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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.01.2014

Jugend im KriegEinhörner jagen in Skopje

Vlada Urošević: "Meine Cousine Emilia"

Von Gregor Ziolkowski

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Der mazedonische Autor Vlada Urošević.. (© Robert Jankuloski / dtv)
Der mazedonische Autor Vlada Urošević. (© Robert Jankuloski / dtv)

Vlada Urošević gehört zu den bedeutendsten Literaten in Mazedonien. Nun liegt sein neuer Roman "Meine Cousine Emilia" auf Deutsch vor: ein Buch über Jugendirrungen und Jugendwirrungen in Skopje im Zweiten Weltkrieg.

"Ich komme vom Zauberspruch her", hat der Lyriker H. C. Artmann einmal in einem Interview bekannt. Die ganze Rätselhaftigkeit des Daseins – ganz gewiss ein Forschungsfeld für die Literatur – bündelt sich in diesem Satz. Ähnliches könnte auch der mazedonische Schriftsteller Vlada Urošević äußern, womöglich hat er es getan. Sein Episoden-Roman von der Cousine Emilia ist eine Einkreisung, eine Beschwörung jener rätselhaften, nur halb bewusst gelebten Adoleszenzjahre, die das altersreife Bewusstsein zu rekonstruieren versucht.

Man kann dies auf zweierlei Weise tun: mit der größtmöglichen Akribie, recherchierend, überprüfend, vergleichend, etwa so, wie es Historiker tun. Man kann aber auch der Fantasie die Zügel locker lassen, sich fallen lassen in jene vergangene Welt aus empfundenen Erinnerungen, seltsamen Bildern, merkwürdigen Erlebnissen auf der Suche nach einer Authentizität, wie sie dem Horizont eines Heranwachsenden entspricht.

Hier hat die Literatur ihr Feld, und der Autor stimmt gleich am Anfang des Romans seine Leser darauf ein: "In meiner Erinnerung nehmen die Ereignisse Dimensionen an, die nicht der Realität entsprechen: Einem kleinen Schächtelchen wird darin mehr Raum zugebilligt als der Zerstörung ganzer Stadtviertel."

Die "Zerstörung ganzer Stadtviertel" verweist auf die Zeit der Handlung. Der Zweite Weltkrieg ist im Gang, die mazedonische Hauptstadt Skopje wird gelegentlich von Fliegerangriffen heimgesucht. Diese bedrohliche Kulisse spielt an einigen Stellen des Romans eine Rolle, allerdings keine allzu große in einem direkten Sinn. "Übersetzungen" des Monsters Krieg finden sich dabei mehrfach. Wenn sich der Ich-Erzähler und seine Cousine beinahe in jeder Episode in ihrer Stadt verlaufen, so könnte genau das die Folge der erwähnten Zerstörungen sein.

Undurchdringlicher Nebel

Ein undurchdringlicher Nebel durchzieht mehrfach die Stadt und wird zum Auslöser zahlreicher Abenteuer, es könnten auch Rauchschwaden gewesen sein, die das noch kindliche Gemüt als Nebel wahrgenommen hat. Und die grausigste Geschichte, die geschildert wird, erzählt, wie die halbwüchsige Clique um den Ich-Erzähler eines Nachts in den Stadtpark zieht, um Einhörner zu jagen und zu erschlagen. Das ungeheuerliche Geschehen lässt sich leicht deuten als die fiebrige Traumfantasie eines Erkrankten. Und doch nimmt man es wahr als die chiffrierte Verarbeitung einer anders nicht zu fassenden Gewalterfahrung.

Und die Cousine? Sie ist eigentlich immer nur dabei, eines Tages ist sie einfach da, wird von ihren Eltern, die sich kurz darauf wieder verflüchtigen, bei den Angehörigen "abgeladen". Ein munteres, abenteuerlustiges und mit einer lebhaften Fantasie ausgestattetes Mädchen wird da eher knapp porträtiert. Dass sie im Verlauf der Handlung zum Objekt der erwachenden Begierde des pubertierenden Ich-Erzählers wird, versteht sich im Grunde von selbst.

Das Hauptaugenmerk des Erzählers aber liegt auf dem Bannen der Empfindungen jener Zeit. Räumlichkeiten und Gegenstände - in einem Kolonialwaren-Laden, im naturwissenschaftlichen Kabinett der Schule, in einem nicht mehr existierenden Hotel – werden mit höchster Intensität beschrieben, bis ihre mit Patina überzogene Erscheinung das Ausmaß des Verwunschenen, des geradezu Märchenhaften, in jedem Fall des Versunkenen annimmt.

Seltsame oder doch skurrile Personen wie ein sprachbehinderter Stadtstreicher oder der kauzig-gelehrte "Opa Simon" mit seinen Schrulligkeiten bevölkern den Text. Die natürlichsten Vorgänge wie Mondlicht, Nebel, Dunkelheit werden eingetaucht in einen poetischen Rausch aus Sprache, der das Maß an Schwindel erzeugt, das solche Erzählungen brauchen. Die "Zaubersprüche" dieses Autors beeindrucken zutiefst. Die meisten sind noch zu entdecken. 

Vlada Urošević: "Meine Cousine Emilia"
Aus dem Mazedonischen von Benjamin Langer
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2013
237 Seiten, 14,90 Euro

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