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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.03.2007

Jüdische Lebens- und Leidensgeschichten

Egardo Cozarinsky: "Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich", Klaus Wagenbach 2007, 124 Seiten

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Immigranten: Die Heimat für den Traum nach einem besseren Leben verlassen. (AP Archiv)
Immigranten: Die Heimat für den Traum nach einem besseren Leben verlassen. (AP Archiv)

Der einst nach Frankreich emigrierte Argentinier Edgardo Cozarinsky widmet sich nach nach seinem Roman "Die Braut von Odessa" erneut Einwanderen - diesmal jüdischen Einwanderern, die aus Osteuropa nach Argentinien kamen. Nachdem das Vorgängerwerk durchaus positive Kritiken erhielt, bleibt diesmal die Glaubwürdigkeit auf der Strecke, die jüdischen Lebens- und Leidensgeschichten bleiben schemenhaft.

Ganz Argentinien ist in diesem Buch ein graues Pflaster. Der Regen fällt des öfteren, die Straßen sind stets dunkel und leer, die Geheimnisse umso zahlreicher und lockender. Edgardo Cozarinsky strapaziert die romantische Szenerie ziemlich in seinem Buch "Man nennt mich flatterhaft, und was weiß ich". Er lässt einen Reporter auf der Suche nach einem Thema für die Abschlussarbeit an der Journalistenschule an einen greisen jüdischen Bandoneonspieler geraten, der stirbt, bevor er ihm allzuviel über das jiddische Theater in Argentinien erzählen kann. In den Hinterlassenschaften des Toten findet der junge Mann ein Theaterprogramm aus dem Mai 1945. Neugierig lässt er sich im Institut für Theatergeschichte das Manuskript dieser "Siegesrevue" geben, muss aber feststellen, dass die Mappe ein anderes Stück enthält: "Der moldawische Zuhälter". An die Stelle der Erleichterung über das Ende der NS-Herrschaft bei den aus Europa emigrierten Juden tritt eine Geschichte übelsten Mädchenhandels durch einen Ring jüdischer Zuhälter. Cozarinskys Reporter beginnt zu recherchieren.

"Der moldawische Zuhälter" erzählt mit Hilfe zahlreicher herzzerreißender Tangos von einer Auswandererin aus einem osteuropäischen Shtetl. Sie wird um ihre Hoffnung und ihren Anstand betrogen, ermordet in ihrer Verzweiflung eine Kupplerin, muss aber nicht ins Gefängnis, weil ein anständiger Zuhälter, auch er ein Auswanderer, die Tat auf sich nimmt. Das ist übelste Kolportage, doch möglicherweise gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt – auch wenn eine auf ruhige Assimilation bedachte jüdische Gemeinde von dem verwerflichen Treiben einiger ihrer Glaubensbrüder nichts wissen will. Denn der Reporter hört von überlebenden Zeitzeugen und ihren Nachfahren Varianten der im Stück beschriebenen Ereignisse – leider so viele, dass sich dem Leser alsbald der Kopf dreht.

Zumal der Reporter im mittleren Teil des Buches auch noch seine eigene, literarisierte Version des "moldawischen Zuhälters" erzählt. Auch bei ihm leidet die junge Auswandererin in argentinischen Bordellen, wird aber nun von dem greisen jüdischen Bandoneonspieler gerettet, mit dem das Buch begonnen hat, und stirbt schließlich an Tbc. Im dritten Teil des Buches steuert eine greise Nachfahrin des Stückeschreibers eine weniger ritterlich und ebenso zweifelhaft klingende Variante bei. Mittlerweile hat sich beim Leser der Eindruck rastloser Paraventschieberei eingestellt. Der Argentinier Cozarinsky, der 1974, nach dem Militärputsch, nach Paris ging und dort als Essayist, Filmer und Autor lebt, hegt fraglos postmoderne Zweifel an Identität und Wahrheit. In dem vor zwei Jahre von Wagenbach vorgelegten Erzählungsband "Die Braut aus Odessa" beschrieb er mit atmosphärischer Sicherheit die allgemeine Vagheit der Überlieferung. Nun lässt er seinen Erzähler behaupten, er habe sich dem "Gedenken an die Opfer" verschrieben, die von der eigenen, jüdischen Gemeinde verhöhnt und von den Argentiniern verschwiegen werden. Glaubhaft ist das nicht: Die jüdischen Lebens- und Leidensgeschichten auch der noch Lebenden bleiben schemenhaft, sie dienen nur als Verschiebematerial im Dienste einer Sehnsucht: jener des Erzähler-Reporters nach geschichtsträchtiger Bedeutung inmitten "erbärmlicher Gegenwart". Daher der Bandoneonspieler am Anfang und die Tango-Texte: Cozarinsky hat sich vom Schwulst der Nationalmusik überwältigen lassen.

Am Ende fällt wieder Regen, diesmal auf einen Friedhof, und es zeigt sich, dass sich die Sehnsucht genauso gut mit dem unschuldigen Anfang zufrieden gäbe: "Und ich fragte mich, wieviel Regen, wieviel aufgewühlte Erde, wieviele Würmer nötig wären, damit aus ihrer Zersetzung etwas Reiches und Außergewöhnliches entsteht, frei von Gefühlen und nicht zurückgezahltem Unrecht, etwas das von keiner Schuld getrübt und von keinem Denkmal gefeiert wird." Wieviel Regen nötig wäre? Eine Sintflut müsste genügen.

Rezensiert von Jörg Plath.

Egardo Cozarinsky: "Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich."
Aus dem argentinischen Spanisch von Sabine Giersberg, Verlag: Wagenbach 2007, 124 Seiten, 16.50 Euro

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