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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 16.05.2014

JubiläumLondoner Synagoge mit deutscher Geschichte

Von Igal Avidan

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Die Belsize Square Synagogue in London (Igal Avidan)
Die Belsize Square Synagogue in London (Igal Avidan)

Die Belsize Square Synagogue, einst von deutschen Juden gegründet, gilt wegen ihres Lewandowsky-Ritus als "kleine Schwester" der Berliner Synagoge in der Pestalozzistraße.

An diesem Freitagabend feiert die Synagogengemeinde Belsize Square ihr 75. Jubiläum. Aus der Empore blickt man hinunter auf die Bimah aus hellem Holz und auf die himmelblaue Decke, von der kleine Lämpchen den Thoraschrank beleuchten, der mit jüdischen Symbolen und Olivenzweigen verziert ist. Diese Londoner Synagoge erinnert an ihre Wurzeln – und die liegen in Deutschland. In einem Glasschrank bewahrt sie die berühmte Alexander-Thorarolle auf, die aus Berlin stammt. Hier sind auch farbige Glasscherben aus der Synagoge der Oranienburgerstrasse, unter den deutschen Worten "Vergesst es nie" zur Schau gestellt.

Als Magnus Davidsohn, der erste Kantor der Neuen Synagoge Fasanenstraße in Berlin 1939 nach London floh, nahm er die Noten des jüdischen Komponisten Louis Lewandowski mit, die er aus dem abgebrannten Berliner Gotteshaus gerettet hatte. Für gleichgesinnte deutsch-jüdische Flüchtlinge gründete er im Frühling 1939 zusammen mit dem Frankfurter Rabbiner Georg Salzberger in London eine neue liberale Gemeinde - in einer Privatwohnung. Zu diesem Stadthaus, heute renoviert und in einer großbürgerlichen Gegend liegend, führt Gemeindemitglied Antony Godfrey. Er ist Autor einer umfangreichen Studie über die Geschichte dieser Synagoge.

Antony Godfrey: "Wir stehen am Belsize Park 27. Das ist das Haus, in dem alles begonnen hat. Während des Krieges war hier ein Internat für jüdische Mädchen, die mit dem Kindertransport aus Deutschland kamen. Der von Flüchtlingen aus Deutschland gegründete ‚Friendship Club' mietete hier einen einzigen Raum. Während der Gottesdienste musste man auf den Treppen sitzen, weil der Raum so klein war."

Herbert Levy kam 1939 als Neunjähriger mit dem Kindertransport aus Berlin. Die traditionelle Familie konnte anfangs nicht in die Synagoge kommen, denn Levys Vater wurde interniert - als Deutscher!

Herbert Levy: "Meine Mutter und ich 1940 mussten zur Polizei und... wurden interniert auf der Isle of Man, das ist die Insel zwischen England und Irland... Wir waren über sechs Monate da... Wir waren zurück nach London, aber nicht in Freiheit, sondern in einer... Mädchenschule, die evakuiert war und wir wurden dort verhaftet... in dieser Schule und durften nicht raus. Zum Beispiel, ich musste meine Haar schneiden lassen und... jemand musste mich mitnehmen, einer von den Engländern."

Peter Summerfield, Jahrgang 1933, erinnert sich noch an die brennende Synagoge in der Fasanenstrasse. Nur wenige Tage vor Kriegsbeginn gelang der Familie die Flucht nach England. Während sein Vater interniert war, musste er sich mit seiner Mutter und seinem Bruder vor dem Blitzkrieg der Deutschen verstecken, dem 40.000 Engländer zum Opfer fielen.

Peter Summerfield: "Das war natürlich eine furchtbare Zeit in London, wo es alles gebombt worden ist. Da haben wir sogar ungefähr neun Monate in Tottenham Court Road in der Untergrundbahn jede Nacht verbracht. Und wir mussten schon um drei Uhr nachmittags da sein, um überhaupt einen Platz zu finden... Auf dem Bahngleis. Es waren keine Betten... Wir mussten da auf dem Boden schlafen... Auf Mantel oder blankets, Decken."

Während des Krieges wurde in dieser Synagoge immer auf Deutsch gepredigt. Auch die Vorträge und Theateraufführungen waren auf Deutsch. Auf der Straße hingegen trauten sich diese Flüchtlinge nicht, Deutsch zu sprechen.

Sonntags fanden in der Gemeinde Konzerte klassischer Musik mit ausgezeichneten Musikern statt, die aus Deutschland verbannt worden waren, sowie Vorträge auf Deutsch über Goethe.

Antony Godfrey: "Es herrschte Angst und Bedrücktheit, weil sie in einem unbekannten Land mit einer fremden Sprache lebten. Manche waren gerade angekommen, in einem KZ interniert oder hatten ihre Familie zurückgelassen. Frauen, die noch nie Hausarbeit erledigten, mussten plötzlich bis zu 15 Stunden täglich als Putzfrauen schuften und waren erschöpft. Es herrschte daher eine sehr trübe Stimmung in diesem Saal. Aber sobald der Gottesdienst begann und die Orgel und der Chor ‚Ma Tovu' ansetzten, wurde ihr Geist auf einmal gehoben und kein Auge blieb trocken. Sie weinten nicht nur aus Erleichterung und Freude, sondern auch, weil sie an ihren Liebsten zu Hause dachten und daran, was ihnen widerfahren könnte. Die Stimmung war daher bitter-süß. Aber diese Stunde dort war ihnen kostbar, weil sie erinnerte sie an ihr Zuhause."

Ab 1946 kam auch Lilian Levy zu den Gottesdiensten in Begleitung ihrer Tante. Das kleine Mädchen, in London geboren, hatte durch ein Wunder das KZ-Bergen Belsen überlebt – ihre beiden Eltern waren dort verhungert. Sie wurde nach dem Krieg von einer deutsch-jüdischen Familie in London adoptiert, und in der Belsize Square lernte sie ihren künftigen Mann kennen.

Lilian Levy: "In späteren Jahren, um die 50er herum, hat er eine Jugendgruppe geführt, und die habe ich angehört und so hat sich das verbunden.... Ich war 15 und er war da 25. Und ihre Eltern wussten das? Ja, und sie waren nicht sehr begeistert. Mit 21 ist man Majoren und solange habe ich gewartet, damit keiner mehr das verbieten konnte."

(Der liberalen Synagoge gehören 680 Familien an, die aber ein vielfältiges religiöses, kulturelles und soziales Leben führen.) Ein sozialer Treffpunkt sind die drei Chöre, die die liturgische Tradition des liberalen deutschen Judentums bewahren. Diese deutschen Juden ermöglichten auch den finanziellen Erhalt der Gemeinde, dessen Co-Vorsitzender John Abramson ist:

John Abramson: "Unsere Gemeinde erhält keinerlei öffentliche Gelder. Wir finanzieren uns ausschließlich durch unsere Mitglieder. Viele Gemeindemitglieder hinterließen in ihren Testamenten große Summen für die Gemeinde, weil sie leider keine Verwandten hatten. Andere Überlebende erhielten Entschädigungen, die sie der Gemeinde spendeten. Obwohl viele von ihnen mit Nichts nach England gekommen waren, waren sie im Laufe der Jahre beruflich sehr erfolgreich."

Der professionelle Chor singt im Gottesdienst und trat auch beim letzten Lewandowski-Festival in Berlin auf. Manchmal wird er durch den Gemeindechor ergänzt, der aber manchmal auch alleine auftritt. Hillary Solomon, Herbert und Lilian Levys Tochter, singt im Gemeindechor.

Hillary Solomon: "Wir proben und singen in den Gottesdiensten alle sechs Wochen und genießen solche Zusammenkünfte sehr. Dort singen wir viele Lewandowski-Kompositionen, die aus Berlin stammen. Die Flüchtlinge aus Deutschland brachten ihren Gottesdienst 1939 nach Nord-London. Und nach so vielen Jahren setzten wir den gleichen Gottesdienst mit der gleichen Musik fort, mit nur wenigen Aktualisierungen, wie zum Beispiel, dass Frauen aus der Thora vorlesen. Die Orgel und der Chor sind zwei der Gründe, dass Menschen sich dieser Gemeinde anschließen, denn die Musik ist so wunderschön."

Aber die liturgische Tradition und die Hinterlassenschaften der Gründungsmitglieder reichten nicht aus, um die Zukunft der Belsize Square zu gewährleisten. Der Neubeginn begann mit Rabbiner Rodney Mariner 1982, den ersten „nichtdeutschen" Rabbi. Damals war die Gemeinde ernsthaft vom Absterben bedroht: Zwei Drittel der Mitglieder waren über 65 Jahre.

Der junge Australier Mariner löste unter den alten Betern einen Kulturschock aus:

Rodney Mariner: "Die Menschen dachten, dass eine Predigt sehr ernst sein muss. Ich aber dachte, dass, wenn ich ihre Ohren mit einem Witz öffne, kann ich etwas anderes darin einpflanzen, bevor ich weiterziehe."

Rabbi Rodney Mariner hatte mit weiteren Tabus gebrochen. Er hat mitgeholfen, die Gemeinde konservativer zu gestalten und aus dem liberalen Dachverband herauszuführen. Und er erklärte den Frankfurter Würstchen den Krieg:

Rodney Mariner: "Ich wollte die Mitglieder nicht religiös machen, sondern nur die Tür für moderate Orthodoxe öffnen. Kurz vor dem Chanukka-Fest hielten wir jährlich einen Basar ab, wo wir Spenden sammelten und wunderbare Speisen aus unserer Küche anboten. Ich habe veranlasst, dass dort nur noch koscheres Essen zubereitet wird. Dabei hatten wir einige Juden verloren: Sie wollten nicht Mitglieder einer Synagoge sein, wo sie keine Frankfurter essen dürfen."

Aber dafür hat in Mariners Amtszeit die Zahl der Kinder an der sonntäglichen Religionsschule von 30 auf 145 erhöht. Die Gemeinde zählt rund 800 Erwachsene und 500 Kinder. Auch an diesem Sonntag herrscht reges Treiben im Gemeindezentrum. Im Unterrichtsraum lernt ein Dutzend Jungen und Mädchen ein Pessach-Lied auf Hebräisch; die Lehrerin hat den Text in lateinischen Buchstaben auf die Tafel geschrieben. Zur gleichen Zeit probt auf der Empore der Synagoge der Kinderchor. Dieser tritt an jedem Bar- und Bat-Mitzwa-Fest, der jüdischen Konfirmation, auf. Als Kind sang auch Sue Mariner, die Tochter von Berliner Juden, in diesem Chor. Später leitete sie ihn jahrelang.

Sue Mariner: "Ich brachte den Kindern im Chor das Rezitieren der liturgischen Gebete bei. So konnten sie am Neujahrstag Yom Kippur den Kantor teilweise ersetzen, später auch am Neujahrtages Rosh Hashana. Der Kinderchor wurde daraufhin so beliebt, dass ich ihn in einen Junior- und Seniorchor aufteilen musste:"

In den ersten Jahren waren Peter Summerfield und sein Bruder die einzigen Kinder in der Synagoge. Heute ist er einer der Senioren, der die Gemeinde seit 75 Jahren begleitet.

Peter Summerfield: "Wir sind nicht mehr eine deutsche Synagoge. Wir sind eine englische Synagoge, die von deutschen Flüchtlingen gegründet worden ist... Die Musik ist wunderbar, der Gottesdienst ist wunderbar und auch englische Leute haben es sehr sehr gerne.... Es ist eine sehr gute Stimmung hier und das haben Sie vielleicht selber beobachtet, weil Sie hier schon ein paar Tage sind. Das stimmt doch, nee?"

 

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Esther Slevogt, Magnus Davidsohn: "Wir beten Geschichte". Ein großer Berliner Kantor des 20. Jahrhunderts
Hentrich&Hentrich Verlag, Berlin
76 Seiten, 8,90 Euro

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