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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 22.01.2012

Jugendbewegung mit langem Atem

Die Faszination der Gemeinschaft von Taizé

Von Pfarrerin Angelika Obert, Berlin

Nichts scheint hier leichter zu sein als die Einheit der Christenheit.  (promo / Communauté de Taizé)
Nichts scheint hier leichter zu sein als die Einheit der Christenheit. (promo / Communauté de Taizé)

Den Jahreswechsel 2011/2012 haben Zehntausende Jugendliche aus ganz Europa in Berlin erlebt – eingeladen von der Kommunität von Taizé zum Europäischen Jugendtreffen, das bereits zum 34. Mal stattfand. Sie sind gekommen, um miteinander zu beten, zu singen und zu diskutieren – auf dem "Pilgerweg des Vertrauens", den Frère Roger Schutz 1974 nach dem von ihm einberufenen "Konzil der Jugend" in Gang gebracht hat.

Weit und breit kein Café. Bloß graue Betonklötze nahe der Autobahn. Dunkler Himmel, Nieselregen. "Messe Süd" ist eine trostlose Gegend in Berlin, vor allem Ende Dezember. Trotzdem streben Scharen von Jugendlichen gut gelaunt zum Zentrum des Taizé-Jugendtreffens, sie plaudern italienisch, polnisch oder kroatisch, die öde Straße ficht sie nicht an.

Auch drinnen gibt es nichts für den kleinen Hunger, keine Bude, keinen Automaten. Aber auf dem Fußboden des weitläufigen Messe-Foyers sitzen überall kleine Gruppen. Manche spielen Karten, manche singen. Hier und da hat sich ein Kreis gebildet und macht Qui-Gong-Übungen. Auf einer Bank stehen Schuhkartons, für jeden Buchstaben einer, voller kleiner Zettel. Das ist die Nachrichtenzentrale für alle, deren Handy gerade nicht funktioniert. An einem langen Tresen kann man sich informieren – in etwa zwölf verschiedenen Sprachen stehen dafür freiwillige Helfer bereit. An einem andern Tresen werden Taizé-Tauben, Bücher und CDs verkauft ebenfalls in etwa zwölf verschiedenen Sprachen. Mehr ist nicht, aber die vielen jungen Menschen auf dem Fußboden fühlen sich wohl:

Marie: "Man kommt hierher, es ist sone andere Atmosphäre – es ist so offen und die Menschen sind so fröhlich und so aufgeschlossen und man fühlt sich irgendwie willkommen."

Silvan: "Die Verschlossenheit, die man in der Bahn antrifft, wo niemand mit dem andern spricht. Man singt miteinander und es ist überhaupt nicht merkwürdig, wenn sich jemand zu einer Gruppe dazu setzt und beginnt zu reden –"

Sophia: "Für mich ist das Schönste, die Gemeinschaft zu spüren, dass man zusammen ist – und wenn es auch für Außenstehende nicht so was Schönes ist. Ich finds total gemütlich, in den großen Hallen so auf dem Boden zu sitzen und alle essen und sind eben beieinander und sind in der gleichen Situation sozusagen und ansonsten find ich es eben auch schön, in der S-Bahn diese Lieder zu singen – wenn dann plötzlich alle mitsingen, das ist ein tolles Gefühl, wenn plötzlich alle so zusammengehören."

Marie und Sophia sind mit ihrem Schweizer Gast Silvan aus Berlin-Adlershof zu den Messehallen gekommen, um am europäischen Jugendtreffen der Kommunität von Taizé teilzunehmen. Marie und Silvan waren auch selbst schon zu Gast bei der Bruderschaft im französischen Burgund. Sophia erlebt die besondere Atmosphäre dieser geistlichen Gemeinschaft zum ersten Mal. Gerade warten die drei noch auf Freunde, dann werden sie sich anstellen fürs Mittagessen und anschließend am Mittagsgebet in Halle 7 teilnehmen. Den Weg dahin weisen Freiwillige mit Pappschildern und in der Halle selbst stehen andere Freiwillige mit Schildern, auf denen in großen Buchstaben steht: "Silence" – "Ruhe". Das ist auch nötig, wenn zehntausend Youngsters in eine Messehalle strömen. So ganz ruhig wird es nie, aber feierlich, taizé-feierlich ist es doch in der weitläufigen Halle, die von warmem, dunkelrötlichen Licht durchstrahlt ist. Aus fernen Ecken ertönt leise Taizé-Musik, während sich die Jugendlichen ihre Plätze wiederum auf dem Fußboden suchen. Manche legen sich lang, manche lehnen sich aneinander, eine korrekte Meditationshaltung muss hier niemand einnehmen. Bevor der Gottesdienst beginnt, übt die vielsprachige Gemeinde, ein deutsches Lied zu singen. Das ist gar nicht so einfach:

Singt und spielt Gott ein neues Lied, ihr Völker alle ...
"Difficult, ok. Try with me from the beginning: Singt und spielt Gott ein neues Lied ... . once again: Singt und spielt Gott ein neues Lied, ihr Völker alle, freut euch mit ... once again.


Die Brüder von Taizé finden sich ein. Mit ihren weißen Kutten bilden sie die Mitte der riesigen Gemeinde. Über den Lautsprecher erklingen vielsprachig die Gebete: Die vertrauten liturgischen Gesänge müssen die Jugendlichen nicht mehr üben:

Halleluja

Auf das gemeinsame Singen und Beten folgen zehn Minuten Stille. In einer Messehalle Ende Dezember wird die zu einem Konzert des Hustens. Aber auch das ist anrührend, wenn unter zehntausend Menschen jeder Huster hörbar wird. Wer sich jetzt nicht ins Gebet versenken kann, mag die Bilder an den Wänden betrachten: Projektionen der Ikonen von Taizé und der Umrisse berühmter christlicher Skulpturen von deutschen Künstlern. Alle veranschaulichen sie eine Geste des Vertrauens auf Christus. Das ist der Leitgedanke des Jugendtreffens, das nun schon zum 34. Mal unter dem Motto "Auf dem Pilgerweg des Vertrauens" stattfindet.

Frère Alois: "”Trusting God is linked to an inner struggle. It is not automatic – what does it mean to believe in God?( ... )”"

"Das Vertrauen auf Gott ist mit einem inneren Kampf verbunden, es geht nicht von selbst ..."

Auch wenn das Herz zunächst nur leer ist, der Heilige Geist wird es anrühren, wenn es sich Gott zuwendet, erklärt Frère Alois, der Prior von Taizé, in einer kurzen Ansprache am Ende des Gottesdienstes. Das Bewusstsein der Gegenwart Gottes wird wachsen. Einfach sind seine Worte, so wie die Vertauensbilder an den Wänden einfach sind. Sie zeigen keine Furchen, nur die klaren Umrisse. So mag es genau richtig sein für die Jugendlichen. Sie erfahren den Gottesdienst vor allem als ein starkes Gemeinschaftserlebnis:

Jan: "Also der Gottesdienst war schon interessant – es wurde eben viel gesungen – Also die ganzen Sprachen, die da gesprochen werden – man hat's zwar nicht verstanden, aber ja, war ganz interessant."

Lea: "Besonders sind ja natürlich die Lieder, diese Wiederholungen und diese eingängigen Melodien jetzt war's leider so, wurde nicht so stark mitgesungen wie in Taizé, aber war doch auch schon berührend, und die Gebete und so – also das Besondere sind schon die Lieder."

Sophia: "Man muss sich mal vor Augen führen, dass da alle Christen zusammen, das sind zwar alles Christen, aber es sind auch Moslems dabei, dass man diese Schranken, diese Mauern zwischen den Konfessionen, dass die alle wegfallen, dass man nicht sagt, ach, du bist katholisch, dann mach mal deinen eigenen Gottesdienst, sondern dass alle gemeinsam da sind."

Silvan: "Und in Taizé ist es einfach man singt zusammen – es geht mehr um die Gemeinschaft als um die Predigt – es geht mehr darum, dass man miteinander da ist."

Christopher: "Taizé-Gebete sind eine ganz besondere Form zu beten – sie bestehen hauptsächlich aus Gesängen und aus Musik – und dabei ist eine ganz schlichte und einfache Form zu beten, bei der man selbst auch das Maß mitbestimmen kann, wie man betet, da wird nichts groß vorgegeben und die Gesänge, mit denen man betet, begleiten einen dann auch anschließend in der Woche, bei der Arbeit, bei der Uni, in der Schule."

Christopher Hertwig gehört zu den zahlreichen Freiwilligen, die das Jugendtreffen in Berlin vorbereitet haben. Er war schon oft zu Besuch bei der Kommunität in Taizé, inzwischen leitet er in seinem Kirchenkreis in Berlin-Spandau längst selbst Taizé-Gebete. "Nada de turbe" – "Nichts beunruhige dich" ist sein Lieblingslied. Viele, die mit den Taizé-Gesängen in Berührung gekommen sind, erleben es genauso wie er: Die kurzen, klaren Texte, die im Gesang so oft wiederholt werden, setzen sich fest im Gemüt:

Zelte in Taizé, Burgund (Deutschlandradio - Andreas Main)Zelte in Taizé, Burgund (Deutschlandradio - Andreas Main)Minkner: "Und ja, wenn man dann plötzlich nicht mehr in Taizé ist, sondern im Alltag angekommen ist, wie dann plötzlich Gesänge in einem aufsteigen, sozusagen wie es in einem singt, in einem betet – ohne dass man sich eigentlich vorgenommen hat: Jetzt will ich ein Gebet sprechen. Also, wie ja der Glaube in einem klingt, ohne dass es nur übern Kopf läuft und dass sind Erfahrungen, die mir wichtig sind – gleichzeitig merk ich, dass, wenn ich eine intensive Woche in Taizé hatte, dass mir dann andere Musik auch fehlt."

sagt Karsten Minkner, der als ehemaliger Landesjugendpfarrer viel Taizé-Erfahrung hat und jetzt beim Jugendtreffen in Berlin engagiert dabei war. Auch wenn ein musikalischer Mensch wie Karsten Minkner nicht nur von den Taizé-Ohrwürmern leben kann: Es ist schon beeindruckend, dass in Taizé ein geistlicher Gesang entstanden ist, der die Jugendlichen von heute in den Bann zieht:

Frère Timothée: "Und dann haben natürlich unsere Gebete ihre Prägung auch durch die Jugendtreffen erfahren... Natürlich haben die Brüder ganz am Anfang, als sie alleine da waren, nicht in lauter Sprachen so Sätze wiederholt, sondern haben längere Texte und auf Französisch und ganz normal Psalmen und Kirchenlieder gesungen – und dann als das losging mit den Treffen und viele Leute da waren, die erstens nicht unbedingt Französisch sprachen und auch nicht gewohnt waren, drei mal am Tag n Gebet zu haben, war natürlich die Frage, wie kann man nicht einfach so stur drei mal am Tag sein Ding vor sich hin machen, sondern dem auch Rechnung tragen, (...) wie kann man da auch für möglichst vielen Zugang schaffen – und dann sind diese Lieder (...) entstanden, wo ein kurzer Satz auch relativ egal in welcher Sprache, so oft wiederholt wird, dass man den auch wirklich aufnehmen kann."

erklärt Frère Timotheé, einer der Taizé-Brüder, die seit September in Berlin waren, um das Jugendtreffen in Berlin vorzubereiten.

Angefangen hat alles nach dem zweiten Weltkrieg, als der junge Schweizer Theologe Roger Schutz mit ein paar Gleichgesinnten ins französische Dorf Taizé zog, um nahe bei der ehrwürdigen Abtei Cluny eine evangelische Kommunität zu gründen. Damals hatte er kein geistliches Jugendzentrum im Sinn. Er wollte nur als reformierter Pfarrer die Tradition des Ordenslebens wieder entdecken – offen für alle Aufgaben, die auf ihn zukommen würden.

Das Grab von Frère Roger in Taizé, Burgund (Deutschlandradio - Andreas Main)Das Grab von Frère Roger in Taizé, Burgund (Deutschlandradio - Andreas Main)Eine evangelische Bruderschaft in einer katholischen Region – damit waren die Vorzeichen für die Überwindung konfessioneller Schranken schon gesetzt. Daran lag Roger Schutz und dazu war er in herausragender Weise begabt. Mit seiner strahlenden Offenheit gewann er die Herzen auch in der katholischen und in der orthodoxen Kirche. Vor allem aber faszinierte er die jungen Besucher, die sich in der Kommunität einfanden. Er nahm sie alle ernst, auch in ihrem wilden Aufbegehren in der 68er-Bewegung. Allmählich wurde Taizé zum Geheimtipp für christliche Jugendgruppen in aller Welt – die Gemeinschaft von Taizé hatte ihre besondere Aufgabe gefunden:

Frère Timothée: "Auch aus dem Kontext der Reformation kommend n Stück weit Ordensleben wieder entdecken (...) das war so erst mal Grundanliegen und dann sind die Treffen son bisschen entstanden und ... War am Anfang auch für die Brüder ne Frage: Geht das überhaupt zusammen, so mit der Gemeinschaft und der Arbeit und dem täglichen Gebet und plötzlich sind lauter Gäste da – Die ersten Treffen haben auch nicht in Taizé stattgefunden, sondern in nem Nachbarort, Treffen von Cormartain – und die Jugendlichen kamen nur für die Gebete, weil das anfangs nicht klar war, wie passt das zusammen und dann haben die Brüder sehr schnell gemerkt, wenn man diese Gastfreundschaft, die ja n Wert des Evangeliums ist, ernst nimmt, kann man nicht sagen – schön, dass ihr da seid, aber kommt nicht zu nah oder kommt nicht zu sehr und dann hat sich das sehr schnell verändert und dann gab's diese Treffen in Taizé wirklich vor Ort – am Anfang bestimmte Wochen im Jahr und jetzt so, dass es das ganze Jahr über geht."

Wohntrakt in Taizé, Burgund (Deutschlandradio - Andreas Main)Wohntrakt in Taizé, Burgund (Deutschlandradio - Andreas Main)So ist auch der gebürtige Freiburger Frère Timothée zur Gemeinschaft von Taizé gekommen. Zuerst war er mit einer Jugendgruppe da, dann nach dem Abitur ein Jahr als Freiwilliger – schließlich ist er geblieben. Aus dem Glauben zu leben, sagt er, heißt, für die Versöhnung einzutreten – dafür will er in der Bruderschaft einstehen:

Frère Timothée: "Frère Roger hat ne Regel geschrieben, als er in Taizé angekommen war, aber hat sie dann auch umgeschrieben und hat dann den Namen Regel wegfallen lassen, weil ihm der Name Regel nicht mehr gefiel, das sind Quellen von Taizé geworden ...
Ich denk, es ist vor allem, auch ein Zeichen von Gemeinschaft zu leben, auch unter Brüdern untereinander und auch diese Versöhnung und diese Nähe zueinander erst mal auch im Alltag mit denen zu leben, die einem am nächsten sind. Weil es kann jeder sagen, die Länder sollen sich versöhnen und die Kirchen sollen sich versöhnen, aber das auch ganz konkret – manchmal braucht es auch Anstrengung und Überwindung, diese Versöhnung im Alltag konkret zu machen – für uns, da wo das konkret, wird ist so das Leben unter uns Brüdern – so das tagtäglich miteinander unterwegs sein."

Sie verstehen sich als Brückenbauer zwischen den Kirchen und Nationen. Dafür sind sie viel auf Reisen – immer dahin, wo es noch schwierig ist: Früher war es Ost-Europa, jetzt sind sie häufig in Asien und Afrika unterwegs. Und zu Hause in Taizé wimmelt es von Gästen. Große Zelte stehen rund um die Kommunität, in denen die Jugendlichen kampieren. Sie kommen aus katholischen, evangelischen, freikirchlichen und orthodoxen Traditionen und finden sich wie selbstverständlich ein ins gemeinsame Gebet. Nichts scheint hier leichter zu sein als die Einheit der Christenheit. Allerdings hält sich die Bruderschaft dabei an die Vorgaben, die die katholische Kirche setzt: Ein gemeinsames Abendmahl gibt es nicht. Untereinander feiern es die Brüder nach katholischem Ritus. Seit Roger Schutz Gast beim zweiten Vatikanischen Konzil war, steht die Bruderschaft auf vertrautem Fuß mit der römischen Kirche. Das ändert aber nichts an dem ökumenischen Charakter der Gemeinschaft, sagt Frère Timothée:

Frère Timothée: "Wenn wir anfangen, uns die Frage zu stellen, sind wir jetzt mehr des oder mehr des, dann haben wir eigentlich diese Suche nach Versöhnung und nach Einheit schon n Stück weit aus dem Blick verloren und für uns den Weg, den wir versuchen zu gehen und den es aus unserer Sicht zu gehen gilt, ist zuerst die Mitte in den Blick zu nehmen – (natürlich gibt's da Fragen, die sich stellen und da haben wir jetzt auch nicht die Lösung für überall oder für jemand anders gefunden – aber da nachzuschauen, wie akzentuiert man die andern Sachen da außen rum. Aber ich glaub, um einen Weg zu finden, muss man zuerst das Gemeinsame anschauen – ist nicht so ne rechts-links-Geschichte oder Ökumene ist ja nicht schwarz-weiß, man läuft ja nicht mit nem Geigerzähler lang, sind wir jetzt mehr des oder mehr des, sondern es gibt ne Mitte und die gibt die Richtung vor und (wenn wir uns auf Christus zu bewegen) je mehr wir bei Christus sind, desto mehr werden auch die verschiedenen Traditionen beisammen sein."

Christopher: "Ich kann aus meiner Erfahrung sagen, dass das jedes Mal anders war, jedes Mal wenn ich dort war. Beim ersten Mal, als ich nach Taizé gekommen bin, war ich natürlich überwältigt von den ganzen Leuten, die dort waren, von der Gemeinschaft, die diese Menschen gebildet haben, von der Freude, mit der sie alltägliche Arbeiten erledigt haben und der Stille, die wirklich Tausende Menschen in der Kirche gehalten haben. Beim zweiten Mal fand ich es faszinierend, vor allem, wie die Menschen zusammen gearbeitet haben – (da haben sie) wie das organisiert war, wie die Leute in der Organisation miteinander umgegangen sind, wie respektvoll sie zueinander waren – und es ist jedes mal ein ganz anderer Aspekt, der beleuchtet wird. Aber vor allem fühlt man sich als Teil einer großen Gemeinschaft, die auch alle auf der Suche nach etwas sind."

So beschreibt Christopher Hertwig seine Taizé-Erfahrung, das ganz spezielle "Taizégefühl", von dem auch Lena Meyer-Landrut schwärmt, die mit der Taizé-Taube um den Hals den European Song Contest gewann. Einfach nur glücklich sei sie in Taizé gewesen, heißt es auf ihrer Internetseite. Offenbar scheint es gar nicht so schwer zu sein, Jugendliche glücklich zu machen, wenn sie nur erleben.

Minkner: "Also, es ist zum einen, dass die Jugendlichen erleben, dass sie ganz offen angenommen und aufgenommen werden, dass sie mit allen ihren Fragen und Zweifeln kommen dürfen und eben nicht (...) das Gefühl haben, sie sollen in ein festes Glaubensgefüge eingefügt werden, sondern dass sie sie selber sein dürfen und auch einen eigenen Weg auch im Glauben finden können."

so Pfarrer Minkner. Längst nicht alle Jugendlichen, die nach Taizé mitfahren, gehören schon zu einer christlichen Gemeinde. Viele wollen auch nur mal gucken, was die Christen an diesem berühmten Ort so treiben. Und dann merken sie während der Woche:

Frère Timothée: "Was oft wiederkehrt, ist dieses Abstand-vom-Alltag-nehmen, Austausch mit Leuten aus andern Ländern und dann denk ich so während der Woche sich bewusst werden. Okay, es gibt ja Fragen zu Gott, die im Alltag vielleicht untergehen, wo ich mir vielleicht gar nicht immer bewusst bin, dass ich diese Fragen hab und die dann plötzlich Raum finden und im Zweifelsfall dann vielleicht auch Antworten finden. Wir erinnern uns an eine junge Frau aus Berlin, die nach Taizé gekommen ist, die gesagt hat: Bevor ich nach Taizé gekommen bin, war ich mir sicher, dass es Gott nicht gibt, und jetzt hab ich so meine Zweifel."

Zwischen den drei Gebetszeiten jeden Tag finden in den Zelten Gespräche statt und
da geht es dann nicht nur um Glaubensfragen:

Frère Timothée: "Ich denk, es ist uns wichtig, auch gerade (in dem Treffen) zu thematisieren, was fürn gesellschaftliches Engagement ergibt sich auch aus dem Glauben, aber ohne die Antworten jetzt unsererseits vorzugeben, sondern es ist oft sehr spannend zu sehen, auch wenn man diese Fragen vorgibt (oder sone Richtung aufzeigt) , wie viele Ideen die Jugendlichen dann auch selber entwickeln."

Wo es hingeht mit der Gesellschaft, die vom Geld beherrscht wird und sich so schwer tut, zur Vernunft zu kommen, darüber diskutieren die Jugendlichen in Taizé auch. Und sie genießen es, dass da keine Fachleute sind, die alles schon besser wissen:

Christopher: "Und zwar ist die Schwelle, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, einfach sehr viel niedriger. Man spricht nicht mit Theologen, nicht mit Pfarrern, nicht mit ausgebildeten Leuten, sondern man spricht mit Menschen, die auf einer Augenhöhe sind, mit anderen Jugendlichen, die auch sich selbst Gedanken zu den Themen gemacht haben, zum Glauben gemacht haben."

Niemand wird auf eine bestimmte Überzeugung eingeschworen. Keiner muss seine Stellung in der Gruppe beweisen. Es entsteht kein Zwang, und gerade das ist für die jungen Menschen eine wesentliche Erfahrung:

Christopher: "Ich denke, dass in Taizé man gut lernen kann, sehr gut erfahren kann, einfach so angenommen zu sein, wie man selbst ist – dass akzeptiert wird, was man selbst ist, dass man da keinen Druck hat, etwas zu sein, keinen Druck hat, irgendwie zu werden."

Internationale Gemeinschaft muss nicht so kompliziert sein wie die UNO oder die EU. Es geht auch ohne Tausende von Büros, Beamten und Praktikanten. Es geht, wenn man drei Mal täglich zusammen singt und schweigt und im übrigen mit anpackt:

Christopher: "Und außerdem werden alle Jugendliche in das Leben von Taizé eingebunden. Alle Aufgaben werden von Jugendlichen übernommen und eigenständig übernommen. Es gibt niemanden, der hauptamtlich eingestellt wäre, der jetzt dafür bezahlt würde, dass er die Jugendlichen anleitet, sondern die Jugendlichen kommen hin, und die wissen, wenn wir nichts machen, dann läuft's auch nicht."

Das stärkt das Selbstbewusstsein. Wer in Taizé war, sagt Pfarrer Minkner, bringt frischen Wind in die Kirchengemeinden nach Hause:

Minkner: "Wir können dort Menschen begegnen aus andern Kulturen, aus andern Konfessionen und wir können von denen was lernen, wir können etwas mitnehmen. Und ja so ... "

Eine Erfahrung: Es muss nicht alles so festgefügt sein wie das bei mir zu Hause. Es geht auch ganz anders – in andern Ländern, in andern Traditionen. Und diese Erfahrung (dann hier aus Berlin oder aus Taizé mit nach Hause zu nehmen,) die reißt den Horizont auf und Menschen können also bei sich in ihrer Gemeinde dann mit sehr viel Rückendeckung und Mut sagen: Man kann's auch anders machen.

Schmidt: "(der ökumenische Aspekt) Dass wir jetzt doch sehr viel stärker Begegnungen haben zwischen Jugendlichen aus der evangelischen Gruppe, (aus der evangelischen Gemeinde) und den katholischen Gemeinden und dass die sich zusammenfinden und da wird nicht gefragt, bist du evangelisch, bist du katholisch, bist du noch gar nicht in der Kirche, bist du getauft, sondern dass die gemeinsam beten, gemeinsam Andacht halten und (was Christopher sagte) diesen gemeinsamen Zugang zum Glauben finden."

Siegfried Schmidt, pensionierter Lehrer und aktiver Christ in Berlin-Spandau, ist kein bedingungsloser Taizé-Fan. Er findet die Taizé-Frömmigkeit ein wenig zu rosig. Aber dass sich etwas tut in der ökumenischen Jugendarbeit seines Kirchenkreises, weiß er zu würdigen. Auch darum gibt es die Jugendtreffen jedes Jahr in einer andern europäischen Stadt. Die Anstöße, die von Taizé ausgehen, sollen sich in den Ortskirchen vertiefen:

Frère Timothée: "In Taizé wars uns immer sehr wichtig, jetzt keine Bewegung oder sone Geschichte in Taizé rum aufzubauen, sondern den Jugendlichen zu sagen: Sucht euch daheim in den Kirchengemeinden Leute, mit denen ihr im Glauben unterwegs sein könnt und so sind die Treffen zum Jahreswechsel auch einmal im Jahr ne ganz konkrete Erfahrung von Ortskirche."

Christopher Hertwig hofft nun auch:

Christopher: "Ich hoffe, dass sich (in der Vorbereitung des Treffens und auch) während des Treffens (selbst) viele Gemeinschaften in Berlin bilden von Berlinern, die miteinander in Kontakt treten, die miteinander kommunizieren, sich auch über ihren Glauben lebendig austauschen, dass dieser Austausch über den eigenen Glauben (viel stärker) auch in der Gemeinde intensiviert wird, dass auch ein offenerer Zugang zu Spiritualität gelebt wird."

Die Brüder haben sich gefreut auf das erste Taizétreffen im vereinten Berlin. Einige haben noch Erinnerungen an das Jahr 1986, als Roger Schutz in Ost-Berlin war und die West-Berliner nicht dazukommen durften. Ganz leicht getan haben sich die Berliner Kirchengemeinden allerdings nicht, für alle Jugendlichen Gastfamilien zu finden. Berlin ist nicht gerade eine fromme Stadt. Umso erstaunlicher, dass am Ende eben doch fast 30.000 Jugendliche Bett und Bad bei Berliner Familien gefunden haben. Dafür haben sich die Brüder ins Zeug gelegt. Denn die Erfahrung des persönlichen Kennenlernens von Familien in einem fremden Land ist ein wesentliches Element bei den Jugendtreffen, die ja ein "Pilgerweg des Vertrauens" sein sollen:

Frère Timothée: "Eine der grundlegendsten Bedeutungen spielt sich sicher ab in dieser Erfahrung von Gastfreundschaft – dass wir private Gastgeber suchen, dass ist nicht immer einfach, die zu finden, das ist natürlich n Wagnis auch, die Tür aufzumachen für Leute, die man nicht kennt und gleichzeitig ist es auch die Erfahrung, wie man sich beschenken lassen kann von diesem Austausch und diesem persönlichen Miteinander und auch zu Gast sein bei jemanden, ist ein Wagnis – auch die Jugendlichen müssen sich darauf einlassen – es ist n Stück weit auch unverbindlicher, wohin zu fahren und meinetwegen in ner großen Gemeinschaftsunterkunft zu sein und mit Leuten zusammen zu sein, die man eh schon kennt – auch für die Gäste ist das n Aufbrechen und auch n Pilgerweg des Vertrauens, zu Gast zu sein bei Leuten, die man vorher nicht kennt."

Bei Moritz Benz in Potsdam waren zwei Däninnen zu Gast –

Moritz: "Ja, das sind zwei Frauen aus Dänemark, das war echt sehr schön – Also wir wussten nicht genau, wann die ankommen und dann wurden wir halt angerufen – und dann waren die halt sehr offen und ja, ich hab am Anfang vielleicht gedacht: Was ist, wenn die jetzt so überhaupt nichts erzählen, wenn dann so überhaupt kein Gespräch zustande kommt, aber das war überhaupt nicht so. Die sind sehr offen gewesen und haben einfach irgendwas erzählt – sehr nett – und mein kleiner Bruder, der fühlt sich auch ziemlich wohl mit denen, ja, die albern zusammen rum – obwohl sie jetzt keine Sprache zusammen sprechen, aber es funktioniert trotzdem und es ist schön zu sehen, wie das klappt."

Helmut Ruppel: "In jedem Menschen liegt eine geistliche Kraft, die nicht von ihm stammt. Er kann sie ablehnen, sogar verwerfen – sie ist immer da. Sie entschwindet nie. Sie ist die Leidenschaft einer Erwartung. Sie ist eine Quelle des Vertrauens. Daraus entspringt alles. Wäre das Vertrauen des Herzens aller Dinge Anfang ... ginge es jedem kleinen oder großen Unterfangen voraus...du kämest weit, sehr weit. Du würdest Personen und Ereignisse von einem inneren Blick voll Frieden her wahrnehmen ... Dort, in dir, geschieht das unerhörteste menschliche Abenteuer, entzündet sich ein Feuer, das nie verlöscht ... "

Worte von Roger Schutz. In dieser Gewissheit hat er gewirkt und sie hat weite, sehr weite Wellen geschlagen – durch die Kirchen Europas und darüber hinaus, bis heute.



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