Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Donnerstag, 12.12.2019
 
Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.03.2018

Journalist Deniz Yücel nach der türkischen HaftEndlich wieder zum Spaß hier

Von Benjamin Dierks

Podcast abonnieren
Der Journalist Deniz Yücel bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach seiner Haft in der Türkei bei der Veranstaltung "Auf die Freiheit" im Festsaal Kreuzberg in Berlin (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
Der Journalist Deniz Yücel bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach seiner Haft in der Türkei bei der Veranstaltung "Auf die Freiheit" im Festsaal Kreuzberg in Berlin (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Es war sein erster öffentlicher Auftritt nach mehr als einem Jahr in türkischer Haft: Im Berliner Festsaal Kreuzberg berichtete der Journalist Deniz Yücel, wie er sich im Gefängnis darum bemüht hat, sich von Schikanen und Isolationshaft nicht niederdrücken zu lassen.

Deniz Yücel wirft Kusshände ins Publikum, als er auf die Bühne im ausverkauften Festsaal Kreuzberg in Berlin tritt. Es ist sein erster Auftritt in der Öffentlichkeit, nachdem der Korrespondent der "Welt" mehr als ein Jahr ohne Anklage in der Türkei in Haft gesessen hatte. Die Besucher, darunter viele Freunde und Kollegen, begrüßen ihn mit tosendem Applaus. Yücel ist sichtlich gerührt. Er müsse sich jetzt zusammenreißen, damit er nicht gleich anfängt zu weinen, sagt er.

Er wusste sich mit Tricks zu helfen

Deniz Yücel hatte gemeinsam mit seiner Frau Dilek Mayatürk Yücel, seinem Anwalt Veysel Ok und seiner Kollegin Doris Akrap zu Gespräch und Lesung geladen. "Wir sind ja nicht zum Spaß hier", so betitelte Yücel sein jüngst erschienenes Buch. Der Titel stammt von seinem ersten aus dem Polizeigewahrsam geschmuggelten Bericht. Darin beschreibt er, wie die türkischen Behörden ihm gleich zu Beginn seiner Inhaftierung nicht nur das Rauchen verboten – was ihn, wie er sagte, am härtesten traf – sondern auch Stift und Papier.

Yücel wusste sich allerdings mit allerlei Tricks zu helfen. So erschienen auch während seiner Haft einige Berichte von ihm in Deutschland. Diese veröffentlichte er in dem Buch gemeinsam mit einer Auswahl früherer Texte. Seine Unterstützer hatten während Yücels Haft Solidaritätslesungen seiner Texte veranstaltet.   

"Viele Menschen, die an meiner Seite standen"

"Heute aber sind wir zum Spaß hier", sagte Doris Akrap. Denn nun solle Yücels Freiheit gefeiert werden. Der wirkte gelöst bei seinem Auftritt in Kreuzberg. Sein oberstes Ziel, sich trotz Isolationshaft mit ungewisser Dauer und fehlender Anklage nicht unterkriegen zu lassen, scheint Yücel erreicht zu haben. "Mir geht es wirklich gut, und zwar nicht nur, weil ich in Freiheit bin und dieses Jahr Knast ohne Anklageschrift hinter mir gelassen habe. Mir geht es auch deshalb gut, weil ich im Gefängnis unter Umständen, die nicht immer einfach waren, versucht habe, mich nicht fertig machen zu lassen, und es viele Menschen gab, die an meiner Seite standen", sagte er.

Im Gespräch mit Doris Akrap berichtete Yücel, wie er seine ersten Texte mit einer Gabel und Sauce aus der Konservendose schrieb, wie er ein Manuskript in eine Ausgabe des "Kleinen Prinzen" schrieb und Texte teils ohne Wissen seiner Anwälte mit seiner dreckigen Wäsche aus dem Gefängnis schmuggelte.

Deniz Yücel drohen in der Türkei bis zu 18 Jahre Haft. Dem Journalisten wird vorgeworfen, er habe in seinen Texten "Terrorpropaganda" und "Volksverhetzung" betrieben. Yücel sagte, er habe noch nicht entschieden, ob er sich dem weiteren Prozess in der Türkei stellen werde. Sein Anwalt Veysel Ok kündigte aber an, dass er weiter kämpfen werde, um für Yücel einen Freispruch zu erwirken. Kämpfen wollen Yücel und seine Unterstützer auch für die weit mehr als 100 Journalisten, die in der Türkei in Haft sitzen.                        

Mehr zum Thema

Türkei ohne Deniz Yücel - Ein Journalist geht, 155 sitzen
(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 26.02.2018)

Deniz Yücel - Das merkwürdigste Jahr seines Lebens
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 21.02.2018)

Pressefreiheit Türkei - "Die deutschen Medienhäuser müssen hinter diesen Journalisten stehen"
(Deutschlandfunk, @mediasres, 19.02.2018)

Kulturpresseschau

Aus den Feuilletons007 jagt Dr. No
Sean Connery als 007 überreicht Eunice Gaysson als Sylvia in dem britischen Film "James Bond - 007 jagt Dr. No" Casino-Chips. (dpa - Bildarchiv)

"Aus der peitschenden Geliebten wurde eine brave Ehefrau", lesen wir in der "Süddeutschen Zeitung" über Ian Flemmings Partnerin Anne. Und weil ihn fortan die Ehe so sehr langweilte, habe er die titanische Popfigur James Bond erfunden, heißt es.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur