist es ein Künstlerroman, der die Hoffnung bewahrt, dass, wenn schon nicht der Künstler selbst, so doch seine Kunst sich über die Abgründe der Geschichte erheben möge.

"Was konnte man dem Lärm der Zeit entgegensetzen?", fragt Barnes in der zentralen Passage.

"Nur die Musik, die wir in uns tragen – die Musik unseres Seins –, die von einigen in wirkliche Musik verwandelt wird. Und die sich, wenn sie stark und wahr und rein genug ist, um den Lärm der Zeit zu übertönen, im Laufe der Jahrzehnte in das Flüstern der Geschichte verwandelt."

Barnes urteilt nicht, aber er ist präzise und voller Anteilnahme. Er schafft es, Schostakowitsch nicht für seine Feigheit zu verachten, sondern mit ihm auf diese Verwandlung zu hoffen. So ist "Der Lärm der Zeit" letztlich ein optimistischer Roman über die Überlebenskraft der Kunst.

Julian Barnes: "Der Lärm der Zeit"
Roman. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017.
246 Seiten, 20 Euro

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