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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 08.05.2020

Jüdische Programme in den USAAls das Radio jiddisch sprach

Von Arndt Peltner

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Orthodoxe Juden lauschen in einem jiddischen Café einer Radioübertragung während des Zweiten Weltkriegs. (Getty Images / International Center of Photography / Weegee (Arthur Fellig))
"Viele der jiddischen Programme waren so aufgebaut, dass sie einen tiefer in die Community brachten," erklärt Henry Sapoznik. (Getty Images / International Center of Photography / Weegee (Arthur Fellig))

Lange Zeit gab es in den USA auf freien Stationen jiddisches Radio, oft nur zwei Stunden am Tag. Jiddisch war die Sprache der jüdischen Zuwanderer aus Osteuropa. Insgesamt gab es von 1925 bis 1955 107 jiddische Radioprogramme.

Henry Sapoznik, Autor, Radio- und Plattenproduzent, Gründer des "Yiddish Radio Project" und ein Sammler alter jüdischer Aufnahmen: "Was an diesen jiddischen und anderen fremdsprachigen Radioprogrammen in Amerika interessant ist, aufgrund der Geschichte und der besonderen Regelung für die amerikanischen Sender, dass das nur in den Vereinigten Staaten passieren konnte. Wie in allen Ländern kontrolliert die Bundesregierung diese Radiolizenzen, aber hier wurden sie verkauft. Daraus entstand eine Art Marktplatz, der auch kleinere Stationen ‘on air’ brachte. Das lief dann so, das jemand eine Lizenz kaufte und Sendezeit an andere vermietete, die für ihre zwei Stunden dann eine eigene Finanzierung finden mussten."

Entdeckung auf Aluminiumplatten

Mitte der 80er-Jahre hat Sapoznik für das "YIVO Institute for Jewish Research" in New York gearbeitet und gründete dort ein Soundarchiv. Vor allem Klezmer wurde archiviert. Bei seiner Suche nach Schellackplatten stieß er immer wieder auf Aluminiumplatten, sogenannte Instagram Discs.

Nahaufnahme einer Aluminiumschallplatte auf einem Kofferplattenspieler aus den 1920er Jahren. (Picture Alliance / dpa / Werner Baum)Auf Aluminiumplatten wie hier mussten Radiostationen ihre Sendungen dokumentieren - so wurde nebenbei ein wichtiger Teil jüdischen Lebens dokumentiert. (Picture Alliance / dpa / Werner Baum)

"Wie sich herausstellte, wurden sie hergestellt, weil die Sender dokumentieren können mussten, was sie gesendet hatten. Wenn es Beschwerden gegen die Station gab, dass diese Sendebestimmungen verletzte. Wenn sie zum Beispiel keine 'Station ID', also eine Ansage des Sendernamens, gespielt haben oder eine kommerzielle Platte brachten und die nicht genannt wurde, es gab vieles, was man beachten musste. Und deshalb wurden diese Instacarts gemacht, falls es Beschwerden gab, damit hatte man eine Kopie der Show, aber die waren nur für eine kurze Zeit gedacht."

Mit jiddischem Radio aufgewachsen

Anfangs wusste Henry Sapoznik nicht, wozu diese Scheiben dienten. Doch dann erfuhr er, dass er mit diesen Belegexemplaren auf einen Klangschatz gestoßen war, der eine wichtige Epoche des jüdischen Lebens vor allem in New York dokumentierte.

"Ich bin mit dem jiddischen Radio aufgewachsen. Meine Eltern und Großeltern kamen als Holocaustüberlebende hierher. Wir erlebten nach dem langsamen Rückgang der jüdischen Kultur in Amerika vor dem Zweiten Weltkrieg diesen erneuten Aufstieg durch die vielen jiddischen Überlebenden, die in die Vereinigten Staaten kamen. Jiddisches Theater, jiddisches Radio erlebte einen Boom durch die vielen Tausenden von neuen Kunden und Zuhörern."

Menschen betrachten eine Vitrine mit jiddischen Schriftstücken. (Picture Alliance / AP Photo / Seth Wenig)Am YIVO Institute for Jewish Research wird zur jüdischen Kulturgeschichte und Emigration nach Amerika geforscht. Henry Sapoznik gründete dort in den 1980er Jahren ein Soundarchiv. (Picture Alliance / AP Photo / Seth Wenig)

Radiosendungen und Klangaufnahmen, Live-Auftritte und Radiowerbung sind auf diesen Aluminiumplatten festgehalten. An keiner anderen Stelle wurden sie archiviert.

"Der Großteil von ihnen wurde wahrscheinlich zerstört während der Kriegsjahre, denn Aluminium war ein wichtiges Material. Niemand wiederholte eine Sendung, das gab es nicht. Alles war live, deshalb wurden diese Discs als Altmetall von den Stationen abgegeben. Einige Kopien überlebten nur deshalb, weil ein paar Leute sie aufhoben, die in den Sendungen vorkamen, sie produzierten oder als Sponsor auftraten."

Radio jenseits des Mainstreams

Die amerikanische Radiolandschaft ist etwas Besonderes, denn neben den kommerziellen Sendern und Programmen gibt es auch Stationen, die zum einen Sendezeit verkaufen, zum anderen sogenannte "Community stations", eine Art offene Kanäle mit Programmen, die meist von Freiwilligen produziert werden.

Diese werden "cultural producers" genannt, Kulturproduzenten. Das sind teils fremdsprachige oder kulturelle Programme, die im Mainstream-Hörfunk keinen Platz finden. Die jüdischen Sendungen fielen genau in diese Kategorie.

"Die Sprache in den Shows war wie eine Fremdsprache in Amerika. Da gab es Jiddish, wie es von den Juden aus der alten Welt gesprochen wurde. Da waren Leute, die ganz bewusst Jiddish und Englisch in ihrer Sprache vermischten. Es gab diesen Ansatz, das alles wiederzugeben, die sozialen Veränderungen in der Kultur, aber eben auch durch die Programme genau das zu beeinflussen, wie es etwa Nahum Stutchkoff und andere Produzenten taten. Es gab diese Spracherwartungen, die auf der Demografie beruhten."

Nahum Stutchkoff war ein im heutigen Polen geborener jüdischer Autor und Schauspieler, der unter anderem das umfassendste jiddische Wörterbuch "Ojzer fun der jidischer schprach" schrieb, das je veröffentlicht wurde. In zahlreichen jiddischen Theaterstücken und Radiosendungen machte er von sich reden.

Radioprogramm stärkte Gemeindebindung

"Viele der jiddischen Programme waren so aufgebaut, dass sie einen tiefer in die Community brachten, betonten, wer man als Hörer und als Mitglied der religiösen, sozialen und nationalen Gemeinschaft war. Die Programme waren keine Western-, keiner Gangster-Shows, keine geheimnisvollen Shows. Die Programme waren vor allem Unterhaltung. Besonders Musikshows, jiddisches Gesangstheater, dazu so Schlagersänger und religiöse Musik."

Das Besondere an Sapozniks CD-Veröffentlichungen und seiner Arbeit über die jüdischen Radiosendungen ist, dass er zeigen kann, welche Bedeutung diese Hörfunkprogramme für die jüdischen Gemeinden in den USA hatten. Die meisten dieser Kulturprogramme - fremdsprachig oder mit anderem ethnischen Hintergrund – wurden nie archiviert.

Mit dem Verkauf eines Senders oder mit dem Ausscheiden eines Moderators ging auch immer ein Stück der hörbaren Kultur, der Vielseitigkeit im "melting pot" USA verloren. Diese historischen jiddischen Radioprogramme machen jedoch deutlich, wie reich die Vereinigten Staaten waren und auch sind.

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