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Buchkritik | Beitrag vom 22.08.2020

Judith Zander: "Johnny Ohneland"Vom Glück der Uneindeutigkeit

Von Frank Meyer

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Das Buchcover "Johnny Ohneland" von Judith Zander vor einem grafischen Hintergrund (dtv / Deutschlandradio)
Judith Zander lässt Johnny ihre Geschichte als Selbstgespräch erzählen: komisch, zupackend und erfreulich schnoddrig. (dtv / Deutschlandradio)

Joana will kein Mädchen sein, sie nennt sich lieber Johnny. Doch das Leben eines sexuell nicht festgelegten Menschen ist kompliziert. Judith Zander erzählt von einer Identitätssuche, die auch durchs geteilte Deutschland führt.

"Mich hat’s erwischt, Johnny!", röchelt der Westernheld im Fernsehen, als er sich die letzte Kugel eingefangen hat. Die zehnjährige Joana sieht ihn sterben und beschließt, sich von jetzt an Johnny zu nennen. Sie bleibt dabei, auch wenn an ihrer nordostdeutschen Kleinstadtschule noch so sehr über das "Johnny-Mädchen" gelästert wird.

Judith Zander erzählt in ihrem Roman die Geschichte eines Menschen, der aus den "Kategorienknästen" der Geschlechter auswandert. Johnny ist auch Joana, Frau und Mann, sie will dazugehören und am Rand bleiben, in die Welt gehen und nach Hause kommen.

Sie ist dabei oft zum Heulen einsam und immer wieder kompliziert verliebt in Menschen, die sich wie sie zwischen den Fronten der Geschlechter aufhalten. Eine Geschichte von der Belastung und vom Glück der Uneindeutigen.

Leben auf ungesichertem Terrain

Zwei Reisen strukturieren den Roman. Eine Reise im Raum, bei der die 27-jährige Johnny auf dem Rückweg in ihre Heimatstadt ist. Sie kommt aus Australien, wo sie längere Zeit gelebt hat. Entlang der Tage in Flugzeugen und Zügen erzählt sie ihre Geschichte als zweite Reise in der Zeit, in die entgegengesetzte Richtung, von ihrer Geburt 1981 in der DDR bis zu diesem Weg zurück.

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Ihre Jugendjahre hat ein Abschied in zwei Teile zerschnitten, ihre Mutter verlässt 1998 Ostdeutschland in Richtung Westen, so wie viele andere Frauen aus dem Osten. Johnnys Mutter verschwindet allerdings Knall auf Fall, mit einer wütenden Unabhängigkeitserklärung, sie will ihre Kinder und ihren Mann nicht wiedersehen. Die 17-jährige Johnny lebt danach mit der Frage, ob auch ihre Verweigerung der Mädchenrolle die Mutter in die Flucht getrieben hat.

Ihren ersten Sex erlebt Johnny als Austauschstudentin in Helsinki. Sie ist in einen androgynen Mann verliebt, der sie mit einem denkwürdigen Satz verlässt: "Ich kann nicht immer weiter so tun, als wärst du ein Junge."

Ihre späteren Erfahrungen mit der Liebe werden nicht einfacher. Johnny lebt auf ungesichertem Terrain, ohne den Rückhalt der romantischen, heterosexuellen Tradition. Ihre Liebesgeschichte muss sie selbst erfinden.

Verzicht auf Genderdiskurs-Vokabeln

Judith Zander lässt Johnny ihre Geschichte als Selbstgespräch erzählen: "Du, Johnny, als du damals …" - eine intime und intensive Form, aber auch eine offene Form.

In dieses Selbstgespräch streut die Autorin jede Menge disparates Material ein, Verse von Rilke, Kinderlieder aus der DDR, Songtexte von Patti Smith, finnische Wendungen, plattdeutsche Sprüche. Die Kombination ist oft sehr komisch, zupackend und erfreulich schnoddrig. Höchst gekonnt macht Judith Zander die Stimmungen und Verirrungen ihrer Hauptfigur durch die Art ihres Sprechens nacherlebbar.

"Johnny Ohneland" ist ein erstaunlicher Roman, der einen tief hineinzieht in die Erfahrungswelt eines sexuell nicht festgelegten Menschen und dabei völlig ohne Genderdiskurs-Vokabeln auskommt. Und es ist ein selbstbewusster Roman einer ostdeutschen Autorin.

Auch beim Schreiben über die DDR kommt Judith Zander ohne die gewohnten Signalbegriffe aus, ohne Stasi-Partei-Pioniere-Mauer. Sie macht eine individuelle Erfahrung stark, sehr stark: Die Einzigartigkeit einer Person, wenn es um Geschichte geht und die Offenheit des Liebens.

Judith Zander: "Johnny Ohneland"
dtv, München 2020
528 Seiten, 25 Euro

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