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Länderreport | Beitrag vom 04.09.2020

Judith Holofernes"Ich genieße diese Zwangsvereinfachung des Lebens"

Von Achim Bogdahn

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Judith Holofernes vor einem Gipfelkreuz (Achim Bogdahn)
Judith Holofernes hat schon vor 100.000 Leuten gespielt. Wir waren mit ihr alleine auf dem Großen Müggelberg. (Achim Bogdahn)

Ex-Wir-sind-Helden-Sängerin, Songschreiberin, Autorin: Wir haben mit Judith Holofernes den höchsten Berg Berlins erklommen - und dabei unter anderem über die Hauptstadt, das Musik-Business und die Corona-Pandemie gesprochen.

Urlaub in Deutschland ist das große Thema des Sommers 2020. Corona macht viele andere Urlaubsziele unmöglich. Und so schwärmen die Deutschen aus, in den Harz, auf deutsche Inseln, in die bayerischen Alpen, in die Sächsische Schweiz, an den Rhein. Und entdecken auf einmal Orte und Gegenden, die ihnen vor ein paar Monaten noch ganz exotisch vorkamen.

Ein Ort, der eher wenigen in den Sinn kommt, ist der Große Müggelberg in Berlin. Wir haben ihn trotzdem erklommen – zusammen mit Judith Holofernes, der ehemaligen Sängerin von Wir sind Helden.

"Ich würde am liebsten alle Interviews beim Laufen machen"

Unsere Wanderung auf den Großen Müggelberg – 114 Meter hoch – beginnt auf dem Parkplatz des Kleinen Müggelbergs, 88 Meter. Dort steht ein großes Ausflugslokal mit einem Aussichtsturm aus den 1960er Jahren, also noch aus DDR Zeiten.

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Der Weg führt uns in den Wald, durch den Wald. Es ist ein warmer Sommertag und es fühlt sich richtig gut an: Viel Schatten und viel Grün in der aufgeheizten und von Smog geplagten Stadt Berlin. Judith Holofernes freut sich übers Wandern:

"Ich würde ja am liebsten alle meine Interviews beim Laufen machen. Und in den allerseltensten Fällen sind die Leute dazu bereit. Ich finde, man kann beim Laufen besser denken und man kann im Wald besser denken und überhaupt besser sein. Und wenn ich eine Ausrede habe, in den Wald zu fahren und es Arbeit zu nennen, bin ich sowieso dabei."

"Ich habe Berlin total geliebt"

Berlin ist die Geburtsstadt von Holofernes, auch wenn sie zwischenzeitlich als Kind mit ihrer Mutter weggezogen ist nach Freiburg im Breisgau. Trotzdem erinnert sie sich an die Hauptstadt:

"Ich weiß, dass wir damals an der Mauer waren und dass man das als Kind irgendwie beeindruckend fand, aber nicht genau wusste, warum. Und dann habe ich hauptsächlich so Erinnerungen an meinen Kinderladen in der Urbanstraße. Aber die Erinnerungen sind schon sehr harsch. Also ich erinnere mich schon an noch viel mehr Hundekacke als jetzt. Berlin war ja quasi streugebombt mit Hundekacke. Und alles hatte diese rauen Fassaden, an denen man sich als Kind immer so schrabbt und mit irgendwelchen Fleischwunden nach Hause kommt. Also schon eher harsch. Aber ich habe Berlin total geliebt."

Wir sind Helden standen unter großem Druck

Weswegen sie auch seit dem Studium zurück ist. Judith Holofernes ist berühmt geworden als Sängerin der Band Wir sind Helden. In den Nuller Jahren hat die Band Millionen von Platten verkauft und hatte Hits wie "Aurelie" oder "Denkmal". Beim Wandern spricht sie über den Wahnsinn von damals, als die Band vor 100.000 Leuten bei Rock am Ring als Headliner spielte, aber andererseits der Druck immer größer wurde:

"Das war toll und beeindruckend und wunderschön. Aber es war teilweise auch zu krass. Das ist ein bisschen wie Rennfahrer zu sein. Du weißt, wenn du das Steuer verziehst, dann landest du sofort an der Wand. Die Fahrt macht trotzdem Spaß, aber der Druck, der drauf ist, ist wahnsinnig groß. Man wird halt sehr zum Produkt.

Und dann kommt irgendjemand und sagt, man hätte das neue Album am besten vor drei Monaten abgeliefert. Das Artwork hätte man am besten vor zwei Wochen abgegeben. Ständig ist alles zu spät und es müsste alles viel schneller gehen. Es geht immer ums Nachlegen, man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Und immer nachlegen, nachlegen, nachlegen."

Die Pandemie hat Holofernes’ Alltag ziemlich verändert

Es wurde zuviel. Wir sind Helden haben sich 2012 in Freundschaft getrennt. Judith Holofernes macht seitdem solo weiter. Doch die Pandemie hat auch den Alltag der Künstlerin Judith Holofernes ziemlich verändert.

"Also ich bin tatsächlich eher vorsichtig. Ich fahre Fahrrad und laufe und genieße ehrlich gesagt auch diese Zwangsvereinfachung des Lebens. Was bei mir dazu kommt, dass ich sowieso gerade mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt hatte, im vergangenen November. Und zwar indem ich mein ganzes Kunstgemache auf Patreon verlagert habe."

Patreon ist eine Crowdfunding-Plattform. Hier kann man im Netz als Mäzen seine Lieblingskünstler mit einer kleinen Summe regelmäßig unterstützen. Judith Holofernes hat das Glück, dass viele Menschen ihre Kunst, ihre Musik, ihre Gedichte so gerne mögen, dass sie bereit sind, dafür zu spenden.

Zwischenzeitlich taucht auf der Waldwanderung zwischen den Bäumen plötzlich ein alter weißer Fernsehturm auf, der stillgelegt ist. Der Anstieg ist mehr als moderat, auf einem breiten Schotterweg, niemand begegnet uns, außer einem Kampfjogger und zwei Mountainbikern. Wir biegen ab auf einen kleinen Pfad, über weichen Sandboden.

Mitten im Wald steht hier ein großes Gipfelkreuz. Großer Müggelberg, 114,7 Meter. Der Gipfel im Wald hat einen großen Nachteil: Vor lauter Bäumen kann man nichts von Berlin sehen. Wer das gerne hätte, kann ja zum Fernsehturm am Alex. Der ist mit 368 Metern übrigens auch dreimal so hoch wie der höchste Berg Berlins.

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