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Im Gespräch | Beitrag vom 15.07.2020

Journalistin und Bergsteigerin Helga HenggeJeder hat seinen Mount Everest

Moderation: Ulrike Timm

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Die deutsche Bergsteigerin Helga Hengge steht auf dem Gipfel des Mount Everest. (Copyright: Helga Hengge)
Auf dem Dach der Welt: Helga Hengge am Ziel ihrer Träume. (Copyright: Helga Hengge)

Von der Moderedakteurin zur Extrembergsteigerin: Helga Hengge erklomm 1999 als erste Deutsche den Mount Everest – eine Erfahrung, die ihr Leben veränderte. Heute vermittelt sie, wie man Herausforderungen meistern kann.

"Ich liebe das - ans andere Ende der Welt zu fahren und dann an einem Berg zur Ruhe zu kommen." Helga Hengge wollte gleich hoch hinaus. Statt es erst einmal mit der Zugspitze zu versuchen, nahm sie sich einen Siebentausender in den Anden vor. Sie bestieg in der Folge die Seven Summits, die jeweils höchsten Berge der Kontinente.

In der Glitzerwelt

Hengge kam in Chicago zur Welt, wuchs in Bayern auf und landete nach dem Abitur als Praktikantin bei der Zeitschrift "Mädchen", ging dann zur "Vogue" und arbeitete später bis 2003 als Moderedakteurin in New York. Irgendwann hatte sie genug davon, coole Kleidung und hippe Accessoires für Fotoshootings zu organisieren:

"Ich glaube, ich musste raus aus New York und diesem Zirkusleben der Mode. Ich habe das unwahrscheinlich gern gemacht und auch meine Arbeit sehr geliebt. Aber es ist ein solcher Trott und eine solche Schnelllebigkeit gewesen. Ich glaube, ich habe einen Ruhepol gesucht und den erst an der Kletterwand gefunden - und dann in den hohen Bergen."

Als sei ihren ersten hohen Berg bestieg, war Helga Hengge Ende zwanzig. An den Mount Everest wagte sie damals noch nicht zu denken.

"Als ich mich zum ersten Mal bewusst damit auseinandergesetzt habe, gab es nur Bilder von Reinhold Messner und Peter Habeler und diesen strubbeligen Männern mit eingefrorenen Bärten, breiten Schultern und riesigen Rucksäcken. Da war für mich ganz klar, ich wollte die Seven Summits machen, aber es war klar, dass ich den Everest nicht schaffen würde oder gar nicht erst versuchen würde, weil das nicht meine Welt war."

Der höchste Berg ruft

Dann hat es sie doch gepackt. Drei Jahre bereitete sich Helga Hengge auf den Mount Everest vor. 1999 war es dann so weit – das größte Abenteuer ihres Lebens. Im Team war sie die einzige Frau. Nach zwei Monaten am Berg begann der Aufstieg über die Nordseite des Achttausenders. Rechts und links von ihr ging es 3000 Meter in die Tiefe.

"Ganz oben ist nicht viel Platz. Es gehen die beiden Routen zusammen, Nord- und Südseite treffen sich genau am Gipfel, und der ist vielleicht so groß wie zwei, drei Küchentische zusammengeschoben. Es ist nicht viel Platz, und es geht auch ganz schön steil hinunter. Da sind ja viele Gebetsfahnen oben. Es sind tibetische Gebetsfahnen, die zur Ehren der Mutter Göttin, die auf dem Berg wohnt, hochgetragen werden. Da muss man schon aufpassen, dass man mit den Steigeisen nicht hängenbleibt und ausrutscht."

Die deutsche Bergsteigerin Helga Hengge im Porträt. (Copyright: Nico Schmid-Burgk)Helga Hengge: Nachdem sie den Mount Everest bezwungen hatte, wurde sie monatelang von Albträumen geplagt. (Copyright: Nico Schmid-Burgk)

Schrecklich waren die Toten, über die sie hinwegsteigen musste. "Ich habe monatelang Albträume gehabt, das war ganz, ganz schlimm. Ich hatte noch nie einen Toten gesehen in meinem Leben, und der Mensch dort hatte den gleichen Traum wie ich und ist mit seinem Traum gestorben. Das war grauenhaft."

Schule im tibetischen Hochland

Über ihre Erlebnisse in extremen Höhen schrieb Helga Hengge mehrere Bücher. Mit dem Erlös des ersten gründete sie eine Schule in Tzombuk im tibetischen Hochland. Heute hält die 54-jährige Vorträge in Unternehmen und spricht darüber, wie man Herausforderungen meistern kann. Der Mount Everest als Metapher: der hohe, auf den ersten Blick unüberwindliche Berg, der dann doch bezwungen werden kann. An dem man aber auch scheitern kann.

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"Die meisten Menschen sind erstmal erschrocken, wenn der Chef sagt, im nächsten Jahr müssen wir eine Milliarde Umsatz machen. Dann haben alle das Gefühl, das schaffen wir nicht, das ist gar nicht möglich. Und dannf kommt diese Vorfreude, zu sagen, das wäre schon toll, wenn wir das schaffen würden. Diese zwei Pole gibt es im Menschen ja immer, dieses Abenteuerliche, Vorfreude und dann die Angst, die bremst. Es ist auch gut, dass das zusammenwirkt."

Keine Expeditionen mehr - der Familie zuliebe

Wegen ihrer Familie macht die Extrembergsteigerin inzwischen keine großen Expeditionen mehr auf die höchsten Berge. Aber sie schreibt an einem Buch über "Heilige Berge". Heilig, weil sie Wolken anziehen und Regen bringen. Weil sie Himmel und Erde miteinander verbinden. Weil dort die Götter wohnen, wie die Menschen sagen, die an den Bergen wohnen. Helga Hengge kann sich das gut vorstellen.

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