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Buchkritik | Beitrag vom 20.03.2021

Juli Zeh: "Über Menschen"Der erste echte Corona-Roman

Von Jörg Magenau

Buchcover "Über Menschen" von Juli Zeh, Luchterhand Verlag. 2021. (Luchterhand / Deutschlandradio)
Juli Zehs neuer Roman ist versöhnlich: Er zeigt, dass die Welt ein bisschen menschlicher sein könnte, wenn man die ideologische Brille mal absetzt. (Luchterhand / Deutschlandradio)

"Über Menschen" - schon der Titel verrät: Juli Zeh will mit ihrem neuen Roman an ihr Erfolgsbuch "Unterleuten" anknüpfen. Gekonnt erzählt sie über den Clash zwischen Stadt und Provinz und über moralische Selbststilisierung.

Juli Zehs neuer Roman "Über Menschen" knüpft schon mit dem Titel demonstrativ an ihren Großerfolg an. Tatsächlich handelt es sich erneut um einen Dorfroman, angesiedelt in dem fiktiven Örtchen Bracken in der Priegnitz, also dort, wo auch Unterleuten liegt und wo Juli Zeh seit Jahren lebt.

Doch "Über Menschen" ist ganz anders als "Unterleuten", weniger breit angelegt, da die Erzählperspektive nicht mehr multiperspektivisch ist, sondern streng an die Hauptfigur Dora gebunden bleibt. Anders aber auch deshalb, weil es sich um den ersten echten Coronaroman handelt, der während des ersten Lockdown im Frühling 2020 spielt.

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Die Großstadt Berlin ist als Herkunftsregion genauso wichtig wie das Dorf, denn, so die Erzählerin, der wahre Clash of Civilizations ereignet sich nicht zwischen Orient und Okzident, sondern zwischen Stadt und Provinz und den Menschen, die hier oder dort leben.

Dora, die in einer Werbeagentur arbeitet und damit also irgendwie im Herz des Kapitalismus, hat ihren Freund Robert verlassen, aus dem gemeinsamen, viel zu engen Home-Office heraus. Robert ist dermaßen lockdown-überkorrekt, dass sie ihn nur noch "Robert Koch" nennt. Als Journalist, der im Fahrwasser von Greta Thunberg auf Untergangsszenarien geeicht war, kommt ihm die Pandemie gerade recht. Er feiert mit seinen mahnenden Kommentaren Erfolge, während Dora ihren Job coronabedingt verliert.

Social Correctness und Besser-Menschen

Gerade in den Großstadtpassagen läuft Juli Zeh zu Höchstform auf, indem sie zeigt, wie gut das krisengestimmte Bewusstsein zur Pandemie passt, ja, sie erwartet und gebraucht hat, um sich selbst anhand der allgemeinen Bedrohung in eine Position vernunftbestimmter Moral hochzustilisieren. Das ist brillant beobachtet und witzig erzählt.

Dora hat zwar durchaus Verständnis für alle Lockdown-Maßnahmen, möchte die Social Correctness aber nicht zum höheren Sinn ihres Daseins erheben. Die Flucht aufs Land und weg von diesem selbsternannten Besser-Menschen ist also der richtige Schritt.

Der Dorfnazi wohnt gegenüber

In Bracken ist zunächst alles so, wie es das Klischee verlangt: Nebenan wohnt der Dorfnazi, gegenüber ein dauerwitzelnder Rassist. Aber schon da ist zu ahnen, dass die Klischees dazu da sind, allmählich umgedreht zu werden. Der Nazi, der mit Freunden das Horst-Wessel-Lied singt, entpuppt sich als liebender Vater eines quicklebendigen Töchterchens und leidet, wie sich bald herausstellt, an einem Hirntumor.

Krankes Hirn – gutes Herz: So ersetzt ein Klischee das andere. Doch Juli Zeh schafft es, dass man am Ende tatsächlich Mitleid mit diesem fragwürdigen Charakter empfindet und dass die unwahrscheinliche Freundschaft zwischen ihm und Dora plausibel wirkt.

Denn merke: Im Dorf finden auch die zusammen, die der Algorithmus einer Singlebörse niemals miteinander kombiniert hätte.

Der Glaube, etwas Besseres zu sein

"Über Menschen" spielt natürlich auch mit Nietzsches Begriff des Übermenschen. Allerdings steckt der Übermensch heute im Unterhemd. So formuliert es ein Kabarettist, der mit seinem schwulen Freund in Bracken lebt. In seinem Programm mit dem Titel "Über Menschen" benutzt er den Dorfnazi als Prototyp all derer, die sich in ihrer rassistischen Selbstüberschätzung für etwas Besseres halten, tatsächlich aber eher unterbemittelt sind.

Dass Dora sich ihrerseits für etwas Besseres hält und das ihrem Nazi-Freund in einem Streit dann auch an den Kopf wirft, ist vielleicht der entscheidende Wendepunkt. Sie erschrickt, kaum dass sie die Worte ausgesprochen hat. War dieser Glaube, etwas Besseres zu sein, nicht genau das, was sie an Robert nicht ertragen konnte?

Alle sind auf je eigene Weise verrückt

Aus der Randlage der Provinz verschiebt sich der Blick auf die Moral und die Überlebenstechniken der Menschheit. Klar ist lediglich, dass die Dörfler nicht verrückter sind als die Städter. Alle sind auf ihre je eigene Weise verrückt.

Mit ihrer Dora hat Juli Zeh eine Figur geschaffen, die allen Aufgeregtheiten zwischen Pandemie und Rechtsradikalismus auf angenehm pragmatische Weise trotzt und ihre Vorurteile exemplarisch überwindet.

"Über Menschen" ist also ein versöhnlicher Roman, der nichts Böses verschweigt, aber demonstriert, dass die Welt, weniger ideologisch betrachtet, ein bisschen menschlicher sein könnte.

Juli Zeh: "Über Menschen"
Luchterhand, München 2021
416 Seiten, 22 Euro

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