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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 04.12.2020

Jüdische Einwanderer in ColoradoIm Glauben vereint beim Kampf gegen die Seuche

Von Heike Braun

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Vor einer Synagoge sind Schilder aufgestellt in auf Englisch dazu aufrufen, zusammen zu stehen. (Picture Alliance / dpa / The Gazette / AP Photo / Christian Murdock)
Vereitelter Bombenanschlag: Einen Tag vor seiner geplanten Tat auf den Temple Emanuel in Pueblo wurde im November 2019 der Attentäter verhaftet. (Picture Alliance / dpa / The Gazette / AP Photo / Christian Murdock)

Die ersten jüdischen Einwanderer in Colorado stammten aus Deutschland. Im 19. Jahrhundert mussten sie mit einer großen Seuche kämpfen: der Tuberkulose. Heute sind die Juden dort mit einer anderen schweren Plage konfrontiert.

Das Land ihrer Vorfahren kennen viele Juden in den USA nur noch vom Hörensagen. Doch in Colorado gibt es auch noch eine Generation von Juden, die als Kinder in Deutschland lebte. So wie Noah Blumenberg. Er wurde in Frankfurt am Main geboren und erzählt: "Das sind gute Erinnerungen an Deutschland. Da sind Erinnerungen, die sind nicht so gut, die willst Du aber auch nicht ablegen."

Blumenberg kam mit seinen Eltern Ende 1935 nach Colorado mitten in die Rocky Mountains. Er erinnert sich nach all den Jahren noch gut an Deutschland. Er hat die Sprache nicht verlernt.

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Der 94-Jährige und andere Juden seines Alters treffen sich regelmäßig an Feiertagen. "Deutsch sprechen wir", sagt Selma, die jüdische Ehefrau von Noah.

Ihr Mann fügt hinzu: "Der Club wird scheinbar nie größer. Denn die Alten sterben aus und die Jungen sind dann mehr amerikanisch als deutsch. Das Verlangen, sich mit Deutschen zu treffen, ist nicht so groß wie von den ursprünglichen Einwanderern."

Noah trifft sich regelmäßig mit anderen konservativen und mit Reformjuden. Dann picknicken sie gemeinsam inmitten riesiger Sandsteinformationen, die vor rund 65 Millionen Jahren entstanden sind.

Der Park wurde von den ersten Landvermessern "Garden of the Gods" getauft. Auch Noahs deutschstämmige Frau Selma ist bei den Treffen im "Garten der Götter" immer dabei. Ihre blauen Augen leuchten, wenn sie sagt: "Wie die Pioniere, you know. Wir fühlen uns hier alle wie die Pioniere."

Jede Nacht nach Leichen suchen

Die Blumenbergs gehören nicht zur ersten Welle deutscher Juden, die nach Colorado auswanderten, weiß Jeanne Abrams. Sie ist Direktorin der historischen jüdischen Rocky Mountains-Gesellschaft. Abrams lehrt an der Universität von Denver zum Thema "Jüdische Pioniere in Colorado".

"Die ersten jüdischen Pioniere, kamen in den späten 1850ern hierher. Es waren Reformjuden. Rund 20 Jahre später wanderten dann aber orthodoxen Juden aus dem kaiserlichen Russland nach Colorado ein. Davon waren die Reformjuden nicht begeistert. Vor allem, weil die Russischstämmigen eine hochansteckende Krankheit mitbrachten. Viele hatten Tuberkulose und glaubten, das warme und trockene Wetter in Colorado würde sie von ihrer Krankheit heilen. Doch von allein ging die Tuberkulose auch hier im Halbwüstenklima nicht weg. Erst Ende des 19. Jahrhunderts, als die nationale jüdische Gesundheitsvereinigung gegründet und das erste Krankenhaus für Tuberkulosekranke eröffnet wurde, verschwand diese schreckliche Krankheit", berichtet Abrams.

Eine deutschstämmige Jüdin namens Frances Wisebart Jacobs machte im 19. Jahrhundert als erste auf das Leid der Tuberkulosekranken von Denver aufmerksam. Viele der Infizierten starben allein gelassen in den Straßen und Gassen der Stadt. Sie hatten kein Geld für eine Behandlung und wurden von den Gesunden gemieden. Oft erstickten sie an ihrem Blut.

In Denver gab es damals ein Aufräumkommando, das jeden Tag die Straßen nach den Toten absuchte, die über Nacht an der Seuche gestorben waren. Größtenteils waren es tote Juden. Zu Lebzeiten kümmerte sich lange niemand um sie.

Erst Wisebart Jacobs sammelte Geld und machte so das erste jüdische Tuberkulosekrankenhaus in Colorado möglich. Die Behandlung dort war kostenlos. Wisebart Jacobs hat die Eröffnung der Klinik im Jahr 1899 nicht mehr erlebt. Sie starb im Alter von 49 Jahren an einer Lungenentzündung, erzählt Abrams.

"Wenn wir über die jüdische Gemeinschaft und die Einwanderung von Juden nach Colorado reden, dann geht das nicht, ohne über Frances Wisebart Jacobs zu reden, und über unser Gesundheitswesen, das sie reformiert hat. Das war echte Pionierarbeit. Jüdisches Leben in Colorado und Heilung von Lungenkrankheiten gehören zusammen."

Erst Tänzerin, dann Rabbinerin

Die Colorado-Juden errichteten auch viele Synagogen im ganzen Bundesstaat. Eine der bekanntesten ist der Tempel Emanuel in der Stadt Pueblo rund 170 Kilometer von Denver entfernt. Pueblo ist eine unscheinbare Industriestadt und hat nicht viele Highlights zu bieten.

Der Tempel Emanuel gehört aber zweifellos dazu, sagt Roberta Becker. Sie ist dort seit mehr als zehn Jahren die Rabbinerin. "Diese 120 Jahre alte Synagoge war die zweite in Colorado überhaupt", sagt Becker. "Der erste Tempel Emanuel wurde einige Jahre zuvor in Denver erbaut. Beide Tempel heißen Emanuel, aber bei dem in Pueblo sieht man, dass der Architekt Liebe zum Detail hatte. Er entwarf ihn im britischen Queen-Anne Stil. Inzwischen steht er auf der Liste der historischen Sehenswürdigkeiten der USA."

Becker wird von ihrer Gemeinde "Birdie" genannt. Aufgewachsen in einer konservativen jüdischen Familie, wollte sie als zehnjähriges Mädchen nur eines: Tänzerin werden.

Obwohl sie sehr talentiert war und schon mehrere Talentwettbewerbe gewonnen hatte, änderte sie mit zwölf Jahren ihre Pläne. "Ich sagte damals: Mama ich will Rabbi werden. Meine Mutter sagte: Wenn es das ist, was Du willst, dann werden wir das schaffen. Das war 1964. Als ich anfangen wollte zu studieren, wurde mir klar: Es gibt gar keine Frauen als Rabbiner. Die Erste war Sally Priesand im Jahr 1972."

Becker wurde erst einmal Sozialarbeiterin, Tanzlehrerin und Cellistin. Jahrzehnte später, als ihre beiden Kinder schon erwachsen waren, fing sie noch einmal an zu studieren, wurde schließlich ordiniert und im Tempel Emanuel in Pueblo eingesetzt.

"Ich liebe es, in dieser Synagoge zu sein. Sie ist wie ein zweites Zuhause. Hier in Colorado gibt es Reformjuden, konservative und orthodoxe", sagt Becker. "Ich selbst passe eigentlich in keine der Gruppen. Ich bezeichne mich selbst als postkonfessionelle Jüdin."

Attentat schlug fehl

Die Rabbinerin vermisst die Zusammenkünfte mit den Juden, aber auch den Austausch mit Menschen anderen Religionen. Wegen Corona hat alles deutlich nachgelassen. "In meine Gottesdienste kamen katholische Priester, evangelische Pfarrer und viele Prediger anderen Glaubensrichtungen", berichtet Becker.

Der Zusammenhalt der Juden und die Anteilnahme aller Glaubensrichtungen waren besonders tröstlich, als im Oktober 2019 ein Attentat auf den historischen Emanuel-Tempel geplant war. Ein 27-jähriger US-Amerikaner wurde nur einen Tag vor dem beabsichtigten Bombenanschlag vom FBI verhaftet. Inzwischen hat er ein umfassendes Geständnis abgelegt.

Selbst im idyllischen Colorado mit seinen endlosen Wäldern, seinen schroffen Felsen und seinen rauschenden Wasserfällen ist der Antisemitismus kein Fremdwort. Dass weiß auch der 94-jährige Noah Blumenberg. Er ist in der Gruppe der konservativen Juden einer der ältesten im weiten Umkreis von Pueblo. Er lebt als Oberhaupt seiner Familie sehr abgeschieden auf einer selbstbewirtschafteten Farm in den Rocky Mountains.

Als Blumenberg vom Anschlagsversuch auf den Tempel Emanuel erfuhr, hat er tagelang geweint. Der Hass, vor dem seine Eltern mit ihm aus Deutschland flüchteten, hat ihn im hohen Alter in den USA eingeholt.

Der Mann mit der ruhigen Stimme und der Kippa auf dem schneeweißen Haar sagt, er findet es tröstlich, dass die Juden Colorados letztlich immer in der Religion vereint waren. "Wir haben uns gegenseitig unterstützt. Es war leicht, es war nicht schwer, dass wir die ganze Zeit zusammengestanden haben."

Eines von Blumenbergs wertvollsten Besitztümern ist ein silberner Thora-Zeiger, ein wichtiges Utensil im jüdischen Gottesdienst. Den konnten seine Eltern aus Deutschland retten, als sie in die USA flüchteten. Der 94-Jährige hat verfügt, dass dieser nach seinem Tod an den Tempel Emanuel in Pueblo gehen soll.

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