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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 27.11.2009

Jüdisches Theater in Kanada

Handbuch versammelt Stücke

Von Hannelore Becker-Willhardt

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Glaap: Beiträge zur Identitätsfindung Kanadas als Kulturnation (Stock.XCHNG)
Glaap: Beiträge zur Identitätsfindung Kanadas als Kulturnation (Stock.XCHNG)

In Kanada blüht eine lebendige Szene jüdischen Theaters. Es sind Stücke von Autoren der zweiten und dritten Generation der Holocaust-Überlebenden, die ein Handbuch vorstellt.

Kabarett und Comedy, wie hier vom Kölner Theater Michoels, gibt es natürlich auch in Kanada, erzählt Prof. Albert-Reiner Glaap:

"Es gibt ein wunderbares jiddisches Theater, in Montreal. Das heißt [S B]-Theatre. Die haben als Programm eine ganz bestimmte Anzahl jüdischer Stücke oder gar jiddischer Stücke pro Saison."

Das zeitgenössische jüdische Theater in Kanada bietet aber längst viel mehr. Und es findet auch nicht nur in eigenen Häusern statt. Dramen und Komödien etwa von Anna Fuerstenberg oder Richard Greenblatt, Jason Sherman, Tina Silver und Shoshana Sperling stehen vor allem - und ganz selbstverständlich - auf den Spielplänen der Theater in Montreal und Toronto,
in Quebec, Ottawa und vieler kleiner Städte im Osten des Landes. Eine Entwicklung, die 1967 mit der Jahrhundertfeier zur Gründung Kanadas begonnen hat.

Prof. Albert-Reiner Glaap: "Das rief dann ein Bewusstsein hervor: Wir haben eine eigene Identität. Wir haben auch ein eigenes Theater. Und dann begann man Stücke zu schreiben, um das zu dokumentieren. Die Stücke waren im Grunde genommen Beiträge zur Identitätsfindung Kanadas als Kulturnation."

Mit dabei: viele jüdische Autoren. 21 von ihnen stellt der Düsseldorfer Anglist in seinem Handbuch über ”Jüdische Facetten im zeitgenössischen kanadischen Theater” nun vor. Jeweils mit einer knappen Biografie, mit einem Interview über ihr Leben und Selbstverständnis als Bühnen-Schriftsteller und einer literaturwissenschaftlichen Würdigung ihrer wichtigsten Werke.

Emil Sher zum Beispiel brachte 2006 die Geschichte über ”Hana's Suitcase” auf die Bühne: Die Geschichte eines leeren Koffers, der im Jahr 2000 in einer Holocaust-Gedenkstätte in Tokio entdeckt wurde.

Prof. Albert-Reiner Glaap: "Und der Koffer trägt den Namen eines jungen Mädchens, das aus dem Konzentrationslager gekommen war. Und die dortige Institutsleiterin mit ihren Schülern versucht, dem nachzugehen: über Amerika, Leute zu finden, die darüber berichten können. Bewegende Geschichte. "

Über die Folgen von Rassismus und Intoleranz, gestern – wie heute. Andere Autoren bringen Ereignisse zur Sprache, die ihren Ausgang in Israel hatten.

Prof. Albert-Reiner Glaap: " "Ein Stück ist 'Reading Hebron'. Von Janson Sherman. Das beschäftigt sich mit dem Geschehen vor ein paar Jahren, als der Jude namens Goldstein in der Moschee Araber beim Gebet erschoss. Und die Frage stellt sich: Wie kommt es zu so was?"

Und welche Bedeutung haben Vergeltung oder Verzeihung nach so einem grausamen Geschehen? Es sind Stücke von Autoren der zweiten und dritten Generation der Holocaust-Überlebenden, die mit dem Wissen um ihre jüdische Kultur das Publikum auch mit
Generationsproblemen konfrontieren.

Prof. Albert-Reiner Glaap: "Einige greifen zurück auf biblische Topics. Also etwa die Abraham- und Isaak-Geschichte ist Gegenstand eines Stücks, das heißt: 'The Offering'."

Mit dem Anton Piatigorsky die Sprachlosigkeit zwischen einem enorm erfolgreichen Wirtschaftsboss und seinem Sohn, der von einer Karriere als Musiker träumt, in Szene setzt.

Prof. Albert-Reiner Glaap: "Wieder andere schreiben über die Beziehungen zwischen den Palästinensern und den Juden in Israel, wobei dieses Stück, was ich meine, von Jonathan Garfinkel, ganz neues, frisches Stück, 'The House', ein Haus als Metapher nimmt. Das mit- und nebeneinander Leben: Geht das und wie funktioniert das? Ein sehr, sehr gründlich gearbeitetes Stück."

In Deutschland bereits mehrmals aufgeführt worden ist das Stück ”Cherry-Docs” von David Gow. Es ist benannt nach den kirschroten Springerstiefeln der Skinheads. Der Plot: Ein junger Rechtsradikaler hat einen Pakistani zu Tode getreten. Sein Pflichtverteidiger wird ein nicht viel älterer jüdischer Anwalt: Der einen Neo-Nazi verteidigen soll, - ein Schock für beide!

Prof. Albert-Reiner Glaap: "Und das Stück lebt davon, dass im Laufe der gesamten Verhandlung die beiden zu einer Art Kooperation finden - und der jüngere Mann zur Erkenntnis kommt: Nein, so geht es nicht meinem zukünftigen Leben. Und der jüdische Pflichtverteidiger erkennt, dass er im Grunde in dem, was er so bisher getan hat, er seiner jüdischen Tradition gar nicht mehr treu ist. Und da beginnt eine Art re-jewination bei ihm."

Ein stark emotionalisierendes Stück, das, so die Erfahrung, ein junges Publikum unmittelbar anspricht. Jüdisches Theater aus Kanada: David Gow und seine Kollegen verstehen sich freilich nicht als jüdisch-kanadische Autoren. Anders als Vertreter des indianisch-kanadischen Theaters, des chinesisch-kanadischen oder des inuit-kanadischen Theaters lehnen sie eine Sonderstellung mit dieser Bindestrich-Formulierung für sich mit Nachdruck ab, erklärt Albert-Reiner Glaap.

Prof. Albert-Reiner Glaap: "Das jüdisch-kanadische Theater nimmt für sich in Anspruch, dass die Autoren zunächst einmal Kanadier sind, canadian citizens on jewish-dissent. Einer sagte einmal: Ich schreibe über kanadische Themen, aber es tröpfelt mein Jüdischsein immer hinein."


Literatur:
Albert-Reiner Glaap, Jewish Facets of Contemporary Canadian Drama,
WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2008, 200 Seiten, Euro 20,00

Das Handbuch wurde im Juni im Jüdischen Museum in Berlin vorstellt. Prof. Albert-Reiner Glaap es hat Paul Spiegel, dem verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, gewidmet.

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