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Fazit | Beitrag vom 15.07.2021

Jürgen Zimmerer über Götz Aly"Ohne Kenntnis des Forschungsstandes und der postkolonialen Theorie"

Jürgen Zimmerer im Gespräch mit Marietta Schwarz

Jürgen Zimmerer ist Leiter der Forschungsstelle "Hamburgs (post-)koloniales Erbe" der Universität Hamburg (imago / Chris Emil Janßen)
Jürgen Zimmerer hat sich über den "verehrten Historiker" Götz Aly sehr geärgert. (imago / Chris Emil Janßen)

Der Historiker Jürgen Zimmerer wirft seinem Kollegen Götz Aly vor, die postkoloniale Theorie ohne vertieftes Wissen darüber attackiert zu haben. Es gebe keinen ernstzunehmenden postkolonialen Forscher, der die Singularität des Holocaust in Frage stelle.

Unter Historikern wird derzeit wieder über Vergleiche zwischen der Shoah und anderen Genoziden sowie über die Singularität des Holocaust diskutiert. Der Hintergrund ist dabei diesmal aber nicht der Historikerstreit um Ernst Nolte in den 1980er-Jahren. Aktuell wird aus der Perspektive des Postkolonialismus die Bedeutung des Holocaust beleuchtet: Kann man ihn mit anderen Genoziden in ein Verhältnis setzen – zum Beispiel mit dem an den Herero und Nama? Der Historiker Götz Aly hat dies verneint: An der Singularität des Holocaust sei nicht zu rütteln. Er übte zudem harsche Kritik an der postkolonialen Forschung und sprach von dem Versuch, Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Götz Aly sagte über die Debatte zur Singularität des Holocaust:
"Ich sehe darin zunächst den Versuch von Leuten, die zum Thema Kolonialismus arbeiten, sich mit der Decolonize-Bewegung beschäftigen und auch öffentliche Kampagnen führen, an Wichtigkeit zu gewinnen und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken – und ich halte diese Versuche definitiv für falsch.
Es gab eigene Verbrechen, die in der Zeit des Kolonialismus stattgefunden haben. Die Deutschen haben auch von anderen Kolonialmächten gelernt. Aber es hat keine flächendeckende Ermordung von ganzen Bevölkerungen gegeben, die sozusagen anlasslos war. Juden sollten als Juden, weil sie Juden waren, ausgerottet werden.
In Afrika und bei verschiedenen Strafexpeditionen ging es immerhin darum, Gegenwehr niederzuschlagen. Das ist eine andere Situation. Niemals ist daran gedacht worden, ganze Bevölkerungen einfach nur deswegen auszulöschen, weil sie einer bestimmten Gruppe oder einer bestimmten Religion oder Ethnie angehörten."

Der Historiker und Postkolonialismusforscher Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg hat diese Aussagen mit Befremden aufgenommen: "Am meisten ärgert mich, dass ich zuschauen muss, wie ein verehrter Historiker wie Herr Aly sich selbst demontiert, indem er im Grunde ohne Kenntnis des Forschungsstandes und ohne Kenntnis eigentlich auch postkolonialer Theorie – auf dem Niveau von Zeitungskommentaren, die er offenbar rezipiert hat – hier eine theoretische Richtung abqualifiziert."

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Zimmerer wirft Aly "Proseminar-Niveau" vor: "Selbstverständlich ist nichts deckungsgleich mit dem Holocaust. Es ist auch nichts deckungsgleich mit der Sklaverei." Der Postkolonialismusforscher verteidigt seine Kolleginnen und Kollegen gegen Alys Vorwürfe: "Es gibt eigentlich keinen ernstzunehmenden postkolonialen Historiker, der die Singularität des Holocaust in Frage stellt." Stattdessen werde in der Forschung betont, dass durch Vergleiche Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet werden müssten: "Weil wir nur über den Vergleich das Spezifische herausstellen können. Sonst ist die Singularität einfach nur ein Postulat."

Der vergleichenden Genozidforschung liege die Idee zu Grunde, aus der Geschichte zu lernen, um weitere Genozide zu verhindern, das "Nie wieder!" zu ermöglichen, sagt Zimmerer: "Deshalb müssen wir auch das Systematische herausarbeiten, weil sonst die Aussage des 'Nie wieder!' gar keinen Sinn macht. Ein einzigartiges Ereignis kann sich ja gar nicht wiederholen."

Die eurozentrische Blase

Aly komme nicht aus "seiner eurozentrischen Blase" heraus, wenn er den Forschungsstand und die sehr unterschiedlichen Ansätze der Postkolonialismus-Forschung nicht zur Kenntnis nehme und sich nicht sachlich damit auseinandersetze, meint Zimmerer. Die Postkolonialismus-Forschung sei keine politische Bewegung. Aly verteufele einen wissenschaftlichen Ansatz, indem er diesem unterstelle, es gehe nur um Fördergelder.

(jfr/cre)

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