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Kompressor | Beitrag vom 19.02.2021

Jüdische RapperSongs zwischen Thora und Knarre

Von Christian Werthschulte

Der Rapper Spongebozz alias Sun Diego (bürgerlicher Name: Dimitri Aleksandrovic Chpakov) streckt die ersten drei Finger beider Hände nach oben. (picture alliance / dpa / Oliver Berger)
Rapper Spongebozz alias Sun Diego verleugnete lange seine jüdische Identität. (picture alliance / dpa / Oliver Berger)

Wenn es um Juden und Hip-Hop geht, denken viele zuerst an Kollegah, Farid Bang und antisemitische Songtexte. Was aber oft nicht bekannt ist: Ohne Juden wäre Hip-Hop nie zu dem Phänomen geworden, das er heute ist.

Ben Salomo hat viele Talente. Er ist Autor und Musiker. Er hat mit "Rap am Mittwoch" einen wichtigen Rap-Battle in Berlin veranstaltet. Und er ist einer der wenigen Juden in der deutschen Hip-Hop-Szene.

"Wenn wir von Rappen reden, was ja nichts anderes ist als Sprechgesang, also perkussiver Gesang sozusagen", sagt Salomo. "Sowas ist im Judentum beim schnellen Lesen der Thora oder dem Rezitieren von Gebeten - da kann man das schon herleiten. Das ist eigentlich auch schon eine Form von Sprechgesang."

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In den 90er-Jahren ist Ben Salomo als Jugendlicher in Berlin-Wedding mit Hip-Hop in Berührung gekommen. Und da war es einfach nur authentisch für ihn, seine jüdische Identität auch in seinen Reimen auszudrücken.

Links die Thora, rechts die Neuner

Spongebozz alias Sun Diego hat seine Identität jedoch lange verleugnet. Erst seit Kurzem finden sich in seinem Gangster-Autotune-Rap auch Metaphern mit Bezügen zum Judentum.

"Linke Hand die Thora, Rechte die Neuner" - rappt er auf seiner Single "Eloah", einer hebräischen Bezeichnung für Gott. Spongebozz / Sun Diego erzählt eine andere jüdisch-deutsche Geschichte: die der jüdischen Kontingentflüchtlinge, die in den 90ern aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind. Viele von ihnen fanden nur in den ärmsten Vierteln deutscher Städte eine neue Heimat - so wie die Familie von Spongebozz.

Aber neben den beiden gibt es kaum noch jüdische Rapper in der deutschen Hip-Hop-Szene. Die jüdische Community in Deutschland wurde durch die Shoah dezimiert. Und in der Hip-Hop-Szene wird immer wieder offener Antisemitismus toleriert, wie Ben Salomo erzählt.

"Es gibt Podcasts in der Rap-Szene, wo die Hosts Sachen sagen wie Antisemitismus sei ein Kampfbegriff, nur um Leute mundtot zu machen. Oder da wird von einem Host gesagt, die Sudetendeutschen seien auch Opfer des Holocaust. Das sind so Narrative, die man eher am NPD-Stammtisch hören würde und die sagen das ohne irgendwelche Widerstände und ihnen gegenüber sitzen dann so Leute wie Sido und viele andere Rap-Szenegrößen."

In den USA haben Juden Hip-Hop erst groß gemacht

In den USA, dem Mutterland von Hip-Hop, ist es selbstverständlicher, als Rapper zu seiner jüdischen Identität zu stehen. So wie Drake, größter Rapper der Welt und Sohn eines Schwarzen Amerikaners und einer jüdischen Kanadierin.

In den USA haben Juden Hip-Hop erst groß gemacht. Def Jam, das Label des jüdischen Produzenten Rick Rubin veröffentlichte 1986 das erste Hip-Hop-Album, das es an die Spitze der US-Charts schaffte. Es hieß "Licensed to ill". Aufgenommen haben es drei Juden aus New York: die Beastie Boys.

Geschichtsvergessene Texte

Als Juden waren die Beastie Boys weiß genug, um Hip-Hop auch für die protestantische Dominanzgesellschaft goutierbar zu machen, in der sie selbst Außenseiter waren. Dieses "Dazwischensein" haben sie zu einer ironischen Kunstform erhoben – wie viele jüdische Rapper in den USA. Lil Dicky etwa rappt über seinen Jewish Flow, dass er sogar Adolf Hitler besiegen könnte.

Mit Jewish Flow parodiert Lil Dicky nicht nur die Hip-Hop-Angebereien, sondern auch die Verschwörungstheorien, die Juden eine Allmächtigkeit unterstellen. Von denen ist auch der US-Rap nicht frei. Erst vor Kurzem raunte Rapper Ice Cube, dass die rassistische Justiz der USA von Juden beherrscht würde. Solche Vorurteile sind geschichtsvergessen, meint Robert Garson.

"Bei der Gründung der NBA haben Juden und Schwarze zusammen Basketball gespielt, weil der durchschnittliche Weiße weder mit den einen noch mit den anderen Spielen wollte. Und auch die Anwälte der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung waren jüdisch", sagt Robert Garson.

Garson ist selbst Jude und Anwalt für Copyright-Fragen in Florida und New York. Zu seinen Klienten gehören Rapper wie Monty oder Riff Raff. Er ist einer der "Jewish Lawyers", die von der US-Hip-Hop-Elite auf ihren Tracks gefeiert  werden – von Drake über Cardi bis zu Jay-Z.

Jüdischer Anwalt als Statussymbol

Auch dahinter steckt ein Stereotyp: Weil Juden belesen seien, und clever, seien sie bessere Anwälte. Robert Garson hat mit so einer Charakterisierung aber kein Problem, wie er betont.

"Das ist keine negative Sichtweise. Anwälte sind wie Statussymbole für ihre Klienten. Sie nehmen das folgendermaßen wahr: 'Ich habe jetzt einen jüdischen Anwalt.' Und für sie heißt das, sie sind aufgestiegen. Ich bin quasi wie ein Bentley für sie."

Wenn die eigene Existenz nicht infrage gestellt wird, kann man sogar mit Stereotypen ironisch umgehen.

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