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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 28.09.2018

Juden im Dreißigjährigen Krieg"Der Ewige fügte es"

Von Christian Röther

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Ein zeitgenössisches Flugblatt aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648), dem auf deutschem Boden ausgetragenen Religions- und Staatenkonflikt, zeigt symbolisch "Die erschröckliche Wirkungen des Kriegs" (picture-alliance / dpa)
"Erschröckliche Wirkungen des Kriegs" bekamen natürlich auch Europas Juden zu spüren. (picture-alliance / dpa)

Der Dreißigjährige Krieg wird bis heute oft als ein Konfessionskonflikt wahrgenommen: Gewalt und Hass unter christlichen Glaubensbrüdern und -schwestern. Doch im Kriegsgebiet vom Mittelmeer bis zur Ostsee lebten vor 400 Jahren auch viele Jüdinnen und Juden.

Prag im Juli 1648. Der Dreißigjährige Krieg ist fast vorbei, doch die Stadt, in der mit dem Prager Fenstersturz alles begonnen hatte, wird noch einmal belagert. Damals leben in Prag knapp 8.000 Jüdinnen und Juden, und auch sie helfen mit, die Stadt gegen die Schweden zu verteidigen. Davon singen sie im "Schwedesch lid":

"Wir Juden Tag und Nacht
mit Wasserkannen gestanden,
ach ernst gewacht.
… dass die Granat nicht kracht."

Auch andere Quellen berichten aus jüdischer Perspektive von der Belagerung Prags, erklärt die Historikerin und Judaistin Martha Keil:

"Zum Beispiel diese Chronik 'Milchama be-Shalom', der 'Krieg im Frieden', beschreibt die aktiven Schanzarbeiten der Juden, die die Aufgabe bekommen haben, das Judenviertel sozusagen zu schützen, wo es eine eigene 'Judenschanz' gab. Also das haben auch die Christen so genannt."

Martha Keil leitet das Institut für jüdische Geschichte Österreichs. Sie hat hebräische Quellen aus dem Dreißigjährigen Krieg ausgewertet. Quellen, die von der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft ansonsten kaum beachtet werden – ganz einfach, weil die meisten Historiker die hebräische Sprache nicht beherrschen. Diese Quellen können unser heutiges Bild von diesem Krieg erweitern, sagt Martha Keil. Und sie zeigen auch, wie die jüdische Bevölkerung sich mit dem Kriegsalltag zu arrangieren versuchte:

"Prinzipiell ist der jüdische religiöse Mensch der Vormoderne der Meinung, dass er mit seinem religiösen Wohlverhalten die Ereignisse beeinflussen kann und Gottes Ratschluss sogar ändern kann. Das heißt, eine Abwendung von Gefahr – dem wird immer entgegengestellt: Gebet, vor allem Bußgebete, und Fasten, Fasttage und Wohltätigkeit, das ist auch ein sehr großer Aspekt."

Wohltätig zeigt sich etwa die Prager Jüdin Hendl Bat Evril Gronim, auf deren Grabstein zu lesen ist:

"In der Zeit des Aufruhrs und des tobenden Krieges trat sie hervor und sandte der erschütterten Herde ein Geschenk von Hunderten Gebetbüchern und Gebetsriemen."

Verwitwete Jüdinnen waren "Gebundene"

Die Gesetze der jüdischen Religion befolgen – manche Vorgabe der Halacha wird im Dreißigjährigen Krieg zur Herausforderung, etwa weil jüdische Männer als Soldaten oder Lieferanten durchs Land ziehen. Wenn diese Männer spurlos verschwinden, ihr Tod aber nicht bezeugt werden kann, können sich ihren Frauen gemäß dem jüdischen Eherecht nicht scheiden lassen und nicht erneut heiraten, sagt Martha Keil:

"Diese Frauen heißen 'Aguna', die sogenannte 'Gebundene' oder die 'Verankerte'. Und für sie haben die Rabbiner versucht, spezielle Erleichterungen zu schaffen. Diese Rechtsgutachten haben wir mehrmals. Und hier ist auch interessant, wie sich sozusagen die harten Fakten des Kriegsgeschehens verbinden mit dem Anspruch der jüdischen Religion, auch in Krisen menschengerecht zu agieren."

Der Krieg wirkt sich aus auf die Religion – und die Religion gibt die Deutungen des Krieges vor. Da sind sich jüdische und christliche Bevölkerung sehr ähnlich: Für beide gibt es Quellen, die das Kriegsgeschehen als den Willen Gottes interpretieren.

Keil: "Also: Der Ewige fügt, dass eine Granate explodiert. Es ist nicht der konkrete Söldner, der sie wirft. Es ist nicht das Material, wo man genau weiß, wie es funktioniert. Es ist der Ewige."

"Als das Haus unseres Gottes bei Sonnenuntergang verbrannte, fügte es der Ewige wegen unserer vielen Sünden, dass die Schweden … mit einem großen Feuerrohr schossen… und es wurden neun Leute getötet. Der Herr räche ihr Blut."

Eine Schilderung der Belagerung Prags, verfasst von dem Chronisten Jehuda Leb. Sie zeigt die jüdische Bevölkerung als Opfer des Krieges. Aber Jüdinnen und Juden waren nicht stärker vom Krieg betroffen als die christliche Bevölkerung – dieser Ansicht sind Martha Keil und ihr Wiener Historiker-Kollege Peter Rauscher:

"Sowohl die Zeitgenossen des 17. Jahrhunderts als auch die moderne Forschung ist sich einig, dass es zu keiner spezifischen antijüdischen Verfolgung kam, also zu Ausschreitungen der Soldateska oder zu gezielten Plünderungen. Im Gegenteil: Beispielsweise bei der Eroberung Prags durch die kaiserlichen-katholischen Truppen wurde diesen Soldaten ausdrücklich verboten, die Judenstadt zu plündern."

Keil: "Aus den wenigen hebräischen Quellen, den Chroniken, die wir erhalten haben, kommt aber heraus, dass die Verfolgungsgeschichte oder das kollektive Gedächtnis, das die Verfolgungen beinhaltet – seit dem ersten Kreuzzug 1096 eigentlich – immer wieder als Topos durchscheint. Und das äußert sich mehr in der Besorgnis und in der Furcht, dass so etwas eintreten könnte, als es dann wirklich real der Fall gewesen ist."

Den Juden wurde ein Extra abgepresst

In den Jahrzehnten und Jahrhunderten zuvor hatten die europäischen Jüdinnen und Juden immer wieder Gewalt erfahren, waren aus vielen Städten vertrieben worden. Sie flohen in ländliche Gebiete oder nach Osteuropa. Dass es im Dreißigjährigen Krieg dann keine spezifisch antijüdische Gewalt mehr gab, dieser Ansicht schließt sich der Historiker Hans Medick nicht an:

"Das ist ein weitgehend unerforschtes Thema. Wichtig scheint mir, dass die Juden im Krieg und durch den Krieg durchgehend diskriminiert wurden. Ihnen wurde durchgehend ein Extra abverlangt und abgepresst."

Also mehr als der christlichen Bevölkerung. Hans Medick ist ein Pionier der Mikrogeschichtsforschung und hat diverse Quellen zum Dreißigjährigen Krieg ausgewertet. Als ein Beispiel für höhere Steuern für die jüdische Bevölkerung nennt er die Stadt Dülmen im Münsterland:

"Hier gab es wiederholt Petitionen von jüdischen Gemeindevorständen gegen diese Extrabesteuerung."

"Und obwohl wir … oftmals bei unseren Herren mit schreienden Augen … gebeten haben, dass uns unsere Beschwernis … möchte gelindert werden, so haben wir dennoch allezeit einen abschlägigen Bescheid bekommen."

Beim Erzbischof von Köln haben die Dülmener Juden schließlich Erfolg. Er befreit sie von den höheren Lasten – aber er hat Hintergedanken, sagt Hans Medick:

"Sein Kalkül in dieser Situation war wohl, dass er an einer dauerhaften höheren Besteuerung der jüdischen Einwohner – nicht nur mit Kriegssteuern, sondern den üblichen Steuern – interessierter war als an einer kurzfristigen Lösung."

In protestantischen Territorien sei die jüdische Bevölkerung zumeist stärker von den hohen Kriegslasten betroffenen gewesen als unter katholischer Herrschaft. Hans Medick nennt die thüringische Stadt Schmalkalden als Beispiel. Quellen zeigten, dass Juden dort nicht nur besonders hohe Abgaben zahlen mussten:

"… sondern wie auch protestantische Pfarrer versuchten, einen Pogrom gegen die jüdischen Einwohner von Schmalkalden zu organisieren, in Form eines Antrags an den Landesherrn, der allerdings vom Landesherrn abgewiesen wurde."

Viele Menschen verdienten an dem Krieg

Es ist wohl wie so oft in der Geschichte der Juden in Europa: Die Obrigkeit hält ihre schützende Hand über sie, aber nicht aus Toleranz oder christlicher Nächstenliebe, sondern aus wirtschaftlichen Interessen.

Rauscher: "Es gab nicht nur die große Bedrohung, die großen Gewalttätigkeiten, das große Sterben im Dreißigjährigen Krieg, sondern wie in jedem anderen Krieg auch genügend Menschen, die daran verdient haben."

Peter Rauscher verweist auf die Kriegsunternehmer, die Geldhäuser, die Kaufleute. Ihnen geht es oft nicht darum, im Krieg die eigene Konfession zu unterstützen, sondern das eigene Vermögen zu vermehren.

Rauscher: "Und auch in diesem Bereich konnten Juden teilhaben, beispielsweise die sephardischen Juden aus Hamburg, die konnten einen sehr ausgedehnten Handel mit der iberischen Halbinsel durchführen – wie die christlichen Kaufleute auch – und dadurch zu Reichtum kommen. Jüdische Pferdehändler, jüdische Provianthändler, jüdische Waffen- und Munitionshändler haben natürlich an diesem Krieg massiv verdient."

Der Dreißigjährige Krieg gilt in der Judaistik als ein Wendepunkt in der jüdischen Geschichte Mitteleuropas. Danach beginnt eine Phase der relativen Sicherheit und Stabilität. Zu dieser Entwicklung beigetragen haben könnte auch die aktive Rolle, die die jüdische Bevölkerung im Krieg gespielt hat – etwa bei der Verteidigung Prags 1648, erklärt Martha Keil mit Blick auf hebräische Quellen aus dem Dreißigjährigen Krieg:

"Wir sehen das dann an den Freudenfeiern nach Kriegsschluss, wo selbstverständlich die jüdische Abteilung sozusagen, das jüdische Viertel ein Teil des Umzugs ist, in ihren traditionellen Gewändern, mit Schofar-Klängen, mit Thora-Rolle. Das heißt: Die Gesamtpräsentation als Stadt beinhaltet die Juden sehr aktiv und sehr selbstbewusst. Also auch das ist ein Aspekt, den wir durch diese Quellen dann lernen können."

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