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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.09.2020

Julia Deck: "Privateigentum"Trautes Heim, Glück allein?

Von Maike Albath

In eine Collage eingebettet das Buchcover von Julia Becks Buch "Privateigentum". (Deutschlandradio / Verlag Klaus Wagenbach)
Das Versprechen dauerhaften Glücks im Neubaugebiet: Julia Decks "Privateigentum". (Deutschlandradio / Verlag Klaus Wagenbach)

Ein toter Kater, die Öko-Heizung, Grillabende, Intrigen, Affären: Julia Decks neuer Roman legt die Abgründe hinter den ordentlichen Fassaden einer Pariser Vorortsiedlung frei. Die Umstände werden dramatisch.

Es fängt sehr böse an. Kein Wunder, dass es 144 amüsante Seiten später noch viel böser endet. Allerdings ganz anders, als man es nach der Lektüre des ersten Satzes vermuten würde, denn die französische Schriftstellerin Julia Deck ist eine Schlamassel-Spezialistin und besonders gut darin, die neugierige Leserin auf die völlig falsche Fährte zu locken.

In ihrem dritten Roman "Privateigentum" erteilt sie ihrer Heldin Eva Caradec selbst das Wort. Die Icherzählerin, eine erfolgreiche Stadtplanerin, seit 30 Jahren mit dem gut aussehenden Charles verheiratet und neuerdings Besitzerin einer hinreißenden Doppelhaushälfte in einem Ökoviertel im Pariser Speckgürtel, lässt schon im ersten Satz verlauten, sie sei dagegen gewesen, den dicken roten Kater zu töten. Einen Kater töten?

Erst nach und nach blicken wir hinter die Fassade

Deck, 1974 in Paris geboren, als Verfasserin zweier geschliffener Gesellschaftssatiren über den fatalen Charme der Bourgeoisie bekannt geworden, zählt natürlich auf den Spürsinn ihrer Leserschaft. Aber sie stellt es so an, dass man den Kater erst einmal wieder aus dem Blick verliert. Tableau für Tableau lässt sie uns in die Vorstadthölle eintauchen.

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Die junge Nachbarin Annabelle Lecoq? Militante Trägerin von Mikroshorts, die fortwährend Evas Dienste in Anspruch nimmt. Zu hübsch, zu laut, zu fordernd. Ihr Mann, der erfolgreiche Immobilienmakler Arnaud? Ein notorischer Verführer.

Die Icherzählerin selbst, die sich an ein "Du" richtet - hinter dem sich ihr Mann verbirgt? - rückt erst nach und nach mit der Sprache heraus und lässt in einem Nebensatz verlauten, was es mit ihrer Ehe auf sich hat. Charles ist seit Jahrzehnten schwer depressiv. Wenn es Probleme gibt, erhöht Eva einfach seine Dosis und wirft selbst ein Schlafmittel ein. Spätestens hier beginnt man, Evas Version zu misstrauen und auch das mitzulesen, was sie nicht sagt.

Auch das Außen wird durchlässig 

Wirkungsvoll spielt Deck mit ihrer unzuverlässigen Erzählerinstanz. Es kommt, wie es kommen musste, die gesamte Nachbarschaft gerät immer stärker ins Schlingern, obwohl man sich permanent bei Aperitifs, Kaffeetrinken oder improvisierten Partys begegnet.

Nicht nur die Dynamik zwischen den Bewohnern hat es in sich, sondern auch die äußeren Bedingungen entfalten eine gewisse Dramatik. Die Wände sind viel zu dünn, das ultramoderne Heizsystem entpuppt sich als Desaster. Mit genussvollem Zähnefletschen legt Deck die Verlogenheiten hinter der wohlanständig-progressiven Fassade frei.

Dass man ihren schmalen Roman mit Genuss liest, liegt an der trockenen Lakonik und dem perfekt getimten Rhythmus der Handlung. Deck hat eine spezielle Taktik des Mit-der-Tür-ins-Haus-Fallen, die sie genauso gut wie ihr Personal beherrscht: Ein Kapitel beginnt zum Beispiel mit dem Satz: "Ich wollte nie mit ihm ins Bett gehen."

Die eingebaute Krimihandlung, das Verschwinden von Katzen und Menschen, tut ein Übriges. An Jean Echenoz, den Vertretern des Nouveau Roman und der Postmoderne geschult, versteht sich Deck aber vor allem auf die bizarren Seiten der bourgeoisen Existenz, die in Frankreich immer noch Spuren der höfischen Gesellschaft aufweist. Pflichtlektüre für alle Eigenheimbesitzer.

Julia Deck: "Privateigentum"
Aus dem Französischen übersetzt von Antje Peter
Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2020
144 Seiten, 18 Euro

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