Seit 01:05 Uhr Tonart
Montag, 21.06.2021
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Interview / Archiv | Beitrag vom 10.09.2018

Juli Zeh: "Neujahr"Ein Neuanfang ist immer möglich

Juli Zeh im Gespräch mit Julius Stucke

Juli Zeh, deutsche Juristin und Schriftstellerin. (imago stock&people)
Juli Zeh: Erinnerungen sind der vage Boden für unsere Identität (imago stock&people)

Die Schriftstellerin Juli Zeh legt ein neues Buch vor: "Neujahr". In diesem geht es um Erinnerungen, unsichere Identitäten, Panikattacken und ein Familienmodell, das nicht funktioniert. Doch Zeh weiß Trost: "Wir sind als Menschen frei und autonom."

In dem neuen Buch von Juli Zeh läuft ein Mann einen steilen Anstieg hinauf. Henning denkt über sein Leben nach. Von außen betrachtet scheint alles in Ordnung, doch im Innern ist keine Ruhe und kein Frieden. Panikattacken suchen ihn heim, Henning fühlt sich überfordert. Seine Krise speist sich aus ungeklärten Geschlechterrollen und der Frage, inwieweit die Kindheit sein weiteres Leben vorherbestimmt hat.

Das Thema Erinnerungen habe sie schon lange interessiert, sagte Juli Zeh im Deutschlandfunk Kultur. Der Mensch stütze seine Identität ja auf das, was er erinnere. Doch wenn man an die eigene Kindheit denke, stellten sich Erinnerungen manchmal nur als etwas heraus, was man von einem Foto kenne oder einem später einmal erzählt wurde. So sei der Boden für die Identität unsicher und vage.

Psychologischer Mythos

Zeh sagte, die Vorstellung, dass es ein dunkles Geheimnis in der Vergangenheit gäbe, wenn es einem in der Gegenwart schlecht gehe, habe die Psychologie viele Jahrzehnte geprägt. Wer dieses Geheimnis dann aufspüre und der Sache ins Gesicht schaue, könne den Knoten durchschlagen, so der Glaube. Das sei fast schon ein psychologischer Mythos, betonte Zeh. Es sei wichtig, sich mit der eigenen Vergangenheit zu befassen, sagte die Schriftstellerin. Sie glaube aber nicht, dass man damit ein Problem in der Gegenwart konkret lösen könne. Und genauso erlebe das auch ihr Romanheld Henning am Ende der Geschichte.

Zeh ist stattdessen vom freien Willen des Menschen überzeugt: "Wir sind als Menschen doch wirklich frei und autonom und wir können uns im Grunde in jedem einzelnen Augenblick dafür entscheiden, Dinge grundlegend anders zu machen und vor allem anders zu betrachten." Natürlich falle man auch immer wieder in vertraute Muster zurück - man müsse sich umgewöhnen und etwas Neues aneignen. "Aber die Freiheit, die Perspektive zu ändern, auf uns selbst und unser Leben, die haben wir tatsächlich in jedem einzelnen Moment." (ahe)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Interview

Heike Geißler über die Bachmann-Jury"Das geht nicht"
Die Jury im Studio bei der Lesung von Heike Geißler. Die Schriftstellerin ist über Bildschirme zugeschaltet. (LST Kärnten / Johannes Puch)

Die Schriftstellerin Heike Geißler hat in Klagenfurt gelesen und übt nun deutliche Kritik an der Arbeit der Jury: Die Diskussion sei unfair und nicht auf den Text bezogen gewesen. Das sei aber das Mindeste, was Literaturkritik leisten müsse.Mehr

Studie zur Spaltung der GesellschaftEin Land, zwei Lager
Köpfe einer Menschenmenge am Potsdamer Platz in Berlin. Es handelt sich um eine Demo. Zwischen den Köpfen ragt ein Schild mit der Aufschrift "Dagegen" hervor. (Unsplash / Leon Bublitz)

Eine Studie zeigt, dass sich in der deutschen Gesellschaft zwei Lager polarisiert gegenüber stehen: Das Problem daran ist, dass sich eines von ihnen marginalisiert fühle und unzufrieden mit der Demokratie sei, sagt der Psychologe Mitja Back. Mehr

Schule und CoronaNoch nicht fit für den Herbst
Unterrichtsszene: In einem Klassenzimmer sieht man zwei Kinder von hinten. Sie sitzen jeweils einzeln an einer Bank und blicken nach vorne zur Tafel, neben der ihre Lehrerin steht. (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Patrick Pleu)

Im Herbst könnten die Infektionszahlen wieder steigen. Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband mahnt, die Schulen bis dahin mit Luftfilteranlagen und schnellem Internet auszustatten: Distanzunterricht könnte wieder notwendig werden.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur