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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 14.12.2014

JugendsportIm Idealfall Idealisten

Träume und Enttäuschungen von Leistungssportlern in Rand-Disziplinen

Von Katrin Weber-Klüver

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Eine Schülerin während des Judo-Unterrichts (picture alliance / dpa / Jochen Lübke)
Eine Schülerin während des Judo-Unterrichts (picture alliance / dpa / Jochen Lübke)

Fußball boomt, doch in seinem Schatten kämpfen viele Sportarten mit Nachwuchsproblemen. Zu wenig Medienpräsenz, zu geringer Glamourfaktor, zu trainingsintensiv. Warum sollte ein Teenager alles nach irgendeinem Randsport ausrichten, der weder Ruhm noch Reichtum verspricht?

Berlin-Hohenschönhausen, eine Schulmensa. Die Kinder und Jugendlichen, die hier gerade Mittagspause machen, sehen aus, wie Teenager im Jahr 2014 aussehen: die Jungen mit akkurat gegeltem Haar und tief sitzenden Jeans; die Mädchen mit langen Mähnen und routiniert geschminkt. Man könnte annehmen, ihre Träume gingen in Richtung Popstar, und ihr nächstes Ziel sei das Casting für eine Talentshow. So wie bei vielen Jungen und Mädchen in ihrem Alter. Doch diese Jugendlichen haben ganz andere Ambitionen.

"Mein kurzzeitiges Ziel: Ich will nächstes Jahr bei der Weltmeisterschaft starten, der Jugend-Weltmeisterschaft und ich möchte diese auch gewinnen, das ist mein Ziel: Ich will Weltmeister werden. Und ich werde daran auch hart arbeiten, dass ich da hinkomme."

Daniel Zorn, 16 Jahre, 1, 83 Meter, 90 Kilo, Judoka. Und Oberstufenschüler am Schul- und Leistungssportzentrum Berlin. Die größte der 43 so genannten „Eliteschulen des Sports", die unter dem Dach des Deutschen Olympischen Sportbundes organisiert sind. Auf der Homepage der Schule, ganz oben, steht: „Basis für olympische Medaillen". In diesem Punkt decken sich nationale Mission und individuelle Träume schon mal.

Es gibt 11.000 Eliteschüler

Und mein langfristiges Ziel ist, schon seitdem ich klein bin, die Olympiade. Vor allem eigentlich will ich die Olympiade gewinnen, das ist selbstverständlich eigentlich, wenn ich daran denke. Bis man da hinkommt, ist natürlich was anderes, und dass man da gewinnt, ist wiederum etwas ganz anderes.

Der Diskuswerfer Robert Harting (picture alliance / dpa)Der Diskuswerfer Robert Harting ist einer der erfolgreichsten Absolventen der Eliteförderung in Hohenschönhausen. (picture alliance / dpa)

Da hat Daniel Zorn wohl Recht. Wovon man träumt und was man bekommt, ist oft zweierlei. Erst recht für die jungen Eliteschüler. Mehr als 11.000 gibt es insgesamt, allein 1200 hier in Hohenschönhausen. Nur die wenigsten von ihnen werden je bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften dabei sein, von Podestplätzen ganz zu schweigen.
Oder von Ruhm. Oder Geld.

"Natürlich ein ganz wichtiger Faktor: Was passiert mit denen, die es eben nicht schaffen? Ich meine, die Kinder, die Jugendlichen, die Sportler investieren so viel, das muss man sehen. Ich habe da sehr viel Respekt vor. Nicht nur vor denen, die es später mal schaffen – das ist schön. Aber ich habe eigentlich sogar noch mehr Respekt vor denen, die diesen Weg gehen und am Ende aus irgendeinem Grund wegbrechen oder durch das Netz fallen."

"Das kann nicht immer nur Spaß sein"

Markus Flemming, 46 Jahre, arbeitet als selbstständiger Sportpsychologe. Zu seinen Klienten gehört neben dem Eishockey-Bundesligisten Eisbären Berlin auch das Schul- und Leistungssportzentrum. Flemming weiß, wovon er spricht, wenn es um Erfolg und Scheitern im Sport geht. Hinter ihm liegt eine Karriere als professioneller Eishockeyspieler.

Auch Sabine Diehns Wort hat Gewicht. Diehn arbeitet seit 27 Jahren als Eisschnelllauf-Trainerin im Sportforum Hohenschönhausen. Sie war schon hier, als das, was heute als Schul- und Leistungssportzentrum an den Olympiastützpunkt angedockt ist, noch eine Kinder- und Jugendsportschule der DDR war. Sie hat viele Talente kommen und gehen sehen, die einen triumphieren, die anderen scheitern. Was bringt hier und heute einen Teenager dazu, statt im Einkaufszentrum oder auf dem Sofa rumzuhängen, jeden Tag auf einer Eisbahn zu stehen? In einer bitterkalten Halle, zwischen nölenden Eismaschinen und brummenden Ventilatoren.

"Es sind wenige Gründe, die ihn aus finanzieller oder materieller Sicht dazu bewegen können, diesen Sport zu betreiben. Es sind wirklich Idealisten, die das betreiben. Und man muss sagen zum Ausdauersport im Nachwuchsleistungssport: Das kann nicht immer nur Spaß sein, das ist wirklich auch hartes Arbeiten."

Die Rahmenbedingungen in Hohenschönhausen sind optimal, denn die Wege zwischen den Klassenräumen und den Sportstätten im Olympiastützpunkt kurz. Aber trotzdem beginnen die Tage früh und enden spät. Immer im Wechselspiel von Sport und Schule, Schule und Sport. Jeden Tag...

"Donnerstags, 6:15 Uhr aufstehen, weil ich erst um acht in der Schule sein muss, und dann fängt der Unterricht um acht an, dann habe ich drei Stunden, diese gehen dann bis 10:35 Uhr, dann geht's zum Training. Das Training fängt dann um 11:15 Uhr an, und das machen wir so bis 13 Uhr, 13.15 Uhr, dann kommt unsere Essenspause, dann haben wir..."

Kimberly Günzel, 16 Jahre, lange blonde Haare, ein Blick zwischen verschmitzt und schüchtern. Eisschnellläuferin. Kimberly lebt mit ihrer Familie im Berliner Stadtteil Friedrichshain, gut eine halbe Stunde vom Sportforum entfernt. Bei ihrem wochentäglichen Pensum, plus Wettkämpfen an Wochenenden plus Trainingslagern bleibt wenig Freizeit. Auch Ferientage sind rar. Wenn Schulferien sind, fallen deswegen die Übungseinheiten nicht aus. Oder es geht praktischerweise gleich ins Trainingslager. Oder zu Wettkämpfen.

Warum macht sie das, wo sie doch auch auf der faulen Haut liegen könnte? Oder sich aufbrezeln...

"Nein, das ist nichts für mich. Ich bin mehr so leise, für mich, alles ordentlich machen, nicht auffallen. Ich mag nicht so im Mittelpunkt stehen."

Träumt sie von Weltmeisterschaften, Olympischen Spielen?

"Noch denke ich nicht darüber nach, erst wenn es wahrscheinlich kommt, dann kommen die Gedanken."

Hört sich prosaisch an. Und ist es vielleicht sogar. Kimberly Günzel läuft lieber übers Eis, als darüber zu reden, wie das ist, übers Eis zu laufen. Es ist eben so, das Eislaufen...

"..ist einfach so für mich, dass ich weiß, ok, ich hab 'ne Beschäftigung, ich mach was Gutes."

Ein Rundumsorglos-Kokon für Talente

Während der Saison, vom späten Sommer bis zu den Osterferien, läuft das Training gewöhnlich so: Erst in die Leichtathletikhalle und dort Bewegungsabläufe imitieren, die später auf dem Eis wiederholt werden. Im Jargon heißt das: Immis an Land. Was nicht Eis ist, ist für Eisschnellläufer Land. Wie für einen Seemann. Entsprechend wollen die Eisschnellläufer immer schnell dorthin. Aufs Eis. Nach jeder Immi. Und noch dringender nach den Frühjahrswochen, in denen sie auf dem Rennrad Kondition bolzen. An Land. Versteht sich.

"Es ist auch immer besonders im Sommer, wenn das erste Mal Eistraining ist, dann freuen sich immer alle: Ja, endlich wieder Eis!"

So sehr jeder dieser Nachwuchssportler, der es an eine Eliteschulen geschafft hat, von seinem Sport absorbiert ist, so ähnlich sich die Jugendlichen sind in ihrem Ehrgeiz und ihrer Disziplin, so verschieden sind sie doch auch. Jeder hat seine eigene Geschichte. Und jeder erzählt sie auf seine Weise. Daniel, der Judoka, gern mit einer ordentlichen Ladung Pathos.

"Manchmal denke ich echt darüber nach, manchmal denke ich sehr viel sogar darüber nach, wenn ich so überlege, ein paar meiner Freunde auf der alten Schule, was machen die, wenn ich Training habe? Die liegen auf dem Sofa oder gehen ins Kino mit Freunden oder treffen sich mit denen, um Basketball zu spielen oder was weiß ich. Aber im Endeffekt weiß ich einfach, Judo ist so etwas wie mein zweites Zuhause. Die Judomatte in der Halle. Irgendeiner hat mir mal einen guten Spruch gesagt: Es hat angefangen als ein Hobby, aber es wurde zum Teil von Dir. Judo gehört nun mal zu mir."

Anders als Kimberly, die in der sechsten Klasse ans Schul- und Leistungssportzentrum kam, ist Daniel ein Quereinsteiger. Trainiert hat er am Olympiastützpunkt schon länger. Als dann in der vergangenen Saison seine sportliche Karriere Fahrt aufnahm, dämmerte ihm, dass es bald zu kompliziert werden könnte, den Alltag selbst zu organisieren. Was er eigentlich ganz gerne tut.

Aber die Kombination von immer umfangreicherem Training mit einer gymnasialen Ausbildung lässt sich jenseits einer spezialisierten Schule kaum bewerkstelligen. Also verließ Daniel Zorn seine Privatschule in Berlin-Steglitz, um sich in dieser Parallelwelt in Hohenschönhausen aufs Wesentliche zu konzentrieren.

Im gesamten Sportforum mit seinem architektonischen Durcheinander aus vier Jahrzehnten DDR und auf dem Schulgelände selbst wird an allen Ecken und Enden gewerkelt, geflickschustert und neu gebaut. Die Modernisierung und Erweiterung des Schulgebäudes steht kurz vor dem Abschluss. Dies ist eine Millionen-Investition in eine Zukunft, die vor 20 Jahren fast schon Vergangenheit war.
Anfang der 90er Jahre, als die DDR bereits abgeschafft war, herrschte die Ansicht vor, das System der Kinder- und Jugendsportschulen gehöre ebenfalls abgeschafft. Es war ja praktisch alles zur Abschaffung freigegeben oder bereits abgewickelt, was immanent zum System der DDR gehörte.

"Die ursprüngliche Einstellung zu dem ganzen System war eine sehr kritische. Der DDR-Sport galt als systemnah, als politisch instrumentalisiert. Diplomaten im Trainingsanzug, die berühmten. Dann war die Rede von Doping..."

Am Ende geht es doch um die Rendite

Dr. Gerd Neumes ist seit 23 Jahren Direktor der Schule, im Sommer wird er in den Ruhestand gehen. Zuvor hatte er an einer Westberliner Schule gearbeitet und mit Sport im Speziellen nichts am Hut. Was vielleicht ganz gut war, so konnte er sich mit unvoreingenommenem Blick beteiligen, das Konzept neu auszutarieren. Dass es überhaupt dazu kam, lag daran, dass den potentiellen Abwicklern gerade noch rechzeitig auffiel, wie erfolgreich diese Nachwuchsförderung der KJS offenkundig war.

"Erfolgreich in dem Sinne, dass sie die sportlichen Erfolge gebracht haben, die jeder Staat haben will. Es wird erzählt von alten Kollegen, dass es Zeiten gegeben hat, in denen allein diese Schule mehr Medaillen hatte hat als Großbritannien. Dann war die nächste Reaktion: nicht plattmachen, Vorsicht. Erst einmal schauen, ob man das nicht in modifizierter Form weiterführen kann. Dann wurde, wie man das dann so macht, das als Modellversuch deklariert und man ließ uns erstmal gewähren."

Jedes Nachwuchstalent wird hier nun in einem Rundumsorglos-Kokon gehegt, sein Trainings- und Wettkampfplan wird organisiert, in der Schule gibt es individuelle Förderprogramme – solange der junge Athlet die Normen bewältigt. Wer die regelmäßigen Überprüfungen nicht mehr schafft, für den war es das. Der muss gehen.

"Diese Einrichtung hier, die sehr viel Geld kostet, die hochprofessionell und hochspezialisiert ist, macht nur Sinn, wenn man wirklich auch die Leute im Fokus hat, die dann in der Tat mal Europameister werden, bei Olympia dabei sind."

Am Ende geht es dann eben doch um die Rendite. Egal in welchem und für welches System. Am Ende zählt die Länderwertung, werden Medaillen und Rekorde addiert. Und doch haben sich die Zeiten geändert. Für einen jungen ostdeutschen Athleten in den 80er Jahren bedeutete die Aufnahme in eine Kinder- und Jugendsportschule bei allen Entbehrungen immerhin auch dies: die exklusive Aussicht auf Ruhm, Aufmerksamkeit, Reisen. Aber heute? Für den Traum vom Ruhm gibt es neben Castingshows auch Youtube, für Aufmerksamkeit Facebook, für Reisen easyjet.

Sabine Diehn hat, im Wechsel der Systeme, nun seit mehr als einem Vierteljahrhundert beobachtet, wie und warum Jugendliche Hochleistungssport betreiben. Während ihre aktuellen Schützlinge sich in den Feierabend verabschiedet haben und die Bahn von der behäbigen Eismaschine für die nächste Schicht präpariert wird, erzählt sie:

"Und ich denke, dass sich hier eine deutliche Veränderung vollzogen hat, durch die Medien, durch die gesellschaftliche Entwicklung und dass immer weniger bereits sind, sich zu schinden und dem Leistungssport zu verschreiben. Aber die dann hier sind, die machen das eigentlich in der Regel ganz gut."

Und schränkt im selben Atemzug schon wieder ein:

"Nichtsdestotrotz merken wir, dass sie immer wieder in Konflikte geraten, die Sportler, weil ihnen ja von außen suggeriert wird, dass vieles ganz einfach und mit viel Spaß und mit viel Leichtigkeit zu erreichen ist."

Wechsel an normale Schule als Ende eines Traums

Die Kinder- und Jugendsportschulen waren mit ihrer rigorosen Selektion ein anderes Kaliber. Aber auch für die Eliteschulen von heute lässt sich kaum abstreiten: Es ist potentiell ein Widerspruch, wenn es gleichzeitig um das individuelle Glück junger Menschen und um nationale Erfolgsbilanzen gehen soll. Im Zweifelsfall wird das Persönliche für das Allgemeine geopfert. Es geht schließlich erklärtermaßen um Medaillen. Und die liefert nur die Elite der Elite. Wie im Sommer 2009 bei der Weltmeisterschaft in Berlin, als ein Ehemaliger den Titel gewann:

Der Diskuswerfer Robert Harting ist einer der erfolgreichsten Absolventen der Eliteförderung in Hohenschönhausen. So wie die ehemalige Weltklasseschwimmerin Britta Steffen, die Hammerwerferin Betty Heidler, der ehemalige Radsportstar Jan Ulrich und Claudia Pechstein, die mit 42 Jahren nach wie vor aktive Eisschnellläuferin.

Bei den Olympischen Sommerspielen 2012 waren 16 Athleten dabei, die auf eine Ausbildung in Schul- und Leistungssportzentrum zurückblicken. Wie gesagt: Eine Einrichtung für 1200 Schüler, die sich olympische Medaillen in den Titel ihrer Homepage geschrieben hat. Verbuchen konnte die Schule in London drei: Robert Harting gewann Gold, der Bahnradfahrer Robert Förstemann und die Leichtathletin Betty Heidler Bronze. Bei den Winterspielen Anfang 2014 in Sotschi war die Schule mit sieben Absolventen vertreten, eine Medaille gewann keiner.

Unter den Weltbesten nur auf die Plätze zu kommen, ist wahlweise immer noch ein Erfolg oder aber Scheitern auf höchstem Niveau. Sicher ist: Die meisten Eliteschüler werden so weit nie kommen. Nicht wenige stoßen schon während der Schulzeit an ihre Grenzen.

"Das ist schwer zu sagen, sagen wir mal: ein Drittel."

Schätzt Dr. Neumes, der Direktor. Und das heißt: Jeder dritte Jugendliche muss die Schule vorzeitig verlassen. Denn wer kein Leistungssportler mehr ist, der ist auch kein Eliteschüler mehr.

"Das klingt erstmal hart. Das war auch sozusagen die problematische Seite an dem ganzen Konstrukt, dass es sozusagen den Selektionsmechanismus gibt. Das war auch einer der zentralen Kritikpunkte an der Einrichtung überhaupt.
Aber es wird so umgesetzt, dass es dann doch keine Härte mehr ist."

Nun mag es hilfreich sein, dass die Jugendlichen auf den Wechsel an eine andere, eine normale Schule langsam vorbereitet werden. Aber das Ende aller Träume von einer großen Sportkarriere...

"...das ist natürlich ein Megaschnitt. Und das ist natürlich erstmal: echt heftig. Weil, die haben sehr viel investiert, ist doch klar. Die haben einen Traum ein Ziel. Es ist toll, so ein Ziel dann auch mit Ehrgeiz zu verfolgen, mit so viel Opferbereitschaft. Wenn dann irgendwann tatsächlich die Nachricht kommt: Du, es hat nicht gereicht, du musst eventuell von der Schule oder musst dich von diesen Zielen mehr oder weniger verabschieden, das ist erst einmal absolut dramatisch. Das ist absolut schwer zu akzeptieren."

Sagt Markus Flemming, der Psychologe. Es gibt keine Evaluation, die belastbar belegen würde, wie die vorzeitigen Abgänger tatsächlich zurechtkommen. Schulisch wie persönlich. Sabine Diehn ist aber sicher, dass jeder Jugendliche etwas von der sportlichen Ausbildung hat, egal ob er seinen Weg innerhalb des Hochleistungssports macht oder irgendwann aus dem System herausfällt.

"Insbesondere durch den Leistungssport werden Charaktereigenschaften geformt, die man ein ganzes Leben lang braucht."

"Ich wollte eigentlich direkt das Handtuch werfen"

Bei Diehns Schülerin Kimberly Günzel ist noch offen, wohin der Weg führt. Stand Dezember 2014: In ihrer Altersklasse ist Kimberly nationale Spitze, auch international zählt sie zu den besten Nachwuchskräften, ihre Paradestrecke ist der Sprint über 500 Meter. Eine Ehemalige der Schule hat ihr vorgemacht, wie weit man kommen kann. Drei Mal konnte Jenny Wolf zwischen 2007 und 2009 den Weltrekord über diese Distanz verbessern. Und Deutsche Meisterin in ihrer Altersklasse ist Kimberly schon mehrfach geworden. Endlich mal nichts, worüber sie spekulieren muss, sondern etwas, was geschafft ist.

"Besonders glücklich ist man natürlich wenn man beim Wettkampf dann ins Ziel kommt und sieht an der Anzeigetafel eine neue Bestzeit und denkt: Ja, hat sich alles gelohnt. Da ist man schon stolz, dass man geschafft hat, was man sich vorgenommen hat."

In dieser Saison will die Berlinerin ihren Titel verteidigen und außerdem zu einem der wichtigsten internationalen Nachwuchswettkämpfe im holländischen Heerenveen...

"Und falls ich dieses Jahr zum Viking Race fahre, strebe ich da den dritten Platz an, und will mir den Arsch aufreißen, dass ich wenigstens einmal da oben irgendwie beim Mehrkampf vorne stehe."

Es läuft also nach Plan. Aber welche Prognosen sind längerfristig möglich? Kimberlys Trainerin Sabine Diehn hat Eisschnellläufer miterlebt, die Weltkarrieren gemacht haben wie Claudia Pechstein und Jenny Wolf und solche, deren Namen niemals auch nur in einer Nachrichtenspalte auftauchten. Diehn kann ein Talent erkennen, und sie kann Talenten helfen, sich zu entwickeln. Das ist ihr Job. Ein Unterfangen mit vielen Unbekannten bleibt die Nachwuchsförderung im Hochleistungssport trotzdem.

"Das macht ja den Leistungssport so interessant, dass man das vorher nicht weiß. Wenn sie ein Rezept hätten: Ich muss zur siebten Klasse einschulen zwanzig, und dann habe ich garantiert in zehn Jahren einen Weltmeister dabei, dann könnte das jeder."

Und doch hofft Diehn darauf, ihre besten Schützlinge, also auch Kimberly, spätestens bei den übernächsten olympischen Winterspielen 2022 am Start zu haben. Es muss nur alles passen.
Zum Puzzle, bei dem Talent nur eines von vielen Teilchen ist, gehört auch, dass die Sportler Sinnkrisen als Teenager überstehen. Daniel Zorn, der Judoka, erinnert sich an seine schwierige Phase:

"Einmal hatte ich die Zeit, ja, das war, glaube ich in der 8. oder 9. Klasse. Ich wollte wirklich eigentlich direkt das Handtuch werfen, weil für mich war einfach alles zu schwer."

Getrieben von intrinsischer Motivation

Er hatte das Gefühl, nicht mehr besser zu werden. Sein Körper machte nicht so mit, wie er sollte. Und so ging Daniel, der immer von Olympia geträumt hatte, auf Distanz zu seinem geliebten Judo. Für ein paar Wochen spielte er Fußball. Es gefiel ihm ganz gut, aber dann vermisste er auf einmal die Judo-Wettkämpfe...

"...und da hab ich mich wirklich noch einmal zusammengerissen und meinte: Ok, Daniel, Du machst jetzt Judo endgültig."

Mit dieser Ansprache an sich selbst war die Krise pragmatisch erledigt. Kann klappen, muss es aber nicht. Das weiß niemand so gut wie der Psychologe, der selbst mal Hochleistungssportler war, auch als Teenager schon. Und nun guckt Markus Flemming sich an, was passiert, wenn aus Kindern, die Eishockey spielen oder ringen oder Langlauf machen, junge Erwachsene werden, bei denen alles durcheinander gerät.

"Es ist wirklich so, dass die eine schwere Zeit irgendwann mal durchmachen, spätestens wenn es anfängt, wenn sie in die Pubertät kommen. Da suchen sie sich eine Peergruppe, und Peergruppe, die muss ihnen Reize bieten, die muss ihnen die Möglichkeit bieten, sich zu identifizieren. Jugendliche zu finden, mit denen sie gerne zusammen sind; Erwachsene, die ihnen Werte geben, die ihnen Möglichkeiten geben, Regeln auch vorgeben."

Man kann es vielleicht auch so sagen. Hochleistungsathleten beginnen fast immer schon als kleine Kinder Sport zu treiben. Es macht ihnen Spaß. Also bleiben sie dabei. Einfach so. Ganz ohne Masterplan.
Diese Zweckfreiheit nennt die Psychologie intrinsische Motivation. Aber wenn jemand 14 oder 15 Jahre alt ist, reicht das nicht mehr, dieses „einfach so".

"Ich denke, dass genau dieses Alter ja noch mal ein ganz Interessantes ist im Juniorenleistungssport. Man muss sich ja wirklich für diesen Sport entscheiden, dass heißt nach wie vor Verzicht. Und je weiter man in diesem System ist, und je weiter man mit den Leistungen vorne mitläuft, muss man viel trainieren, man muss hart trainieren. Und das heißt in diesem Alter natürlich auch, Entbehrungen in Kauf nehmen."

"Dienstags stehe ich um 5:50 Uhr auf, weil ich schon um 7:30 Uhr beim Training sein muss, Training fängt dann um 7:30 Uhr an und geht bis 9:00 Uhr, 9:15 Uhr, 9:50 Uhr beginnt dann meine erste Schulstunde..."

Wenn alte Ziele verfehlt werden, entstehen neue

Kimberly Günzel akzeptiert das Trainingseinerlei, die Trainingsbelastung, die verplanten Wochenenden, Ferien, die keine sind. Sie hat sich entschieden. Sie selbst redet ja nicht so gerne über Träume und Ziele. Der Psychologe aber weiß: Auch wenn ein erwachsen werdender Sportler selbst es nicht ausspricht,...

"...so sind doch extrinsische Motivationen gegeben, durch natürlich Ruhm, Medaillen, Wettkämpfe, Weltmeisterschaften, Olympische Spiele – und das ist auch gut. Es ist nur wichtig, damit auch adäquat umzugehen."

Sagt Markus Flemming. Und meint damit nicht zuletzt, dass alle Beteiligten, die jungen Sportler, ihre Familien, ihre Betreuer einordnen können müssen...

"...es ist immer noch Sport, Spiel, Spaß. Und das sage ich auch immer. Es geht um viel, es geht um Medaillen, es geht um Geld irgendwann mal. Aber ganz ehrlich, das ist ein wichtiger Punkt: Es geht hier nicht um Leben und Tod."

Aber es geht eben doch um sehr viel, wenn man so viel Zeit und so viel Energie in eine Sache steckt. Kimberly Günzel spricht aus gutem Grund nicht gerne über das, was vielleicht in ein paar Jahren passieren könnte. Sie ist einfach realistisch.

"Man weiß ja nie, was jetzt noch kommt, irgendeine Verletzung, dann muss ich doch aufhören, dann denkt man sich: Ja, ich hab mir solche Gedanken gemacht und ich war doch so gut und jetzt ist alles vorbei."

Welche Chancen auf Glück stecken im Hochleistungssport, wenn er doch so unberechenbar ist und so grausam sein kann? Wenn die Wahrheit die ist: Die meisten, die alles geben, werden ihre Ziele, egal ob nun heimlich erträumt oder euphorisch verkündet, nie erreichen.

"Ich hab mein Ziel auch nicht erreicht. Ich wollte auch Nationalspieler werden, zu den Olympischen Spielen, habe ich nie erreicht, nie geschafft. Aber ich hab dann irgendwann gemerkt, ok, jetzt studier ich nebenbei, und das ist wunderbar. Wenn man diese Menschen begleitet, und den Menschen Ressourcen und Möglichkeiten aufzeigt, dann ist alles gut. Dann entstehen wirklich fantastische, neue Ziele. Das müssen die aber wissen. Und das ist teilweise schwer, weil eben so ein Fokus nur auf deren Erfolg gerichtet wird."

Markus Flemming scheint inzwischen ziemlich glücklich damit zu sein, andere Sportler dabei zu unterstützen, glückliche Menschen zu sein. Egal wie viele Medaillen sie sammeln.
Und die, die womöglich eines Tages tatsächlich auf einem Olympiapodest stehen, die aber ebenso auch noch durchs Raster fallen könnten?

"Ich habe mal die Frage gehabt an mich selber, wenn ich nur noch einen Tag hätte, den ich Sport machen könnte, beziehungsweise irgendeine Tätigkeit machen könnte, was würde ich dann tun? Und die erste Antwort, die mir sofort eingefallen ist: Ich würde sofort auf die Matte gehen und meine letzten Kämpfe haben. Weil es gehört einfach jetzt mittlerweile dazu. 13 Jahre ist fast mein ganzes Leben. Und die habe ich zum größten Teil auf der Judomatte verbracht."

Vielleicht ist das größte Glück im Sport am Ende einfach das Glück des Augenblicks.

"Man ist einfach nur bei sich, gleitet übers Eis, die Gedanken sind einfach mal abgeschaltet, alle Probleme sind weg, einfach nur auf dem Eis stehen und laufen."

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