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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.01.2018

Jugendliteraturpreis für Roman von Manja Präkels"Sehr viel schöpft aus meinem Erleben"

Manja Präkels im Gespräch mit Andrea Gerk

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(Deutschlandradio / Matthias Dreier)
Manja Präkels, Autorin und Musikerin (Deutschlandradio / Matthias Dreier)

Für ihren autobiografisch gefärbten Roman "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" wurde die Autorin Manja Präkels mit dem Jugendliteraturpreis 2018 ausgezeichnet. Präkels schildert darin, wie in den 1990er-Jahren Neonazis in Brandenburg zu gewaltbereiten Alphatieren aufsteigen.

Aus aktuellem Anlass lesen Sie hier ein Interview mit Manja Präkels vom 4. Januar 2018.

Andrea Gerk: Über die brandenburgische Kleinstadt Zehdenick wurde erst jüngst im Feuilleton heftig debattiert, ausgelöst unter anderem durch Manja Präkels autobiografisch fundierten Roman "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß". Darin erzählt die 1974 in Zehdenick geborene Autorin von ihrer Jugend in der DDR und wie ihr Freund Oliver nach dem Mauerfall unter dem Kampfnamen Hitler zum Anführer einer Neonazi-Bande wird, die Angst verbreitet und tödliche Gewalttaten verübt, die nicht mal geahndet werden.

Manja Präkels ist jetzt bei mir im Studio. Guten Tag, herzlich willkommen!

Manja Präkels: Guten Tag!

Gerk: Sie sind ja auch viel gelobte Sängerin einer Band, "Der singende Tresen" heißt sie, Sie schreiben Lyrik und haben vier Bände herausgegeben, unter dem anderen den Band "Kaltland", der schon ein Klassiker der Nachwendeliteratur war. Wie kam es denn zu diesem Roman? Haben Sie den schon so ein paar Jahre mit sich herumgeschleppt?

Präkels: In dem besagten "Kaltland"-Band gibt es eine Kurzgeschichte von mir, die hieß schon so, "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß", das war ein bisschen der Auftakt, und da hab ich so viel positive Resonanz drauf bekommen, dass ich tatsächlich seitdem an dem Roman gesessen habe, und jetzt ist er endlich da.

Gerk: Man weiß ja jetzt spätestens durch diese Auseinandersetzung mit Moritz von Uslar, dass das auch viel mit Ihrem Leben zu tun hat. Wie eng ist denn das an dem, was Sie tatsächlich erlebt haben?

Präkels: Das ist schwer zu sagen, so fifty-fifty. Sehr viel schöpft tatsächlich aus meinem Erleben, aus dem, was mir geschehen ist und anderen Leuten, mit denen ich aufgewachsen bin. Aber über die Jahre haben sich zum Glück die Figuren auch verselbstständigt, und die Geschichte hat auch andere Wege genommen, als ich sie anfangs vermutet hätte.

Gerk: Sie hätten ja eigentlich auch ein Sachbuch darüber schreiben können. Vom Stoff her wäre das ja ganz aktuell. Was kann der Roman oder was konnte der, während Sie den Stoff, ihr Leben dann noch mal angeguckt haben, was so ein Sachbuch nicht gekonnt hätte?

Präkels: Ich finde es sehr befreiend, in die Kunst zu gehen in dem Moment. Ich habe ja auch viele Jahre als Journalistin gearbeitet und einfach gemerkt, dass es da einfach Grenzen gibt, also an Sagbarkeiten oder dass es auch in dem Faktischen allein zu wenig zeigbar ist. Ich wollte einfach auch Gefühle, Atmosphären, Figuren zeichnen. Und da bin sehr froh über die Form.

Gerk: Und das gelingt Ihnen ja auch ganz toll. Am Anfang denkt man, das ist ja so sehr idyllisch. Da sind die Hauptfiguren, Mimi und Oliver, die sitzen da und essen Schnapskirschen, bis sie betrunken sind. So ein bisschen eine Ost-Idylle eigentlich, aber man merkt relativ schnell, dass das, worüber wir heute so viel reden, dieser Rassismus, der Fremdenhass irgendwie auch schon da ist. Ist das was, was zu wenig analysiert wird, das, was davor schon eigentlich da so gebrodelt hat?

"Wie kalt die das ließ und wie zynisch sie darüber sprachen"

Präkels: Unbedingt. Ich muss sagen, während ich das Buch schrieb und recherchierte dafür, ist mir selbst auch einiges erst bewusst geworden. Wenn man da drin steckt, gerade Kindheit und Jugend und pubertierend ist, dann hat man ja andere Themen. Aber im Nachhinein ist mir das ganz bewusst geworden, dass eigentlich viel früher schon, lange vorm Mauerfall, mir im Nachhinein Sachen aufgefallen sind.

Wie geredet wurde über die Vertragsarbeiter, die mosambikanischen, die angolanischen, wie Menschen anderer Hautfarbe, wie über die geredet wurde, wie über Zigeuner geredet wurde. Oder auch Besuche in Mahn- und Gedenkstätten, wie Mitschüler in Ravensbrück beispielsweise, angesichts der Fakten dort und der Bilder, wie kalt die das ließ und wie zynisch sie darüber sprachen. Im Nachhinein ist mir dann klar geworden, dass da schon viel angelegt war.

Gerk: Und was einen ja auch wundert, ist, dass da doch so wenig Widerspruch dann auch kam, so wenig Gegenwehr. Wie erklären Sie sich das?

Präkels: Das ist wirklich bemerkenswert, und ich bemerke das bei den Lesungen, die zum Glück gut besucht sind und wo viele Leute meines Alters auch kommen und anschließend wirklich Debatten losgehen, was war da eigentlich mit den Erwachsenen los? Was war eigentlich mit der Gesellschaft los? Aber, ja klar, ein System wechselt oder ein System bricht zusammen, das andere kommt, und es entsteht eine Art von Vakuum.

Ich glaube, viele Leute, gerade Autoritäten sind verstummt, neue waren noch nicht da, und einige, ich glaube auch, ganz viele Leute wollten sich nicht festlegen. Also, so ein kurzes Aufschrecken – wie geht es denn jetzt weiter? Und genau da stießen diese Gedanken, diese menschenfeindlichen Gesinnungen auch rein, in dieses Vakuum, und haben unglaublich viele Leute erreicht.

Gerk: Können Sie das denn im Nachhinein irgendwie nachvollziehen, wie sich diese jungen Männer, vor allem dieser Oliver, überhaupt zu so einem brutalen Neonazi entwickeln konnte?

Präkels: Ich bin da nicht ohne Mitgefühl, was die Haltlosigkeit der Situation Einzelner betrifft, bin aber schon radikale Gegnerin von dieser menschenverachtenden Haltung und vor allen Dingen von den folgenden Taten. Es ist ambivalent, finde ich. Ich finde, wichtig ist, dass man heute das aufbricht, darüber spricht, sich erinnert. Weil ich glaube, auch für damalige Täter ist das wichtig.

Klar, wenn man mit 14, 15 plötzlich so einen vielleicht "Mist baut", wie es damals hieß, und der Mist hatte zum Teil tödliche Konsequenzen für Menschen – ich kann mir gut vorstellen, dass das vielen heute bewusst ist, dass da auch Bedürfnisse sind, sich darüber zu unterhalten. Aber das braucht eben eine gesellschaftliche Debatte, in der alle zu Wort kommen, die Opfer und die Täter, und jeder auch eine Möglichkeit hat, das im Nachhinein zu begreifen.

Gerk: Und da sind ja auch sträfliche Lücken entstanden. Sie haben das Buch ja Ihrem Freund Ingo Ludwig gewidmet. Der ist ja von Neonazis zu Tode geprügelt worden, und da ist nichts passiert so wirklich. Der Rechtsstaat fällt da komplett aus.

"Viele Opfer haben nicht die angemessene Würdigung erhalten"

Präkels: Leider. Und ich finde auch verheerend, dass bis heute ja eigentlich viele Opfer nicht die angemessene Würdigung erhalten im Nachhinein, dass ihrer nicht gedacht wird. Es gab tatsächlich eine Zeit der Straffreiheit, und ich fürchte, genau die Generation, die das damals erlebt hat, die das damals geprägt hat, das sind heute erwachsene Leute, die haben selber Kinder, die erziehen die zum Teil wieder in diesem Geist.

Und das sind heute die Leute, die die AfD betreiben, maßgeblich Pegida unterstützen und auch jetzt wieder die alten Lieder singen wie damals.

Gerk: Und dann ist ja natürlich auch ein großes Problem, dass sehr viele Leute, die dagegen sind oder dagegen halten, einfach weggehen. Sie mussten ja auch weggehen, weil sie auch tatsächlich bedroht wurden und man kein normales Leben da führen kann. Wer ist denn da eigentlich noch vor Ort, der da quasi noch Demokratie und liberales Denken aufrechterhält?

Präkels: Zum Glück gibt es Leute, die da vor Ort sind, die da geblieben sind, die wieder zurückkehren. Das wäre ja fatal. Das war ja lange Zeit eine fatale Situation, dass eben alle klugen, engagierten Leute weggegangen sind, dass es auch wenig Unterstützung gab für die zivilgesellschaftlichen Initiativen, die hier und da entstanden.

Ich habe manchmal ein bisschen Angst, dass es gerade wieder darum geht, und ich fühle mich manchmal schrecklich dran erinnert, dass man eben, statt die Leute vor Ort zu stärken, die sich für ein gemeinsames, für ein Miteinander, für eine offene Gesellschaft einsetzen, dass die zu wenig beachtet werden und schon wieder als Nestbeschmutzer diffamiert werden, also auch politisch benutzt. Ja, dem muss man was entgegensetzen, und ich glaube, in ganz vielen Gegenden passiert das auch glücklicherweise, im Gegensatz zu den 90er-Jahren.

Gerk: Sie haben ja auch in Zehdenick gelesen aus Ihrem Buch. Wie war denn das? Wie sind Sie da aufgenommen oder empfangen worden?

Präkels: Das war schon ein bisschen unheimlich und aber auch schön. Da habe ich beispielsweise jemanden im Publikum gesehen, von dem ich erst dachte, er wäre so eine Art Spion, um dann aber festzustellen: Nein, da hat sich jemand offensichtlich gewandelt, denkt heute anders, ist offensichtlich in kritischem Abstand zu dem, was er damals getan und gedacht hat. So was ist toll.

Und die Leute kamen, es waren ganz viele da, und hatten einen riesigen Gesprächsbedarf. Man stand noch lange beieinander. Das war ein tolles Zurückkehren.

Gerk: Sie sagen, der hat sich gewandelt. Aber da muss man schon genau hingucken, ob das auch stimmt. Denn ich will noch mal auf diese Debatte, die es mit Moritz von Uslar gab, der hat ja, um das noch mal kurz zu erklären, 2010 das Buch "Deutschboden" veröffentlicht und war auch in Zehdenick. Er hat da mit ehemaligen Neonazis gesprochen und jetzt auch, zehn Jahre später, noch mal darüber geschrieben.

Und Sie haben gesagt, er verharmlost das so ein bisschen, als wären das so Wilde, die irgendwie so gezähmt werden, oder so raue Prolls. Ist das überhaupt nicht ein grundsätzliches Problem, dass nicht genau hingeschaut wird?

"Ich werfe von Uslar vor, dass er da zu oberflächlich ist"

Präkels: Das stimmt, und das werfe ich ja von Uslar in dem Moment auch vor, dass er da zu oberflächlich ist. Ich kenne ja die Leute. Er konnte da als teilnehmender Beobachter mit großem Abstand hingehen. Ich kenne die Leute seit meiner Kindheit – und ja, ich kenne die einzelnen Geschichten und weiß von vielen Menschen, denen die weh getan haben.

Und dann finde ich es fast fahrlässig, dass so ein bisschen in so einem Prollkult so dahinplätschern zu lassen und vor allen Dingen sie auch wieder beurteilen zu lassen, wie die Neunziger waren. Also immer wieder diejenigen beurteilen zu lassen, die die Neunziger geprägt haben maßgeblich, auf eine sehr negative Art und Weise und sehr nachhaltig. Also klar, man muss ganz genau hinschauen, und darum ist es ja wichtig, dass man darüber redet. Und für ein gutes Gespräch müssen alle zu Wort kommen.

Gerk: Und dass man auch was macht, oder? Also gerade jetzt, wo auch das rechte Denken auch auf parlamentarischer Ebene eingezogen ist, muss man sich verhalten? Was sagen Sie?

Präkels: Unbedingt. Haltung zeigen, und tatsächlich eine Streitkultur, die ich tatsächlich überall vermisse, die gerade auch in den Ostprovinzen, aber auch in Westprovinzen, also in Provinzen halt noch stärker – ist der Verlust stärker spürbar. Die Leute müssen sich einfach auf die Straße begeben und miteinander ins Gespräch kommen und die Entscheidung ausdiskutieren, in was für einem Land wollen wir leben, und das nicht der AfD oder den Parolenbrüllern überlassen.

Gerk: Manja Präkels, vielen Dank, dass Sie hier bei uns waren. Und der Roman, über den wir sprachen, ist unter dem Titel "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" im Verbrecher-Verlag erschienen, 232 Seiten kosten 20 Euro.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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