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Zeitfragen | Beitrag vom 12.09.2018

Jugendhilfe in der DDRMit militärischem Drill zum besseren Menschen?

Von Isabel Fannrich-Lautenschläger

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Ein mit Hindernissen gespicktes Trainingsgelände (Archiv DIZ Torgau)
Jeden Morgen Drill: die Sturmbahn des Jugendwerkhofs Torgau (Archiv DIZ Torgau)

Kinder und Jugendliche, die in der sozialistischen Gesellschaft auffällig wurden oder sich verweigerten, kamen in der DDR in Spezialkinderheime oder in Jugendwerkhöfe. Dort sollten sie umerzogen werden – um wieder in das Kollektiv zu passen.

Wer in ein Spezialheim eingewiesen wurde, musste sich sofort dem täglichen Drill unterordnen. Die Abläufe im Kollektiv waren auf die Minute genau strukturiert, berichtet der DDR-Forscher Christian Sachse:

"Dass man sich permanent in der Gruppe bewegte, das heißt ein Wechsel zwischen zwei Räumen fand im Ernstfall mit dem Marschschritt statt. Es wurde gemeinsam gegessen. Wenn das Essen zu Ende war, man hatte nicht aufgegessen, dann musste man den Löffel fallen lassen. Und ähnliche Dinge, die man eigentlich so als Kommiss bezeichnet. Die sind in den Jugendwerkhöfen und in den Spezialheimen doch recht stark ausgeprägt gewesen. Appelle natürlich, tägliche Zählappelle und ähnliches."

Ziel war die Umerziehung

Oberstes Ziel dieser Disziplinierung war hier die Umerziehung, sagt Anke Dreier-Horning, Leiterin des Deutschen Instituts für Heimerziehungsforschung.

"Die sind dort eingeliefert worden oder eingewiesen worden, weil sie eine Auffälligkeit hatten. Diese Auffälligkeit wurde mit Schwererziehbarkeit betitelt, wobei dieser Begriff niemals sozialpädagogisch definiert wurde. Und der Begriff der Schwererziehbarkeit wurde so verstanden, dass es einen Konflikt gibt zwischen dem Individuum und der Gesellschaft oder dem Kollektiv, wo das Kind drin lebt. Das war meistens eben die Schule, da wurde das Kind verhaltensauffällig durch Aggressionen oder durch das Wegbleiben einfach vom Unterricht."

Warum Kinder sich auffällig verhalten haben, zum Beispiel weil sie Probleme im Elternhaus hatten, wurde dabei nicht analysiert, sagt die Erziehungswissenschaftlerin.

"...sondern man hat versucht, durch eine andere Umgebung das Kind an die Gemeinschaft heranzuführen, die Erziehungsbereitschaft beim Kind herzustellen, also auf das Kind so einzuwirken, dass das Kind wieder erzogen werden möchte und auch wieder in die Gemeinschaft zurück möchte."

Als Vorbild dienten die reformpädagogischen Ansätze von Anton Semjonowitsch Makarenko. Der sowjetische Pädagoge holte ab 1920 delinquente, sozial auffällige Kinder und Jugendliche in die so genannte Gorki-Kolonie, um sie durch das Leben im Kollektiv im kommunistischen Sinne zu erziehen. Allerdings verstärkte sich in seinen Lagern der militärische Drill in der nachfolgenden stalinistischen Zeit.

Der russische Pädagoge A.S. Makarenko, Begründer der sozialistischen Kollektiverziehung, aufgenommen mit Kindern und Jugendlichen. (picture alliance/dpa/Foto: Tass)Der russische Pädagoge A.S. Makarenko, Begründer der sozialistischen Kollektiverziehung, mit Kindern und Jugendlichen. (Undatiert) (picture alliance/dpa/Foto: Tass)
In der DDR seien die Ideen Makarenkos dazu benutzt worden, das oberste politisch-ideologische Ziel, den sozialistischen Menschen, zu verwirklichen, sagt der Politikwissenschaftler Christian Sachse:

"Der sozialistische Mensch zeichnete sich dadurch aus, dass er selbstlos war, für die Volksgemeinschaft da war, kommunikativ, fröhlich – also ein sehr plattes Bild. In Wirklichkeit ging es aber darum, die jungen Menschen einzupassen in die reale Gesellschaft. Und die war unterschiedlich, je nachdem ob wir die Zeit des Stalinismus haben, sehr auf Unterordnung ausgerichtet. Und wenn wir in die spätere Diktatur gucken, so in den 80er-Jahren, dann ging es eher darum, den Kindern Über- und Unterordnung beizubringen, so dass sie als Erwachsene dann im Kollektiv funktionieren konnten."

Sozialistische Erziehung bedeutete, die individuellen Interessen mit denen des Kollektivs in Übereinstimmung zu bringen bzw. sie ihnen unterzuordnen.

DDR hatte keine eigene Theorie zur Heimerziehung

Eine eigene Theorie zur Heimerziehung brachte die DDR jedoch nicht hervor, stellt Anke Dreier-Horning fest. Die Pädagogen des Volksbildungsministeriums, denen die Jugendhilfe unterstellt war, gingen davon aus, dass die Heranwachsenden Probleme mit System und Kollektiv oder innere Widerstände hatten – und sich der Erziehung entzogen.

"Man hat ja auch wirklich gedacht, die haben entweder das noch nicht so richtig verstanden, um was es hier geht. Deshalb müssen wir ihnen das indoktrinieren, also erklären, zeigen, wie wichtig Kollektiv ist, wie wichtig Gemeinschaft ist. Oder die haben irgendwelche Fehlentwicklungen genommen im Laufe ihrer Kindheit durch schlechte Vorbilder, durch schlechte Bedingungen. Und die müssen überlernt werden einfach, also das Sein prägt das Bewusstsein durch mehrfaches Einüben von Verhaltensweisen, durch Erfahrung werden sie zu dem Punkt kommen, dass sie das dann auch wollen. Das pure Sein geht dann auch in ein Bedürfnis über."

Schüler beim Sportfest in Berlin (Ost) um 1984. (imago/Seeliger)Schüler beim Sportfest in Berlin (Ost) um 1984: Wer auffällig war oder sich dem gesellschaftlichen Kollektiv verweigerte, sollte umerzogen werden. (imago/Seeliger)
Im Vordergrund stand im Arbeiter- und Bauernstaat die "Erziehung zur Arbeit". Sie war Ziel und Methode zugleich. Bei der so genannten Selbstbedienung putzten die Kinder ihre Schlafräume oder schleppten die Kohlen.

Neben der Teilfacharbeiter-Ausbildung in den Jugendwerkhöfen wurden die Zöglinge in allen Spezialheimen verstärkt zu gemeinnützigen Arbeitseinsätzen am Wochenende oder in den Ferien – etwa bei der Ernte oder beim Spielplatzbau – abkommandiert. Christian Sachse spricht von wirtschaftlicher Ausbeutung und nicht von pädagogischen Maßnahmen.

"Man begann, 1959/60, die sogenannten Industrie-Jugendwerkhöfe aufzubauen, die nach dem späten Makarenko funktionierten. Nämlich dass man sagte: Jeder Betrieb darf sich einen Jugendwerkhof aufbauen – nicht umgekehrt. Wo er solche Jugendlichen aufnimmt, da muss er sie halt auch erziehen. Aber im Wesentlichen sollen sie arbeiten. Und gedacht war das als Lückenfüller für Arbeitskräfte, die fehlten. Das ging so weit, dass Jugendliche später in Tagebauen gearbeitet haben, in Brikettfabriken und angeblich dabei auch noch eine Ausbildung erhielten."

Zeigte die Umerziehung in den Spezialheimen nicht die erwünschte Wirkung, wurden die Jugendlichen in das Kombinat der Sonderheime in Berlin und Brandenburg überwiesen oder sogar in den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau – für Anke Dreier-Horning gleichbedeutend mit dem Ende jeglicher Pädagogik.

Disziplinierung und soziale Isolation verschärften Probleme

Verschärften doch die mit jeder Stufe zunehmende Disziplinierung und die räumliche sowie soziale Isolation die Probleme der Heranwachsenden.

"Wenn mein Ziel ist, die Erziehungsbereitschaft des Kindes herzustellen und ich keine Grenze formuliere, passiert es dann, dass im Grunde genommen theoretisch ja alles möglich ist. Ich kann das durch Gewalt erreichen, ich kann es durch Indoktrination versuchen zu erreichen, durch Druck, durch Leidensdruck. Und es gibt keinen Respekt mehr vor der Individualität und vor diesem subjektiven Kern eines Menschen, also heute würden wir sagen vor der Würde des Menschen."

Die Jugendhilfe ließ die Familie außen vor. Nach dem erzwungenen Aufenthalt im Heim kehrten die Kinder und Jugendlichen teilweise erst nach vielen Jahren in die alten problematischen Strukturen zurück – ohne abgeschlossene Schul – und Berufsausbildung.

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