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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 24.05.2019

Jüdische Gemeinden in DeutschlandWenige Geburten, viele Beerdigungen

Von Jens Rosbach

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Die noch leeren Bänke harren der Gäste zum Festakt anlässlich der 100-Jahres-Feier der Einweihung der Großen Synagoge Augsburg. (Ruth Plössel)
Schon seit 1917 gibt es in Augsburg die Große Synagoge. (Ruth Plössel)

Die Mitgliederzahlen der jüdischen Gemeinden sinken, zeigt die neueste Statistik der jüdischen Zentralwohlfahrtstelle. Was bedeutet das für ihre Zukunft? Wird alles nicht so schlimm – oder ignorieren viele jüdische Funktionäre die Probleme?

Die Kölner Synagogengemeinde hat für ihre Mitglieder allerhand im Angebot: Konzerte, Filmabende, Sprachkurse, Sozial-Sprechstunden und natürlich Gottesdienste. Trotzdem nimmt die Besucherzahl dramatisch ab. "Ich kann über die Statistik der Kölner Gemeinde sagen, dass es immer weniger Gemeindemitglieder sind", sagt Stelle Shcherbatova von der Kölner Synagogengemeinde. "2005 hatten wir fast 5000 Gemeindemitglieder – jetzt haben wir 4000."

Stella Shcherbatova leitet ein jüdisches Begegnungszentrum der Kölner Religionsgemeinschaft. Für die gebürtige Russin ist klar: Auch wenn ihre Gemeinde im vergangenen Jahr einen Mini-Zuwachs von elf Mitgliedern verzeichnen konnte – so hat sie doch in den vorherigen Jahren hunderte andere verloren. Denn die Beter sind überaltert. Shcherbatova: "Wir kriegen als Gemeindemitglieder immer Newsletter über gestorbene Menschen – und da sehe ich sehr oft: Menschen gehen weg. Für immer."

Seit 2006 sinkt die Zahl der Juden in Deutschland

Ob in Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern oder Bayern – seit 2006 sinkt die Zahl der Juden in Deutschland stetig. Chajm Guski, jüdischer Blogger und Gemeindeaktivist aus Gelsenkirchen, findet die Entwicklung besorgniserregend. "Ich befürchte, dass – je nach Größe der Gemeinde – eventuell Synagogen irgendwann einmal geschlossen werden müssen", sagt Guski.  

Der 41-Jährige, von Beruf Marketingfachmann, hat in seinem Blog "Chajms Sicht" die Mitgliederentwicklung kritisch analysiert und ausgerechnet, dass fast jeder zweite Jude in Deutschland über 60 Jahre alt ist. Denn viele der rund 200.000 Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion kamen als gestandene Erwachsene oder als Rentner hierher. Durch die Überalterung könnten die rund einhundert jüdischen Gemeinden in Deutschland bald viel zu große Sozialreinrichtungen und Bethäuser haben, befürchtet Guski."Man kann sich vorstellen, wenn man in eine Synagoge kommt, die bei ihrem Bau vielleicht für 120 Beter ausgelegt worden ist, und da beten jetzt nur noch 12, 13 Personen, da muss man sich vielleicht doch irgendwann die Frage stellen, ob das ein vernünftiges Kosten-Nutzen-Verhältnis ist."

Prognose: "Kleinere Gemeinden müssen künftig schließen"

Der Blogger prognostiziert, dass zahlreiche kleinere Gemeinden bald geschlossen werden – vor allem in ländlichen und ostdeutschen Regionen. Das jüdische Leben werde sich auf Ballungszentren wie München, Frankfurt am Main oder Berlin konzentrieren. Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, die jedes Jahr die Mitgliederstatistik erstellt, spricht allerdings nicht von Gemeindeauflösungen, sondern – zurückhaltend – von einem Zusammenschluss kleinerer Gemeinden. Günter Jek, der Leiter der Berliner Zweigstelle, betont: "Es müssen Zusammenschlüsse geschaffen werden, gerade um die soziale Versorgung von der immer älter werdenden, dort verbleibenden Bevölkerung zu realisieren. Warum nicht auch Verbandsgemeinden?"

Das jüdische Leben in Deutschland werde deshalb nicht einschlafen, glaubt der Wohlfahrtsvertreter. In vielen größeren Gemeinden gebe es neue Initiativen – ob für Studierende, Alleinerziehende, junge Familien oder für Juden, die sich für Flüchtlinge engagieren. So könnten in den Städten die Gemeindemitglieder gehalten beziehungsweise neue gewonnen werden. Und eine Umstrukturierung auf dem Lande sei nichts Ungewöhnliches:

"Wenn wir uns den Umgang mit rückläufigen Mitgliederzahlen oder mit der Überalterung anschauen, dann gehen die Kirchen genau den gleichen Weg wie die jüdische Gemeinschaft. Es werden Gemeinden zusammengelegt, es werden Gottesdienste reihum an unterschiedlichen Standorten veranstaltet, es wird die Kooperation gesucht. Ich glaube, wir sind da in guter Gesellschaft."

"Die Zahlen sprechen für sich"

Allerdings: Viele jüdische Gemeinden sind oftmals viel weiter voneinander entfernt als die Kirchengemeinden. Die jüdische Dachorganisation – der Zentralrat der Juden in Deutschland – erklärt, die Überalterung sei regelmäßig Gesprächsthema in den eigenen Gremien. Für Gemeindeschließungen allerdings sehe man, so heißt es, "aktuell keinen Anlass". Blogger und Kritiker Chajm Guski glaubt hingegen, dass sich viele jüdische Verantwortungsträger vor klaren Ansagen drücken oder ihre Augen verschließen vor dem Mitgliederschwund.

"Ich denke schon, dass das kein sehr angenehmes Thema ist, wenn man damit konfrontiert wird, dass man eine Synagoge eventuell schließen muss oder fusionieren muss und dass die Entwicklung nicht immer positiv ist. Aber ich denke, die Zahlen sprechen für sich und jeder, der sich damit eingehend beschäftigt, wird merken, dass da Handlungsbedarf ist."

Niemand spricht von neuer Zuwanderung

Auffallend ist: Überhaupt nicht diskutiert wird, ob die schwindende Mitgliederzahl durch neue Zuwanderung ausgeglichen werden könnte. Der Hintergrund: Die über 200.000 jüdischen Russen, Weißrussen, Ukrainer, Balten und ihre Angehörigen, die seit den 90er-Jahren nach Deutschland kamen, haben – sofern sie Mitglieder wurden – die jüdischen Gemeinden vor große Integrationsprobleme gestellt. Denn viele Migranten sprachen anfangs kein Deutsch, fanden keine Arbeit und wussten außerdem wenig über die jüdische Religion. So wurde der Zuzug ab 2005 wieder gedrosselt. Die Integrations-Schwierigkeiten waren so groß, dass selbst Stephan Kramer, der damalige Generalsekretär des Zentralrats der Juden, einer staatlichen Einwanderungsbegrenzung zustimmte.

"Diese Zuwanderung stellt viele der jüdischen Gemeinden zum Teil vor existentielle Probleme. Ich denke, wir sind in einer Situation angelangt, dass – wenn dieses Verfahren nicht eine vernünftige Revision erfährt – das Ziel, nämlich die Stärkung jüdischen Lebens, dauerhaft in der Bundesrepublik Deutschland konterkariert wird und die Gemeinden eher gefährdet werden."

Bis heute haben die Gemeinden mit Integrationsfragen zu kämpfen – ein weiterer Zuzug aus den GUS-Staaten gilt deshalb als problematisch. So resümiert Günter Jek von der Zentralwohlfahrtstelle der Juden: "Wichtiger als Zuwanderung ist es, dass die jüdischen Gemeinden hier in Deutschland attraktiv sind, attraktiv bleiben und weiter, wie bisher, an der Rekonstruktion jüdischen Lebens in Deutschland arbeiten."

Manche Juden verlassen bewusst ihre Gemeinde

Allerdings gilt nicht jede Gemeinde als attraktiv. So gab es im vergangenen Jahr unter den rund 3200 "Abgängen" auch rund 550 Juden, die ihrer jeweiligen Gemeinde ganz bewusst den Rücken zukehrten. Allein in Berlin, in Deutschlands größter jüdischer Gemeinde, traten rund 150 Mitglieder aus. Offenbar liegt dies auch am Berliner Gemeindechef Gideon Joffe, der den Ruf einer besonders polarisierenden, autoritären Funktionärs hat. Noch dramatischer ist die Austrittsquote im schleswig-holsteinischen Pinneberg: Laut Statistik wandten sich im vergangenen Jahr von den 250 Mitgliedern 38 Prozent von ihrer liberalen Gemeinde ab. Kein Wunder, denn die Pinneberger Juden hatten 2018 einen handfesten Skandal: Ihr Vorsitzender Wolfgang Seibert musste zurücktreten, nachdem das Magazin "Der Spiegel" enthüllt hatte, dass Seibert gar kein Jude ist – sondern ein Hochstapler. Dabei hatte ein religiöses Gericht schon Jahre zuvor Hinweise auf den Betrug erhalten – aber nicht reagiert. So zeigte sich Verena Menn, eine ehemalige Gemeindeaktivistin und Lehrerin, geschockt von der Affäre Seibert: "Ich bin sehr enttäuscht. Ich bin vor allem auch sehr empört, dass er mit seinen Geschichten so viele Menschen auch getäuscht hat. Was mich noch mehr empört ist aber, dass diesen Vorwürfen nie nachgegangen worden ist. Das erschüttert mich sehr. Das verstehe ich auch nicht."

Jedes Jahr hunderte Sterbefälle und zudem zahlreiche – aber kein Ausgleich durch neue Zuwanderer: Kritiker und Experten gehen davon aus, dass das Schrumpfen der jüdischen Gemeinden in den nächsten Jahren das zentrale Diskussionsthema sein wird.  

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