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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.07.2015

Juden nach dem Zweiten WeltkriegHeimatlos in der Fremde

Von Birgit Kolkmann

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Israels Staatsgründer David Ben-Gurion auf einer Aufnahme von 1967 (imago/Sven Simon)
Viele Auswanderer kamen noch vor der Staatsgründung Israels durch David Ben-Gurion (imago/Sven Simon)

In seinem Buch "Fremde im neuen Land" hat der Journalist Klaus Hillenbrand 22 Reportagen über deutsche Juden im Palästina der Nachkriegszeit versammelt. Es sind Analysen von erstaunlicher Scharf- und Weitsicht - die einen nachdenklich machen.

Deutschland vor 75 Jahren: Die Städte sind Ruinenlandschaften, über dem Land liegt düstere Depression und überall sind Flüchtlinge, darunter Juden aus Osteuropa und Überlebende aus den Konzentrationslagern. Das Land der Täter ist für die Opfer zur Fluchtburg geworden.

Die Entwurzelten, die Displaced Persons ("DPs"), wollen weiterreisen nach Palästina, in die USA und nach Südamerika. Aber viele schaffen den Absprung nicht, zu restriktiv sind die Einreisebestimmungen. Manchen fehlt schlicht die Kraft. Palästina bleibt dennoch das gelobte Land, das Ziel der Hoffnung. Sie sitzen auf gepackten Koffern und fühlen sich als Fremde im neuen Land.

Nicht anders erging es denjenigen, denen noch während des Dritten Reiches Flucht und Auswanderung gelungen war. Die deutschen Juden erschraken vor Armut und Primitivität Palästinas und erlebten einen Kulturschock – in einem Land für Abenteurer, Handwerker, Landarbeiter, dessen Leben der Wüste abgetrotzt wurde und das sich in Konflikten mit der angestammten arabischen Bevölkerung befand.

Deutschen Einwanderer sprachen kaum hebräisch

Die deutschen Einwanderer waren der Herausforderung nicht gewachsen. Sie sprachen kaum hebräisch und wurden ausgelacht, ihrer Lebensgewohnheiten, ihrer schweren Möbel, ihrer Bibliotheken und ihres Kleidungsstils wegen, bei größter Hitze in Hemd, Weste und Jackett zu gehen.

Cover: "Fremde im neuen Land" von Klaus Hillenbrand (S. Fischer Verlag)Cover: "Fremde im neuen Land" von Klaus Hillenbrand (S. Fischer Verlag)Man nannte sie deswegen "Jeckes", ein Schimpfwort für alle, die sich nicht integrieren wollten, weil sie sich für etwas Besseres hielten - potenziell verdächtig, Verräter an der zionistischen Idee zu sein. So blieben auch sie Fremde im neuen Land.

Einige wurden zu Wanderern zwischen der alten und neuen Welt, als Korrespondenten, Anwälte, Rabbiner oder Angehörige der Jüdischen Brigade in der britischen Armee. Über ihre Eindrücke und Begegnungen berichteten sie im "Mitteilungsblatt", einer Zeitung des Jeckes-Verbandes in Palästina.

22 Reportagen, historische Moment- und Nahaufnahmen, hat jetzt der Journalist Klaus Hillenbrand zusammengestellt. Die Autoren suchten unterwegs im besiegten Deutschland nach alten jüdischen Stätten. In Düsseldorf fand Rabbiner Hans Tramer an der Stelle der großen Synagoge ein Bunkerhotel mit Wohnungen in ehemaligen Luftschutzräumen, aber er traf auf kein jüdisches Leben mehr.

Artur Rosenberg kam 1947 im Saargebiet mit ehemaligen Nationalsozialisten ins Gespräch und hatte das Gefühl, er wäre als Jude niedergeschlagen worden, wenn es die Umstände zugelassen hätten. So trennte er sich ohne Gruß von ihnen, weil er begriff, dass sie die "Vernichtung" der Juden billigten.

Miniaturen und erschütternde Berichte

Die Reportagen sind Miniaturen, erschütternde Berichte, oft Essays und Analysen von erstaunlicher Scharf- und Weitsicht. Es fänden sich darin geradezu prophetische Vorhersagen über den beginnenden Ost-West-Konflikt und Deutschlands Rolle darin, schreibt Herausgeber Klaus Hillenbrand. Er erläutert, porträtiert und würdigt die Autoren, erschließt das Leben der "Jeckes" in Palästina und der "Displaced Persons" in Deutschland für ein junges Publikum.

Es überrascht, mit welchem Schmerz, welcher Neugier und welcher Erwartung Juden aus dem Ausland auf Deutschlands Entwicklung nach dem Dritten Reich schauten. Von Ressentiments oder Schadenfreude ist nichts zu lesen, eher von Genugtuung, dass die Deutschen selbst erleben müssten, was sie anderen angetan haben.

Unverhohlen bewunderten sie das Wirtschaftswunder und staunten geradezu, dass mit Hilfe der Alliierten aus dem Chaos so schnell ein reiches Land hervorging, reicher als das damals immer noch arme Palästina.

"Fremde im neuen Land" ist eine Lese-Zeitreise, ein Kompendium guter Reportagen und eines engagierten Journalismus. Das Buch macht nachdenklich, ja Klaus Hillenbrand setzt sich ausdrücklich für Empathie und Solidarität ein - angesichts eines aktuellen Flüchtlingsdramas in Europa oder der sozialen Krise Griechenlands.

Klaus Hillenbrand: Fremde im neuen Land. Deutsche Juden in Palästina und ihr Blick auf Deutschland nach 1945
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2015
416 Seiten, 24,99 Euro, auch als eBook

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