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Im Gespräch | Beitrag vom 03.11.2020

Journalistin Alice Schwarzer"Ich habe die Dinge manchmal so hingenommen"

Alice Schwarzer im Gespräch mit Katrin Heise

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Porträt von Alice Schwarzer. (Laif / Dominik Asbach)
Alice Schwarzer im Frauen Mediaturm in Köln. (Laif / Dominik Asbach)

Seit den 1970er-Jahren verkörpert Alice Schwarzer den Kampf der Frauen für Gleichberechtigung. Ob bei den Debatten über Abtreibung, Prostitution oder das Kopftuch: Schwarzer mischt sich bis heute ein. Dabei wollte sie in den 60ern Innenarchitektin werden.

Einen Text über Alice Schwarzer könnte man mit einem feministischen Witz beginnen. Vielleicht mit diesem: Eine junge Frau will Innenarchitektin werden. Sie bewirbt sich, muss zuvor aber eine Schreinerlehre absolvieren. Handwerklich ist sie nur mäßig begabt, aber sie bekommt den Ausbildungsplatz. Kurz bevor es losgehen soll, die Absage. "In der Handelsschule haben wir keine Damentoilette."

Richtig, das ist kein Witz. Anfang der 1960er-Jahre spielt diese Anekdote, erinnert sich Alice Schwarzer.

Von Beruf Journalistin, nicht Feministin

Also wurde sie keine Innenarchitektin, sondern die bekannteste Feministin Deutschlands. Doch an dieser Stelle sollte man aufpassen. In vielen Artikeln findet man die Berufsbezeichnung: "Feministin".

Das kann Schwarzer gar nicht leiden: "Ich finde es, ehrlich gesagt, sehr ärgerlich. Sicher, ich bin von der Überzeugung und Haltung her Feministin. Ich bin auch Humanist. Ich bin eine echte Pazifistin. So etwas gibt es ja kaum noch. Aber vom Beruf bin ich schon Journalistin."

Nach mehr als 50 Jahren im Kampf für die Frauenrechte, die unendlichen Diskussionen um den Paragrafen 218, die Debatten um Prostitution oder das Kopftuch, die Liste ließe sich fortsetzen, wo stehen die Frauen heute?

"Ich habe Grund zur Freude. Wir sind enorm weit gekommen. Wir sind mit Siebenmeilenstiefeln nach vorne gestürmt. Wo wir heute sind, das hätte ich mir vor 50 Jahren nicht träumen lassen. Also, dass Frauen ins All fliegen, dass es eine Kanzlerin gibt", sagt Schwarzer.

Doch sie spricht auch von "Rückschlägen", die zeitgleich zu beobachten seien: "Wir haben eine Kanzlerin, aber dieselbe Partei hatte vor der Kanzlerin immerhin 30 Prozent weibliche Abgeordnete. Jetzt hat sie nur noch 20. Also, es geht nach oben und gleichzeitig schlägt uns eine tiefe Welle die Füße weg."

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Schwarzer polarisiert, schon die Nennung ihres Namens löst Reaktionen aus. Zwischen Ablehnung und Verehrung changieren die Lager, dazwischen gibt es eigentlich nichts. Mit ihrer Arbeit der vergangenen fünf Jahrzehnten hat sich die Publizisten noch einmal beschäftigt. Gerade ist ihre Biografie erschienen: "Lebenswerk" ist genau genommen schon der zweite Teil.

In "Lebenslauf", geschrieben 2011, schilderte die Journalistin die Zeit zwischen 1942 und 1977, dem Jahr der Geburt bis zum Erscheinen der von ihr begründeten Zeitschrift "Emma". Zusammen macht das fast 1000 Seiten Lebenswerk. Das Schreiben, so Schwarzer, sei auch "eine Konfrontation mit sich selbst" gewesen.

Über sich selbst gewundert

Die scheinbar so unerschütterliche Kämpferin kommt überraschend zu dem Schluss: "Ich habe mich gewundert, dass ich manchmal die Dinge so hingenommen habe. Es war offensichtlich zu viel. Ich habe zwar immer Spur gehalten in dem, was ich vertreten habe, was ich ja immer weiterentwickelt hat. Also über ein Thema wie sexueller Missbrauch von Kindern schreibe ich seit 1977. Aber mich selbst habe ich manchmal versucht, auf Seite zu räumen."

Wenn Schwarzer heute auf Polen schaut, auf die Proteste gegen die Verschärfung des Abtreibungsverbots, dann ist die 77-Jährige "schockiert, aber nicht überrascht. Nicht nur in Polen ist das Recht, eine selbstbestimmte Mutterschaft zu haben, wieder in höchster Gefahr, auch in Amerika."

Ein bisschen die Welt verbessern

Das "Hauptmotiv" ihrer Arbeit lässt Schwarzer bis heute nicht los. Schon vor 20 Jahren, so erzählt die Journalistin, hätte sie den letzten Artikel zum Thema Abtreibungsverbot schreiben wollen. Nun hat sie in der "Emma" wieder einen verfasst. In der Redaktion sei das schon "eine Lachnummer, obwohl das Thema gar nicht komisch ist".

Um "ein bisschen die Welt zu verbessern", erzählt Alice Schwarzer, sei sie damals als junge Journalistin angetreten. Heute, fast ein halbes Jahrhundert an der Spitze der Frauenbewegung, komme oft die Frage auf: Wer folgt ihr nach, wen hat sie neben sich groß werden lassen?

Diese Frage könne sie jedoch nicht verstehen. Denn: "Ich glaube, dass das eine Neiddebatte ist von Medien, Feministinnen, die nicht verstanden haben, dass es die zu besetzende Stelle Alice Schwarzer nicht gibt. Also man kann Dinge tun, die ich auch tue, auch viel mehr tun. Man kann aber nicht Alice Schwarzer sein. Ich bin ich."

(ful)

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