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Buchkritik | Beitrag vom 09.08.2019

Julia Cimafiejeva: "Zirkus"Zärtlicher lyrischer Blick auf die Heimat

Von Carsten Hueck

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Das Bild zeigt das Cover des Gedichtbandes "Zirkus" von Julia Cimafiejeva. (edition.fotoTAPETA/Deutschlandradio)
Konkret, sinnlich, zärtlich: die Lyrik von Julia Cimafiejeva. (edition.fotoTAPETA/Deutschlandradio)

Konkret und sinnlich sind die Gedichte der Weißrussin Julia Cimafiejeva. Ihr Ansatz: Der Mensch spiegelt sich in der Natur und umgekehrt, er kommuniziert mit der Dingwelt und sie mit ihm. Für unseren Kritiker ist der Lyrikband "Zirkus" eine Entdeckung.

Die 1982 geborene Julia Cimafiejeva hat in Belarus bislang zwei Lyrikbände herausgebracht. Nun erscheint eine Auswahl daraus, ergänzt um einige bisher nicht in Buchform veröffentlichte Gedichte, auf Deutsch. Cimafiejevas ein Jahr ältere, in Deutschland bereits bekannte Kollegin Valzhyna Mort, hat für "Zirkus" ein kleines Nachwort geschrieben. Wie Mort übersetzt auch Cimafiejeva aus dem Englischen, kennt den Kanon der Moderne und seine Formsprache. 

"Zirkus" ist eine Entdeckung. Ein eigenständig komponiertes Werk, das keineswegs wie eine Kompilation wirkt. Drei Kapitel gibt es, in denen sich Cimafiejeva auf schmerzhafte Weise mit ihrer Heimat, ihrer Identität und der Möglichkeit von Dichtung auseinandersetzt. 

"die sprache, die ich sprechen kann, 
ist nicht meine sprache.
und die, die ich sprechen will,
findet nicht in die worte,
die ich kenne,
fasst nicht die bilder,
die ich sehe."

Die Erfahrung von Zerrissenheit und Transformation

Zerrissenheit, das Gegenteil einer selbstverständlichen Existenz, die Überwindung von Widerständen, überraschte und überraschende Selbstbehauptung ziehen sich durch viele ihrer Gedichte, ebenso das Wissen um Ambiguität und die Erfahrung der Transformation.

Das mag auch an der Sprache selbst liegen: Das Belarussische hat zwei konkurrierende Orthografiesysteme, ein lateinisches Alphabet neben dem kyrillischen. Es ist durchlässig zum Russischen, Ukrainischen und Polnischen. Und zum anderen: Hier schreibt eine Frau in einer lange von nationalem Pathos und bäuerlichen Traditionen bestimmten Männerwelt. Eine Frau, die sich die Sprache erkämpfen muss, die sich mit ihrer eigenen Stimme klar gegen Konventionen behauptet.

"an meinen
kurzen fahnenmasten
hisse ich 
fragen
abwägungen
fehler
unsicherheiten
ich hisse meine flaggen
und sie winden sich
um äste
klammern sich
an bäume
es zerrt und reißt 
am zweifelhaften leinen /…/
ich verderbe nur
den leuten das fest
ich glaube nicht an das fest
das fest gibt es nicht" 

Julia Cimafiejevas Gedichte sind ganz konkret und sinnlich. Sie beschreiben das Feld, die traditionelle Lebensform, Verbundenheit mit der Erde und dem Kreislauf der Natur, das Ausharren - dem sie den Wanderzirkus entgegensetzt, die Bewegung, die bunte Verlockung. Ihr Blick ist nie sentimental, zärtlich wohl, doch ohne Bedauern. Über ihre tote Großmutter schreibt sie:

"du hast das tau gelöst 
schwimmst weit dahin 
im hölzernen kahn
ganz hinein ins innere der erde"

Häuser altern, ein Imker wird zur Biene

Häufig entstehen in diesen Gedichten Verschmelzungen, gegenseitige Durchdringungen. Der Großvater, ein Imker, wird zur Biene, Häuser, die nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verlassen werden, altern in Einsamkeit wie Menschen, "vor kummer verloren sie verstand und erinnerung".

Der Mensch spiegelt sich in der Natur und umgekehrt, Ausdruck eines paganen Erbes, das in den Gedichten der Autorin auf die Tiefe menschlicher Existenz verweist. In diesen kühlen und zugleich berührenden Gedichten kommunizieren Ding- und Menschenwelt, ist die Sehnsucht nach Erweiterung des Ichs spürbar, und die Ahnung, dass man sich damit immer wieder auch auf unbekanntes Terrain begibt.

"je mehr sprachen du kannst, 
desto mehr bist du garten
und desto mehr wald"

Julia Cimafiejeva: "Zirkus"
Gedichte, aus dem Belarussischen von Thomas Weiler und Tina Wünschmann
edition.fotoTAPETA, Berlin 2019
92 Seiten, 10 Euro

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