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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 23.01.2014

Joseph GörresNapoleons kluger Feind

Vor 200 Jahren erschien zum ersten Mal der "Rheinische Merkur"

Von Brigitte Baetz

Der Publizist, Politiker und Gelehrter der Zeit der Befreiungskriege, Joseph von Görres, in einer zeitgenössischen Darstellung. Er wurde am 25. Januar 1776 in Koblenz geboren und ist am 29. Januar 1848 in München gestorben. (picture alliance / dpa)
Der Publizist, Politiker und Gelehrte der Zeit der Befreiungskriege, Joseph von Görres, in einer zeitgenössischen Darstellung (picture alliance / dpa)

Joseph Görres gilt als Vater der katholischen Publizistik in Deutschland. Napoleon soll ihn als "feindliche europäische Großmacht" bezeichnet haben. Görres Ruf als unerschrockener politischer Journalist wurde durch den "Rheinischen Merkur" begründet.

"Zu mehr als einer gewöhnlichen Zeitung möchte die neue Redaktion dies Blatt erheben, nach ihrem Wunsche, und wenn die Mitbürger ihren Beistand nicht versagen, soll sie eine Stimme der Völkerschaften diesseits des Rheines werden."

Die erste Ausgabe des Rheinischen Merkur vom 23. Januar 1814 ließ bereits erkennen, dass dies ein Blatt werden sollte, das den Kampf um die Zukunft der deutschen Nation aufnehmen wollte. Meinungsstark würde es sein und durchaus tendenziös. Denn es war die preußische Obrigkeit gewesen, die den Koblenzer Publizisten Joseph Görres zum Herausgeber bestimmt hatte. General Blücher war am Neujahrstag 1814 über den Rhein gesetzt. Napoleons Truppen waren in Bedrängnis, aber nicht endgültig besiegt. Görres nun sollte aus dem "Mercure de Rhin", der während der französischen Besatzung der Rheinlande entstanden war, ein deutsches Propagandainstrument gestalten – ein Ansinnen, aus dem Görres auch keinen Hehl machte.

"Wie in den wenigen Tagen (...) unser Land eine andere Gestalt gewonnen, und ein gänzlicher Umschwung alle Verhältnisse umgekehrt, so soll auch diese Zeitung in Geist und Fassung der vorigen nicht mehr ähnlich sehen. Unter der strengen Zucht einer in diesem Fache überaus argwöhnischen Polizey konnte diese nichts als der elende Nachhall elender Pariser Blätter werden; ein Kanal mehr, durch den die Lüge und nichtswürdige Politik die Provinzen mit ihrem Gift tränkte."

Nicht immer war Joseph Görres dem "Gift der Franzosen" gegenüber immun gewesen. Wie so viele Intellektuelle seiner Zeit war der 1776 geborene Sohn eines Holzhändlers in seiner Jugend ein begeisterter Jakobiner und Verfechter der Französischen Revolution. In seiner ersten Zeitung "Das rothe Blatt" beschrieb er seine Anliegen als Publizist so:

"Der Pfaffheit werden wir die Larven abziehen, Heuchler verfolgen, gesunde Ideen überall in Umlauf setzen und dem Republikanismus einen vollständigen Sieg über seine lichtscheuen Gegner erkämpfen helfen. Unterstütze uns in unserer Bemühung, erhabener Schutzgeist der Freiheit."

Vier Tage die Woche Polemik gegen Napoleon

Görres fuhr sogar nach Paris, um für den Anschluss der linksrheinischen deutschen Gebiete an Frankreich zu werben. Doch die Realität der politischen Verhältnisse -  die napoleonische Diktatur - ernüchterte ihn. In Deutschland zudem von der Zensur verfolgt, zog sich Görres zwischenzeitlich in den geistigen Schutzraum von Universität und Schule zurück. Doch die sogenannten Befreiungskriege gegen Napoleon brachten der jungen Nationalbewegung im politisch zersplitterten Deutschland Auftrieb.

Görres nutzte die Chance, die sich ihm 1814 mit der Herausgabe des Rheinischen Merkur bot. Viermal pro Woche agitierte er dort gegen Napoleon – aber er setzte sich auch für eine freiheitliche Verfassung eines föderalistischen Deutschland ein. Die Zeitschrift sorgte in ganz Europa für Furore, denn Görres war bestens über die Kriegsverläufe informiert. Sogar Goethe machte dem Herausgeber in Koblenz seine Aufwartung. Doch drückte die preußische Zensur nur so lange ein Auge zu, wie Napoleon eine Gefahr war. Zu sehr focht Görres für eine Veränderung der deutschen Politik, als dass es der bald einsetzenden Restauration recht sein konnte. Als Napoleon für kurze Zeit aus der Verbannung zurückkehrte, schrieb Görres:

"Ihr Fürsten, lasst durch die Stimmen eurer  Völker euch beschwören, zerreißt endlich die Netze, die euch verstricken. (...) Wie ein neues Heer geschaffen worden und ein frischer Geist im Felde jene Wunder hervorgebracht, so muss auch im Cabinet in den Gamaschendienst der Diplomatie endlich ein neues Leben kommen, die Politik muss sich verjüngen und der Quell frischer Jugendkraft nicht länger in die Wüste abgeleitet werden, dass er die Höfe tränke."

Am 3. Januar 1816 wurde der Rheinische Merkur per preußischer Kabinettsorder verboten. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan – und war mit seiner Kritik an Deutschlands Fürsten über sein Ziel hinausgeschossen. Görres musste ins Exil nach Straßburg und später nach München gehen. Er wandte sich der Religion zu und begründete in den Folgejahren eine Tradition der katholischen Publizistik in Deutschland, die bis in unsere heutige Zeit Bestand hat.   

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