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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.08.2017

Journalist Masoud Aqil Vom IS-Opfer zum Terroristen-Jäger

Masoud Aqil im Gespräch mit Dieter Kassel

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Der kurdische Journalist Masoud Aqil stellt am 28.08.2017 in Berlin sein Buch «Mitten unter uns. Wie ich der Folter des IS entkam und er mich in Deutschland einholte» vor. Neun Monate verbrachte der 24-Jährige in Syrien in der Gewalt der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Die IS-Kämpfer folterten und demütigten ihn. Er musste Schmerzen ertragen und unbeschreibliche Grausamkeiten mit ansehen, bevor er im September 2015 bei einem Gefangenenaustausch freikommt. (zu dpa «Flüchtling aus Syrien: Die IS-Terroristen sind «mitten unter uns»» vom 27.08.2017) Foto: Maurizio Gambarini/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / Maurizio Gambarini / dpa )
Der Journalist Maoud Aqil zu Besuch bei Deutschlandfunk Kultur. (picture alliance / Maurizio Gambarini / dpa )

Der kurdische Syrer Masoud Aqil war neun Monate lang ein Gefangener des IS, bevor ihm die Flucht nach Deutschland gelang. Hier trifft er viele seiner Peiniger, die nun mit seiner Hilfe aufgespürt werden sollen, wie er in seinem Buch "Mitten unter uns" schreibt.

Die Islamisten haben ihn gedemütigt: Sein Alltag in den IS-Gefängnissen war geprägt von Folter und Fanatismus. 280 Tage überlebte der kurdische Syrer Masoud Aqil unter schwesten Haftbedingungen, bis er bei einem Gefangenenaustausch freikam und nach Deutschland flüchten konnte. Aber auch in der Bundesrepublik befinden sich inzwischen einige seiner Peiniger - darunter ehemalige Gefängniswächter, Spione und Soldaten des Islamischen Staates, sagte Aqil im Deutschlandfunk Kultur.

Die Gefahr sei auch in Europa

"In Deutschland, nachdem ich dort angekommen bin, haben mir Freunde und ehemalige Mithäftlinge von IS-Anhänger berichtet, die tatsächlich hier sind." Deshalb habe der Journalist begonnen, zu recherchieren, im Internet, auch über Facebook und Twitter. "Mir wurde klar, auch durch Anschläge in Europa, dass die Gefahr unter uns ist", sagte Aqil. Er habe so viele Informationen wie möglich gesammelt "über diese Leute". Daraus ist ein Buch geworden, das unter dem Titel "Mitten unter uns" gerade erschienen ist.


Das Interview im Wortlaut

Dieter Kassel: Mit Anfang 20 wurde der Kurde Masoud Aqil mitten in seinem Heimatland, mitten in Syrien, von Milizen des sogenannten Islamischen Staats entführt. Dann saß er 280 Tage lang in verschiedenen IS-Gefängnissen, wurde dort gequält und gefoltert. Als einer der wenigen hatte er allerdings am Ende dann doch auch Glück: In einem Gefangenenaustausch kam er frei, war zunächst in seiner Heimat und flüchtete dann nach Deutschland. Und all diese Erlebnisse beschreibt er in seinem Buch "Mitten unter uns", das heute erscheint, und über das ich gestern mit ihm gesprochen habe.

Meine erste Frage an ihn – er spricht übrigens Deutsch, aber wir haben das Gespräch, weil es doch um recht komplizierte Themen ging, auf Englisch geführt, was ihm doch immer noch deutlich leichter fällt als die deutsche Sprache. Also meine erste Frage an Masoud Aqil lautete, wie lange es eigentlich damals nach seiner Freilassung aus der IS-Gefangenschaft gedauert hat, bis ihm klar geworden ist, dass er in Syrien nicht bleiben kann, dass er seine Heimat verlassen muss.

Masoud Aqil: Das war gleich in der ersten Woche, nachdem ich aus dem Gefängnis gekommen bin. Da haben meine Familie und ich das entschieden. Es war zu gefährlich für mich, zu bleiben, und auch die kurdischen Kämpfer haben mir empfohlen, Syrien zu verlassen. Der IS kannte schließlich meine Adresse, wusste alles über mich. Also bin ich nach irakisch Kurdistan gegangen. In Erbil befand sich auch die Zentrale von Ruda-TV, das ist der Fernsehsender, für den ich gearbeitet habe. Eigentlich wollte ich dort mein Leben neu beginnen. Zunächst habe ich nicht an eine Flucht nach Deutschland gedacht. Aber meine Familie hat mich überzeugt, doch zu gehen, so schnell wie möglich.

Kassel: Als Sie dann, also Sie beschreiben das in Ihrem Buch, also Sie haben zuerst da versucht, auf einem Boot von der Türkei aus in die Europäische Union zu kommen. Das hat nicht funktioniert, aber Sie haben es immerhin überlebt. Dann sind Sie über die sogenannte Balkan-Route am Ende tatsächlich nach Österreich und dann nach Deutschland gekommen. Haben Sie damals noch, Sie wissen es heute besser, aber haben Sie damals noch gedacht, wenn ich erstmal in Deutschland ankomme, dann habe ich alles, was mit dem IS zu tun hat, hinter mir, dann werde ich diese Menschen und diese Gefahr nie wieder treffen?

Aqil: Als ich 2015 im Gefängnis war, da habe ich mehrfach davon gehört, dass der IS auch Anschläge in großen europäischen Städten verüben will. Damals habe ich darüber nicht groß nachgedacht, ich war viel zu sehr mit meiner eigenen Situation beschäftigt. Als ich aus dem Gefängnis gekommen bin und erlebt habe, wie Tausende nach Europa fliehen, da hatte ich dann schon die Befürchtung, dass auch gefährliche Leute den gleichen Weg gehen könnten. In Deutschland, nachdem ich dort angekommen bin, haben mir Freunde und ehemalige Mithäftlinge von IS-Anhänger berichtet, die tatsächlich hier sind. Dann habe ich begonnen, zu recherchieren, im Internet, auch über Facebook und Twitter. Mir wurde klar, auch durch Anschläge in Europa, dass die Gefahr unter uns ist. Und ich habe so viele Informationen wie möglich gesammelt über diese Leute.

Auch Anhänger sitzen in IS-Haft 

Kassel: Wenn wir mal ganz kurz noch zurückgehen können, Sie beschreiben das ja auch im Buch, als Sie in diesen verschiedenen Foltergefängnissen des IS waren in Syrien, da sind Sie ja im Gefängnis mehrfach auch IS-Anhängern begegnet, also Menschen, die vorübergehend da im Gefängnis saßen, weil sie gegen irgendeine Regel des Islamischen Staats verstoßen –

Aqil: Ja. Der IS hat nicht nur seine Gegner ins Gefängnis gesteckt, sondern auch viele seiner Anhänger. In Rakka waren bis zu 300 IS-Leute inhaftiert. Mit einigen von ihnen habe ich die Zelle geteilt, sogar das Essen. Obwohl sie auch Häftlinge waren wie ich, haben sie mir gedroht, mich zu töten. Sie hatten sich nicht von ihrer radikalen Mentalität gelöst.

Durch die gemeinsame Zeit im Gefängnis habe ich sehr viel über den IS erfahren. Sie haben sogar Geheimnisse ausgeplaudert, weil sie nicht damit gerechnet hatten, dass ich jemals lebend rauskommen würde. Manche von ihnen haben später in Europa und auch in Deutschland Nachrichten des IS gepostet, teilweise sogar mit ihren eigenen Bildern. Das sind Menschen, die nicht besonders gut ausgebildet sind, man kann auch sagen Idioten, die nicht damit gerechnet haben, dass jemand ihre Accounts verfolgt und Informationen über sie sammelt. Dadurch war ich in der Lage, sehr viel über sie herauszufinden.

Kassel: Sie haben aber auch lernen müssen, das schreiben Sie auch in dem Buch, Sie haben und tun das ja, glaube ich, noch immer, Informationen auch weitergegeben an deutsche Sicherheitsbehörden. Und Sie haben immer wieder feststellen müssen, dass Informationen, wo, glaube ich, für Sie klar war, das ist ein IS-Angehöriger, der ist auch potenziell gefährlich, dass die deutschen Behörden aber eigentlich nichts machen konnten, weil solange er nicht wirklich eine Straftat schon begangen hat oder man beweisen kann, dass das unmittelbar bevorsteht, kann man nichts machen. Das war für Sie, so lese ich das in Ihrem Buch, am Anfang auch ein komisches Gefühl.

Aqil: So war es. Ich wusste ja von Anfang an, dass dieses Land ein Rechtsstaat ist, dass es unmöglich ist, ohne Beweise gegen jemanden vorzugehen, dass es schwer ist, mit Belegen aus Syrien zu beweisen, dass jemand tatsächlich ein Mitglied des IS war. Die Behörden können da wenig tun. Aber sie können die Menschen zumindest kontrollieren und überwachen. Das ist schon mal wichtig.

Nicht alle sind Terroristen

Kassel: Aber durch das, was Sie selbst erlebt haben und selbst beschreiben, entsteht ja auch Misstrauen. Es gibt in Deutschland ja zumindest ein paar Menschen, eher Rechte, die sagen, wir können keinen reinlassen, weil das sind alles Terroristen. Wir wissen ja nicht, was die gemacht haben. Können denn eigentlich deutsche Behörden tatsächlich irgendwie, wenn jemand neu nach Deutschland kommt, auf welchem Weg auch immer, aus Syrien, aus dem Irak, vielleicht auch aus Afghanistan, wirklich unterscheiden, wer vor dem Terrorismus in seiner Heimat flieht und wer hier extra herkommt, um den Terrorismus hierher zu bringen?

Aqil: Das ist unmöglich. Es geht um eine große Zahl von Menschen, das macht es so schwierig. Aber wenn die Behörden Informationen über einige Gefährder haben, ist das erstmal hilfreich. Wir sollten natürlich nicht annehmen, dass alle, die nach Deutschland geflohen sind, Terroristen sind. Das ist die falsche Perspektive. Vielleicht sind es zehn oder Hunderte. Aber diese Zahl ist nicht vergleichbar mit den Tausenden, die hergekommen sind.

Kassel: Sie haben das Buch geschrieben und haben auch schon vorher in Interviews und öffentlich über das gesprochen, was Sie festgestellt haben, worüber wir gerade gesprochen haben. Fühlen Sie sich eigentlich hier in Deutschland persönlich bedroht?

Aqil: Überhaupt nicht. Solange ich in einem sicheren Land lebe, einer sicheren Gesellschaft, sollte ich gar keine Angst haben. Das ist das Hauptziel des IS: Sie wollen, dass alle Menschen sich vor ihnen fürchten. Wenn wir also in Angst leben, dann tun wir das, was der IS will. Wenn wir dagegen stark bleiben und alles tun, um den IS zu bekämpfen, dann ist das der beste Weg, um ihren Terror zu beenden.

Kassel: Glauben Sie denn, dass dieses – "Problem" ist ein harmloses Wort, ich nenne es mal so – das Problem des islamistischen Terrors je weggehen wird? Bevor es den sogenannten IS gab, gab es Al Kaida, gibt es auch immer noch, aber davor galten die ja immer als am gefährlichsten. Wenn vielleicht wirklich in Syrien und im Irak der IS zurückgedrängt wird und er vielleicht wirklich dadurch weniger attraktiv wird auch für Menschen in Europa, wird es wahrscheinlich irgendwann die nächste Organisation geben. Es gibt ja auch viel mehr. Wir sprechen nur immer über eine.

Aqil: Unglücklicherweise sind all die Gründe, die dazu geführt haben , dass der IS entstanden ist, immer noch da. Wir haben im Nahen Osten viele schlechte Regierungen, wir haben immer noch Diktatoren, es gibt immer noch radikal islamistische Strömungen, die sehr stark sind. Das kann zur Gründung einer neuen gefährlichen Gruppe führen. Wir sollten uns also klar machen, wie wir damit umgehen. Wir sollten diese Gruppen nicht als heißes Medienthema präsentieren, sie stärker darstellen, als sie tatsächlich sind. Wir sollten auch die Grenzen schließen, damit sich niemand diesen Gruppen anschließen kann. Die Grenze zwischen der Türkei und Syrien war zwischen 2012 und bis 2015 offen für alle jungen Menschen aus Europa, die sich dem IS anschließen wollten. Das hat schlimme Rückwirkungen. Viele von ihnen sind über die gleiche Grenze wieder nach Europa gekommen. In den nächsten zehn oder 20 Jahren wird es neue, ähnliche Feinde wie den IS geben, da bin ich mir sicher. Aber dann sollten wir uns im Klaren sein, wie wir mit ihnen umgehen.

Kassel: Sagt Masoud Aqil, der Autor des Buches "Mitten unter uns", das heute im Europa-Verlag erscheint. Mit Masoud Aqil habe ich gestern Nachmittag gesprochen, und das Gespräch hat Moritz Behrendt ins Deutsche übersetzt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Masoud Aqil, Mitten unter uns, Wie ich der Folter des IS entkam und er mich in Deutschland einholte, Europa Verlag 2017, 18,90 Euro.

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