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Interview / Archiv | Beitrag vom 03.05.2016

JournalistenLauter politisch korrekte Volkspädagogen

Norbert Bolz im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Auf einem Tisch stehen ein Dutzend Mikrofone, im Hintergrund sind Journalisten, zum Teil mit Kameras zu sehen.  (picture alliance / dpa / Inga Kjer)
Für die Vertrauenskrise der Medien sind die Journalisten selbst schuld, meint Norbert Bolz. (picture alliance / dpa / Inga Kjer)

Die Mehrheit der Bürger hat wenig Vertrauen in die Medien. Norbert Bolz sieht die Schuld dafür bei den Journalisten. Diese wollten nicht berichten, sondern die Menschen erziehen: "Das ist gerade in der Flüchtlingsberichterstattung deutlich geworden."

Nach Ansicht des Medienwissenschaftlers Norbert Bolz von der TU Berlin sind für das mangelnde Vertrauen vieler Bürger in die Medien die Journalisten verantwortlich.

Misstrauen der Bürger nachvollziehbar

Gerade in den öffentlich-rechtlichen Medien  verstünden sich Journalisten als Volkspädagogen, die die Menschen auf den richtigen Weg führen wollten: Dies sei gerade in der Flüchtlingsberichterstattung deutlich geworden, betonte der Berliner Medienwissenschaftler. "Insofern kann ich dieses Misstrauen dieses großen Teils der Bevölkerung ganz gut verstehen."

Viele Journalisten glaubten, man müsse dem Volk "gewisse Informationen" vorenthalten, "weil es noch nicht reif genug ist, damit umzugehen", so Bolz unter Verweis auf die Ereignisse der Kölner Silvesternacht, als der Migrationshintergrund vieler mutmaßlicher Täter zunächst nicht erwähnt wurde.

"Damals hatten doch alle oder fast alle den Eindruck, die entscheidende Information – so haben es die meisten jedenfalls empfunden – wird weggelassen aus pädagogischen Motiven, um keine Vorurteile weiter zu schüren und, und, und."

"Schlicht berichten, was man weiß"

Um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, müssten Journalisten sich wieder auf ihren ursprünglichen Auftrag besinnen, sagte der Medienwissenschaftler:

"Sich zurückorientieren zu dem ursprünglichen Auftrag, nämlich zu berichten und Nachrichten und Informationen zu übermitteln, ohne Zensur, ohne pädagogische Zwischenüberlegungen, ohne Anpassungen an politische Korrektheit. Schlicht berichten, was man weiß und den Bürgern selber das Urteil zu überlassen."


Das Interview im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Nicht so richtig gut weg kommen die Medien hierzulande, wir – und das müssen wir uns eingestehen an einem Tag wie diesem, der die Pressefreiheit international feiert. Deutschland ist ein Land, das bescheinigen Reporter ohne Grenzen und andere einschlägige Organisationen, mit nahezu uneingeschränkter Freiheit, alles zu drucken, zu senden, zu posten. Und doch gibt es den Vorwurf der "Lügenpresse", und zwar nicht nur am Rande der Gesellschaft, sondern offenbar sehr breit.

60 Prozent der Befragten einer aktuellen Umfrage im Auftrag des Bayrischen Rundfunks glauben, dass als unerwünscht geltende Meinungen ausgeblendet werden und dass es Vorgaben für die Berichterstatter etwa von staatlicher Seite oder den Parteien gibt. Warum dieses Misstrauen? Fragen wir Norbert Bolz, er ist Medienwissenschaftler an der TU Berlin und jetzt in "Studio 9", guten Morgen!

Norbert Bolz: Guten Morgen!

Die Menschen auf den richtigen Weg führen

Frenzel: Warum hält ein so großer Anteil der Deutschen die Medien für gelenkt?

Bolz: Ich glaube, offen gestanden, nicht, dass wir uns sorgen müssen um die Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, so wie Sie es geschildert haben. Das ist in Deutschland vorbildlich. Das Problem ist tatsächlich ein anderes, und darauf reagiert glaube ich diese Empfindlichkeit bis hin zum Vorwurf Lügenpresse, nämlich dass doch sehr, sehr viele Journalisten es nicht dabei belassen in Deutschland zu berichten, Nachrichten zu vermitteln, sondern dass sie, ja, sagen wir es ruhig, erzählen wollen.

Dass ein pädagogisches Moment mit hineinkommt, dass man den Menschen offenbar, ja, nicht geradezu vorschreiben will, was sie sagen und denken sollen, aber sie doch auf den richtigen Weg bringen möchte, das, was man allgemein, wenn Sie so wollen, politisch korrekt, für richtig hält. Und das ist gerade in der Flüchtlingsberichterstattung doch wirklich deutlich geworden. Insofern kann ich dieses Misstrauen dieses großen Teils der Bevölkerung ganz gut verstehen.

Der Professor für Medienwissenschaften an der TU Berlin und Autor, Norbert Bolz, aufgenommen am 19.10.2014 in Köln. Foto: Horst Galuschka/dpa (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)Norbert Bolz (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Unangenehme Annäherung an die Regierungspolitik

Frenzel: Aber gerade in der Flüchtlingsberichterstattung gab es ja auch die ganz andere Welle, wo auf einmal die Sorgen ganz stark in den Mittelpunkt gestellt wurden. Zählt das nicht?

Bolz: Nein, Sie haben vollkommen recht, das gibt es auch. Es ist ja tatsächlich so, dass wir gar nichts wüssten über diese Probleme, wenn es nicht auch andere Berichterstattung gäbe. Auch die Kritik ist immer öffentliche Kritik und findet in den Medien statt. Also so weit in Ordnung.

Aber ich glaube, dieses Moment, dass viele Journalisten – gerade übrigens im öffentlich-rechtlichen Bereich – sich auch nicht nur als Journalisten, sondern als Volkspädagogen verstehen und glauben, man müsste auch tatsächlich gewisse Informationen dem Volk vorenthalten, weil es noch nicht reif genug ist, damit umzugehen, das sind Tendenzen, die doch sehr, sehr stark sich in der letzten Zeit entwickelt haben. Und da müssten die Journalisten vielleicht tatsächlich ein bisschen umdenken, sich zurückbesinnen auf ihren eigentlichen Auftrag, nämlich schlicht Information zu vermitteln.

Deutscher Stolz auf die Gesinnungspresse

Frenzel: Sie sagen, das hat sich entwickelt – also, das ist ein neueres Phänomen?

Bolz: Nun, es gab schon immer in Deutschland mehr als in anderen Ländern das Phänomen der Gesinnungspresse und der Meinungspresse, darauf ist man auch durchaus stolz hier. Aber das entwickelt sich eben immer mehr in Richtung Pädagogik, Erziehung. Und das unterstellt ja, dass wir es im Grunde nicht mit mündigen Bürgern, sondern, ja, mit kleinen Kindern zu tun haben, die man erst noch auf den rechten Weg bringen muss und ihnen beibringen muss, wie man über die Probleme der Welt richtig denkt.

Also, das ist etwas, was ich wirklich auch bedenklich finde. Und da kommt es dann zu unangenehmen Annäherungen des Journalismus an die Regierungspolitik und darauf reagieren die Leute sehr sensibel und eben auch sehr kritisch.

Frenzel: Aber gerade wenn Sie sagen, Stichwort Regierungspolitik: Wir hatten gestern eine große Welle, wo eine Umweltschutzorganisation, Greenpeace, Dokumente veröffentlicht hat, das hat der Regierung sicherlich überhaupt nicht gefallen. "Süddeutsche Zeitung", WDR, NDR, also unsere öffentlich-rechtlichen Kollegen haben da ganz kräftig mitgemacht. Sind das nicht alles Zeichen dafür, dass dieser kritische Reflex da ist, dass er funktioniert?

Kölner Silvesterberichterstattung: Zensur durch Weglassen

Bolz: Nein, Sie haben vollkommen recht, ich habe ja auch gesagt, wir müssen uns keine Probleme über die Meinungsfreiheit machen. Es ist so, wie Sie in Ihrer Anmoderation gesagt haben: Wir werden nicht manipuliert im Sinne von belogen, es geht nicht um Propaganda im primitiven Sinne, sondern es wird doch einiges weggelassen. Und man muss nur zum Beispiel …

Frenzel: Was denn zum Beispiel?

Bolz: Ja, denken Sie nur an den wirklich entscheidenden Punkt für den Umschlag in der öffentlichen Meinung, und das war für meine Begriffe wirklich der Kölner Hauptbahnhof. Damals hatten doch alle den Eindruck oder fast alle den Eindruck, die entscheidende Information – so haben es die meisten jedenfalls empfunden – wird weggelassen aus pädagogischen Motiven, aus politischen Motiven, um keine, wie soll man sagen, Vorurteile weiter zu schüren und, und, und.

Das heißt, da haben die Journalisten tatsächlich etwas anderes gemacht als schlicht berichtet, sie haben nämlich darüber nachgedacht: Was ist gut für das Volk und was verträgt es nicht? Und das sind dann Formen von Zensur durch Weglassen. Und darauf, wie gesagt, reagieren die Menschen doch, wenn sie es herausbekommen, sehr empfindlich.

Eine Frau protestiert am 10.01.2016 in Köln vor dem Hauptbahnhof und dem Dom gegen sexuelle Gewalt mit einem Plakat "Angstfrei leben".  (picture alliance / dpa / Maja Hitij)Protest in Köln gegen sexuelle Gewalt (picture alliance / dpa / Maja Hitij)

Journalisten interessieren sich weniger für die Welt als für andere Medien

Frenzel: Sie haben vorhin von Gesinnungsjournalismus gesprochen. Gerade wenn Sie die Kölner Verhältnisse ansprechen, da habe ich den Eindruck, dass wir vielleicht eher ein ganz anderes Problem haben, dass wir nämlich die journalistische Menge, wenn man sie mal so pauschal bezeichnen darf, eher als Lemminge erleben: dass es erst so eine ganz freundliche, vielleicht auch Informationen oder Teilinformationen weglassende Meinung gegenüber der Flüchtlingspolitik gibt, und dann auf einmal schlägt es in eine komplett andere Richtung um. Fehlt dem Journalismus nicht vielleicht sogar ein wenig Standhaftigkeit?

Bolz: Sehr schöne Formulierung, ich kann es mit der Formulierung eines meiner Kollegen ergänzen: Herr Kepplinger hat mal sehr schön von der Ko-Orientierung der Journalisten gesprochen. Das heißt, es scheint so zu sein, dass die Journalisten sich nicht nur für die Welt interessieren, sondern vor allen Dingen für das, was andere Journalisten berichten. Und ich habe das selbst auch schon oft bemerkt in Zeitungsredaktionen, dass man immer fleißig dabei ist, das zu lesen, was die anderen schon geschrieben haben, und heute ist das mit den Online-Berichten im Internet natürlich ganz ähnlich. Also, vielleicht sollte man sich mehr wieder auf die Wirklichkeit konzentrieren und nicht so sehr auf die reine Medienwirklichkeit.

Zurück zum ursprünglichen Auftrag

Frenzel: Herr Bolz, was ist denn Ihre Handlungsanweisung heute zum Tag der internationalen Pressefreiheit, was sind Ihre Empfehlungen, was sind die Ansagen, die Sie machen, das muss passieren im Journalismus, damit die Glaubwürdigkeit zurückkommt?

Bolz: Sehr, sehr einfach, nur eine einzige Empfehlung: sich zurückorientieren zu dem ursprünglichen Auftrag, nämlich zu berichten und Nachrichten und Informationen zu übermitteln ohne Zensur, ohne pädagogische Zwischenüberlegungen, ohne Anpassung an politische Korrektheit, schlicht berichten, was passiert, was man weiß. Und den Bürgern selber das Urteil überlassen. Ich glaube, das wäre die richtige Strategie, um wieder ganz glaubwürdig zu werden.

Frenzel: Tag der Pressefreiheit, Tag der großen Fragen auch an uns selbst: Woher kommt das Misstrauen gegen die Medien? Danke für die gemeinsame Suche nach Antworten an den Medienwissenschaftler Norbert Bolz, ich danke für Ihre Zeit, Herr Bolz!

Bolz: Sehr gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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