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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 26.10.2018

Jüdische KindergärtenReligion darf Spaß machen

Von Thomas Thomson Senne

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Ein Junge mit einer Kipa trägt einen Teller und einen Becher an einem Tisch vorbei, an dem andere Kinder sitzen. (imago/Ulli Winkler)
Auch im Berliner Kindergarten Lauder Nitzan legt man Wert auf Tradition. (imago/Ulli Winkler)

Viele jüdische Gemeinden unterhalten eigene Kitas. Hier bekommen die Kinder Werte vermittelt und erleben Traditionen. Doch die Kindergärten haben noch eine weitere Funktion: Sie schützen die jüdischen Gemeinden vor der Überalterung.

Jeden Morgen herrscht Hochbetrieb im jüdischen Gemeindezentrum München. Denn ab 7.30 Uhr bringen Eltern ihre Schützlinge in den dortigen Alexander-Moksel-Kindergarten. Rund 120 Kinder zwischen zweieinhalb und sechs Jahren  besuchen momentan die von der Israelitischen Kultusgemeinde getragene jüdische Einrichtung. Oft haben die Kinder weite Wege hinter sich: Der Kindergarten ist der einzige seiner Art in der Stadt.

Das Sagen hat Irina Sokolov. Seit vier Jahren leitet die staatlich anerkannte Erzieherin, die vor über 25 Jahren aus der Ukraine nach Deutschland kam, den in sechs Gruppen unterteilten Kindergarten. Sokolov: "Die Kinder frühstücken gemeinsam. Wir achten auch auf die Tischmanieren und auf gesundes Frühstück. Danach findet ein gemeinsames Gebet in hebräischer Sprache statt. Den Kindern wird aber auch erklärt, dass wir einfach an Gott Danke sagen, für alles, was wir haben." Der Sinn der jüdischen Segenssprüche vor dem Essen und Trinken. 

Spielerisch das Gebet vermitteln

Alle jüdischen Kindergärten in Deutschland legen Wert darauf, Kindern spielerisch das jüdische Gebet zu vermitteln. Etwa 20 solcher Kitas gibt es, meist in größeren Städten. Zum Beispiel in Hamburg, Leipzig und Hannover.

Im Saal, in dem die Morgenandacht stattfindet, albern manche zunächst noch ein wenig herum. Aber zunehmend sind die Kinder konzentriert bei der Sache, machen nach, was ihnen die Religionslehrerin mit deutlichen Gesten vormacht und klatschen mit viel Spaß in ihre Hände. Einige der Jungen stampfen so temperamentvoll mit ihren Füßen auf den Boden, dass ihre Kippa vom Kopf zu rutschen droht. Sokolov: "Das Ziel wie in jeder Kindereinrichtung ist, Kindern eine Atmosphäre zu bieten, wo die Kinder sich wohlfühlen, wo sie sich entwickeln können."

Kindergarten als Wertevermittlungsstation

Nach dem 15-minütigen Morgengebet, das eine Musikpädagogin mit sichtlicher Freude an einem Keyboard begleitet, kehren die Kinder wieder in ihre Gruppenräume zurück. Das normale Tagesprogramm mit Spiel, Vorschulerziehung, Sprachförderung, Sport und Musik geht weiter. Ganz wichtig: gemeinsam jüdische Feiertage zu begehen. Ein Grund für Alexander Yankulin seine beiden Kinder in diesen Kindergarten zu bringen.

Yankulin: "Wir haben zwei Töchter. Die eine ist sechs. Die andere ist drei, bald vier. Wir haben selber jüdische Wurzeln. Also, ich komme aus der Ukraine, meine Frau kommt aus Russland. Und es lag sehr nahe, dass wir die Kinder in diesen Kindergarten bringen. Der größte Grund war die Wertevermittlung hier im Kindergarten, weil wir natürlich schon von unseren Bekannten und Freunden wussten, dass hier ein sehr großen Wert darauf gelegt wird und das war für die Erziehung unserer Kinder sehr, sehr wichtig, weil man den Kindern natürlich neben dem Haushalt noch eine weitere Wertevermittlungsstation, sage ich mal, geben muss. Und hier sind wir vollkommen zufrieden. Wir sind über mehrere Jahre schon hier und sehr toll."

Erleben jüdischer Traditionen

An einer Wand direkt beim Eingang hängt eine große, selbstgebastelte Feiertagsuhr. Ihr Zeiger deutet nicht auf Ziffern, sondern auf gemalte Szenen mit jüdischen Festen: Feiertage, die wie etwa Sukkot für manche Kinder neu sind. Denn etwa ein Drittel der Kinder in der Münchner Einrichtung ist nicht jüdisch.

Sokolov: "Jüdische Traditionen werden erlebt. Es wird nicht nur Kindern gezeigt. Es wird mit Seele gezeigt. Die Kinder werden auch von einem wirklich sehr erfahrenen Team weiter gefördert und ich denke, das macht unsere Einrichtung aus."

Kinder in Kostümen an Purim, einer der farbenfroheren und beliebteren jüdischen Feiertage, gedenken der Ereignisse welche im Buch Esther und insbesondere der wundertätigen Befreiung der Juden im alten Persien beschrieben sind. (Imago/ ZUMA Press)Kinder in Kostümen an Purim, einer der farbenfroheren und beliebteren jüdischen Feiertage. (Imago/ ZUMA Press)

"Seele" zeigen: Für Irina Sokolov muss Religion keineswegs eine steife Angelegenheit sein, sondern auch richtig Spaß machen. Ein Konzept, das Melanie Rotstein besonders schätzt. Deshalb hat sie ihren Sohn gerade bei diesem Kindergarten angemeldet. Der liegt mitten im Herzen der Stadt - in unmittelbarer Nähe von der Synagoge und dem Jüdischen Museum.

Sicherheitspersonal ist Normalität

Rotstein: "Ist für mich ganz selbstverständlich gewesen. Erst bin ich selber hier in den Kindergarten gegangen und ich glaube, dass es schon sehr wichtig ist, dass die Kinder schon von den Wurzeln her gleich von klein auf mit der jüdischen Religion sozusagen aufwachsen und das machen sie hier eigentlich sehr gut auf spielerische Art und Weise, aber doch sehr nahebringend."

Dass mehrere Sicherheitsmänner den Kindergarten rund um die Uhr bewachen und am Eingang im Erdgeschoss sogar eine Sicherheitsschleuse wie am Flughafen existiert, ist für die Mutter nichts Außergewöhnliches.

Rotstein: "Leider ist die Security für uns Alltag und normal. Ich bin selber damit aufgewachsen. In Zeiten, wo ein bisschen mehr aufgefahren ist und dann auch normale Polizei mit Maschinengewehr davor steht, ist einem schon mulmig. Dann wissen wir, okay, dass die Situation doch manchmal schon schwerer ist als wir es wahr haben wollen. Aber ja, es gibt einem irgendwie zwar Sicherheit, aber macht einen auch traurig, dass es dieser Sicherheit wohl doch bedarf."

Geschütztes Umfeld

Die Kinder bekommen von derartigen Problemen kaum etwas mit und sagen ein wenig schüchtern ins Mikrofon, was ihnen gefällt: "Rausgehen. Wenn wir Stuhlkreis machen, mag ich nicht so." "Ich mag sehr gerne auch rausgehen, weil ich hier gute Freunde habe."

In dem geschützten Innenhof herumzuspielen, gefällt den Kleinen bei hohen Temperaturen besonders gut. Auch das milchige Essen beim Frühstück schmeckt den meisten: "Lecker." "Also manchmal nicht lecker und manchmal schon." "Super, super!".

Mehr Investition in die Jugend

Während der Kindergarten am Münchner Jakobsplatz bereits in vollem Betrieb ist, will die zweitgrößte jüdische Gemeinde Bayerns, die Israelitische Kultusgemeinde Nürnberg, auf ihrem Grundstück im Norden der Dürer-Stadt erst eine Kindertagesstätte mit integrierter Krippe bauen.

Der Vorsitzende der Nürnberger Kultusgemeinde, Joachim Hamburger:"Es gibt verschiedene Städte in Deutschland, wo es jüdische Kindergärten gibt. In Nürnberg nicht. Und wir denken, dass wir die Zukunft der Gemeinde nur dann sichern können, wenn wir in die Jugend investieren. Auch in die Kinder mehr. Wir haben eine relativ schiefe Alterspyramide, das heißt wir haben eine gewisse Überalterung jetzt noch, weil eben viele Menschen, die damals aus der Sowjetunion gekommen sind – es sind ja 96, 97 Prozent unserer Mitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion – und da ist jetzt das Thema Zweit-, Dritt- und Viertgeneration. Und da, glaube ich, müssen wir als Gemeinden in Deutschland vielmehr für die Jugend investieren, um diese Menschen dann auch der Gemeinde zu erhalten."

Das Sterben von jüdischen Gemeinden

Knapp drei Millionen Euro soll die neue Nürnberger Einrichtung kosten, die für etwa 50 Kinder ausgelegt ist. Räume zum Musikmachen und Werken sind in dem Gebäude mit minimalistischer Formensprache ebenso vorgesehen wie ein Bereich für Kinderbücher, eine Freiterrasse und ein Foyer. Das koschere Essen für die Jüngsten kommt aus der Küche des benachbarten Seniorenheimes. Auch sonst ist die Begegnung mit den älteren Heimbewohnern durchaus gewünscht. Kontakte ergeben sich unkompliziert im Innenhof.

Die meisten jüdischen Gemeinden in Deutschland sind überaltert und verlieren Jahr für Jahr an Mitgliedern. Die Zukunftsvisionen sehen düster aus: So manche kleine jüdische Gemeinde werde sterben heißt es. Da sei es lebensnotwendig einen Kindergarten zu haben, meint der Vorsitzende der Nürnberger Gemeinde Joachim Hamburger.

Hamburger: "Gemeinden mit Kindergarten haben eine große Chance in Deutschland zu überleben. Gemeinden ohne Kindergarten mit der Überalterung, die ich vorhin angedeutet habe - da wird es schwer."

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