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Religionen | Beitrag vom 06.10.2019

Jugendliche Landarbeiter in GuatemalaAusbeutung auf den Zuckerrohrfeldern

Von Andreas Boueke

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Zuckerrohrernte in Guatemala (Andreas Boueke / Deutschlandradio )
Eine Zuckerrohr-Plantage in Guatemala: Viele der Arbeiter sind minderjährig und schuften unter lebensgefährlichen Bedingungen. (Andreas Boueke / Deutschlandradio )

Zucker ist gefährlich – nicht nur für die Zähne: Was uns das Leben versüßt, wird in Ländern wie Guatemala unter unwürdigen Bedingungen angebaut. Viele der Arbeiter schaffen die Arbeit nur mit Drogen. Ein Pastor versucht zu helfen.

"Viele der jungen Männer, die zur Ernte auf die Zuckerrohrfelder gehen, sehen darin eine Fluchtmöglichkeit aus ihrem sonst trostlosen Leben", sagt Erky Pino. "Für manche ist die Feldarbeit eine Art Medizin, mit der sie hoffen, ihre Probleme zu lösen. Aber es ist eine giftige Medizin."

Der katholische Diakon Erky Pino betreut eine Pfarrei in dem Städtchen Santa Lucia Cotzumalguapa an der Pazifikküste Guatemalas. Jedes Jahr kann er das unheimliche Schauspiel der Zuckerrohrernte fünf Monate lang beobachten. Frühmorgens lodern die Flammen auf den Zuckerrohrfeldern meterhoch. Das Feuer vertreibt giftige Schlangen und verbrennt scharfe Blätter und klebrigen Pflanzenstaub.

Nach ein, zwei Stunden Brand ragen nur noch dunkelbraune Zuckerrohre wie Speere aus der Asche. Ihre süße Flüssigkeit schützt das Holz vor dem Feuer. Noch am selben Tag kommen die Erntearbeiter aufs Feld. Einer von ihnen ist der junge Panza.

Arbeiten unter lebensbedrohlichen Bedingungen

"Ich heiße Luis Fernando Hernández Rucuch. Die Leute nennen mich ‚Panza‘. Ich bin 15 Jahre alt und arbeite in der Zuckerrohrernte."

Fernando vor dem Haus seiner Familie (Andreas Boueke)Fernando vor dem Haus seiner Familie (Andreas Boueke)

Der Hals des Jungen schmerzt, weil er auf dem Zuckerrohrfeld ständig Asche einatmet.

"Die Sonne brennt wie die Hölle. Mittags um zwölf ist die Hitze kaum noch auszuhalten."

Niemand zwingt den minderjährigen Panza, in der Zuckerrohrernte zu arbeiten. Seine Mutter María sagt, er gehe freiwillig aufs Feld.

"Ich danke Gott für meinen Sohn. Seit er arbeitet, brauche ich mir keine Sorgen mehr zu machen, wie ich etwas zu Essen bekomme. Er verdient zwar nicht viel, aber es reicht. An seinem fünfzehnten Geburtstag hat er mir gesagt: "Mama, ich gehe ins Zuckerrohr. Ich möchte nicht, dass du weiter arbeitest. Ich werde für dich sorgen."

Die Arbeiter wissen nicht um die Gefahren

Diakon Erky Pino schätzt, dass mindestens achtzig Prozent der Jugendlichen, die in seinen Jugendgruppen mitmachen, auf die eine oder andere Weise in der Zuckerproduktion arbeiten.

"Für einen jungen Menschen ist das eine risikoreiche Arbeit", sagt Pino. "Viele Leute werden krank wegen der Asche, der Insektenmittel oder anderer Chemikalien, die auf den Feldern versprüht werden. Doch die Arbeiter wissen so gut wie nichts von diesen Gefahren."

Den ganzen Tag schuften

Siebzig Prozent des Rohrzuckers, der in Guatemala produziert wird, ist für den Export bestimmt. Nach Brasilien, Thailand, Indien und Australien ist das kleine Land der fünftgrößte Zuckerexporteur der Welt.

Das Zuckerrohr wird in großen Lastwagen zu den Verarbeitungsfabriken transportiert. (Andreas Boueke)Das Zuckerrohr wird in großen Lastwagen zu den Verarbeitungsfabriken transportiert (Andreas Boueke)

"Mir fällt immer wieder auf, wie viele Stunden die Männer jeden Tag auf dem Feld arbeiten", erzählt Pino. "Gestern Abend noch war ich auf einer Plantage. Wir mussten lange warten. Die Messe war für sieben Uhr geplant. Aber die Leute kamen erst um acht. Wir haben ihnen gesagt, sie sollten sich erst einmal duschen und etwas essen. Letztendlich hat die Messe erst kurz von zehn angefangen. Trotzdem haben sie aufmerksam dagesessen, um das Wort Gottes zu hören."

Als Kind begonnen, im Alter ausgelaugt

Panza wohnt zusammen mit seiner Großfamilie in einer Hütte, neben der noch viele andere Häuschen aus Holz und Wellblech stehen.

"Mein Name ist Marcelino", erzählt ein Nachbar. "Ich selbst habe mit elf Jahren begonnen, auf einer Plantage zu arbeiten. Damals bekam ich einen halben Tageslohn, weil ich noch klein war. Jetzt bin ich 61 Jahre alt. Ich fühle mich ausgelaugt. Wer als junger Mensch mit dieser Arbeit beginnt, der kann nicht länger als bis zu seinem 45. oder 50. Lebensjahr arbeiten. Das Zuckerrohrschneiden ist die härteste Arbeit, die es gibt. Aber was sonst soll man machen?"

Eigentlich dürfen Minderjährige nicht auf den Zuckerrohrfeldern arbeiten. Doch oft sind sie zuständig für den Broterwerb ihrer Familie. In dieser Situation sieht Diakon Erky Pino die Plantagenbesitzer in der Verantwortung.

Drei Stunden Anfahrt zum Feld

"Die Jungs beginnen mit elf, zwölf Jahren, ihr Überleben zu sichern", sagt der Diakon. "Wir als Kirche haben die Aufgabe, diesen Kindern beizustehen. Sie wachsen in unserer Gemeinde auf. Der Staat kümmert sich nicht um das Problem. Deshalb reden wir den Plantagenbesitzern ins Gewissen. Sie sollen die Würde ihrer Arbeiter respektieren."

Meist geht Panza morgens vor fünf Uhr aus dem Haus. Nach einer langen Busfahrt kommt er oft erst gegen acht Uhr auf dem Feld an.

"Dann hat der Aufseher die Arbeitsbereiche schon eingeteilt. Ich ziehe meine Schienbeinschoner und meine Schutzbrille an und lege los", erzählt Panza.

Wenig später ist das Gesicht des Jungen rußverschmiert. Seine Zähne und Augen glänzen wie weiße Punkte auf schwarzem Grund. "Die Kollegen wissen, dass ich erst fünfzehn bin. Einige sagen, ich sei noch zu jung, um Zuckerrohr zu schneiden."

Aufputschmittel als Vitamine getarnt

Alle drei Stunden müssen die Feldarbeiter die breiten Klingen ihrer Macheten schleifen.

"Dafür bekommen wir eine Feile", sagt Panza. "Beim Schleifen werde ich manchmal so müde, dass ich mich einfach eine Stunde lang ins Feld lege. Danach bin ich zwar noch immer müde, aber ich muss ja weitermachen. Noch schlimmer ist es, wenn du dir nichts gespritzt hast. Dann kannst du auf dem Feld ganz schnell ohnmächtig werden."

Die meisten Arbeiter nehmen Aufputschmittel. Panza spricht nicht von Drogen, sondern von "gesunden Vitaminen".

"Ich spritze mir was. Es gibt da so Mittel, die heißen 'Komplex' oder 'Starkes Leben'. Das sind Vitamine, die dir ein, zwei Tage lang Kraft geben."

Erky Pino sagt: "Es ist ja nicht normal, dass ein Mensch, der hart arbeitet, monatelang nicht länger als vier Stunden am Tag schläft. Die langfristigen Konsequenzen dieses Lebensstils sehen wir überall: Menschen, die ihren Halt verloren haben. Instabile Leute, die für immer gezeichnet sind."

Eine Zuckerrohrerntearbeiter macht einen Moment Pause im Schatten. (Andreas Boueke)Zuckerrohrernte in Guatemala (Andreas Boueke)

Ausgebeutet – und betrogen

Auf den Zuckerrohrfeldern ist der Verdienst der Tagelöhner abhängig von der Menge, die sie ernten. Kräftige Männer können bis zu dreißig Euro am Tag verdienen. Die meisten aber bekommen weniger als zwanzig und nicht selten werden sie beim Wiegen ihrer Ernte betrogen. In manchen Fällen bemüht sich Erky Pino, Kontakte zwischen hilfsbereiten katholischen Rechtsanwälten und ausgebeuteten Arbeitern herzustellen.

"Ein Anwalt kann etwas konkretes erreichen, mit dem Gesetzbuch in der Hand", sagt Diakon Pino. "Als Pastor rührt dich der Schmerz dieser Menschen. Manche suchen Hilfe, die ich ihnen sehr einfach und effektiv geben kann: Zum Beispiel bringe ich einen Kranken in das Haus eines befreundeten Arztes, damit der den körperlichen Schmerz lindert. Danach begleite ich den Menschen, damit er auch juristische Unterstützung bekommt. Diese Leute haben nur sehr wenig Schulbildung. Sie wissen nicht, dass sie Rechte haben."

Wer klagt, verliert die Arbeit

Panza hält nicht viel von der Idee, seine Rechte mit Hilfe eines Anwalts einzufordern. "Wenn du dich beschwerst, kannst du gleich zu Hause bleiben. Besser du machst in Ruhe weiter. Ich habe zweimal gesehen, wie sich jemand beschwert hat. Am nächsten Tag sind diese Männer nicht wieder bei der Arbeit aufgetaucht."

Panza hat wenig Hoffnung für sich. "Ich weiß nicht, wie meine Zukunft sein wird. Die Schule hat mir nicht gefallen. Ich wollte lieber Geld verdienen, um meiner Mutter zu helfen. Aber das war keine gute Entscheidung. Wenn ich einen Schulabschluss hätte, müsste ich später nicht mehr Zuckerrohr schneiden."

Armut, Gewalt – und eine düstere Zukunft

Der Alltag in vielen Familien der Zuckerrohrarbeiter ist geprägt von Armut und Gewalt, sagt Erky Pino. "Letztens habe ich einen kleinen Jungen gefragt: 'Warum bist Du in der Messe eingeschlafen?' Er hat mir geantwortet: 'Gestern war ich bis fünf Uhr morgens wach, weil mein Vater betrunken nach Hause kam und ich Angst hatte, dass er meine Mutter schlägt und umbringt'. So ist die Realität vieler Haushalte in Guatemala."

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