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Interview / Archiv | Beitrag vom 05.02.2018

Julia Schoch über die Nacht des Mauerfalls"Viele haben geschlafen"

Julia Schoch im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Ausgelassen feiern Menschen am 31.12.1989 auf der Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
Viele "Erinnerungen" wurden erst medial produziert, sagt die Potsdamer Autorin Julia Schoch. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Der Fall der Berliner Mauer war eine historische Zäsur, daran besteht kein Zweifel. Für viele Menschen war das Ereignis aber erst mal gar nicht so groß, wie es heute erscheint, sagt die Autorin Julia Schoch.

Zigtausende Menschen haben ihn am 9. November 1989 gespürt, den Atem der Geschichte. Oder vielleicht doch nicht? Der gefühlte große Einschnitt entstand erst im Laufe der Zeit, sagt die Potsdamer Schrifstellerin Julia Schoch. Nicht alles, was viele heute rückblickend als "Erinnerung" empfinden, sei auch real erlebt worden und viele empfanden die Nacht der Nächte erstmal gar nicht als großen Einschnitt.

Die Nacht der Nächte war für viele nicht spektakulär

"Ich hatte mit meine Freundinnen vor ein paar Jahren schon mal in die Tagebücher geguckt - und da fiel uns auf: Wo ist denn dieses Großereignis? Das war nämlich gar nicht da." Dieser Befund sei interessant, denn er beantworte die Frage, was für die Menschen wichtiger sei - "die Kontinuität, das, was immer weiterläuft, die vielen einzelnen Tropfen der Zeit oder ist es dieser entscheidende große Bruch, dieser eine Tag." Man tue immer so, "als gebe es diese eine ganz klare Trennlinie und danach wäre man ein komplett anderer Mensch mit komplett anderen Erfahrungen geworden. Das ist nicht der Fall."

Erinnerung in fremden Bildern

Im Laufe der Zeit habe die Erinnerung jedoch ein Eigenleben entwickelt, so Schoch. Das hänge natürlich damit zusammen, dass der Mauerfall auch ein mediales Großereignis gewesen sei. "Wir haben jetzt wahrscheinlich alle schon hundert- und tausendfach bestimmte Bilder gesehen, sodass man am Ende gar nicht weiß, was ist denn die eigene Erinnerung - und was ist medial in uns hineingeschüttet worden." Viele seien am 9. November eben nicht in West-Berlin oder an der Grenze gewesen, "sondern haben geschlafen vielleicht oder Geburtstag gefeiert", erinnerten sich heute an den Abend aber immer mehr "in diesen fremden Bildern".

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