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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.10.2018

Joseph Croitoru: "Die Deutschen und der Orient"Wo die Wurzeln der heutigen Islamdebatte liegen

Von Wolfgang Schneider

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(Cover: Hanser-Verlag, Foto: Markus Becker / dpa)
Coverabbildung Joseph Croitoru: Die Deutschen und der Orient (Cover: Hanser-Verlag, Foto: Markus Becker / dpa)

Zwischen Orientverklärung und Islamophobie: Dass viele Deutsche eine ambivalente Haltung gegenüber dem Islam einnehmen, ist keineswegs ein neues Phänomen. Es zeigt sich bereits bei den Aufklärern des 18. Jahrhunderts, wie Joseoph Croitoru deutlich macht.

Neben dem "Abendland" werden in heutigen Islamdebatten gerne die Werte der Aufklärung beschworen. Grund genug, sich einmal genau anzusehen, wie es die Aufklärung im 18. Jahrhundert denn mit der islamischen Welt gehalten hat. Der Historiker Joseph Croitoru hat das überfällige Buch zu diesem Thema geschrieben.

Eine aufklärerische Leitidee ist die Toleranz, wie sie in Lessings Drama "Nathan der Weise" zum Ausdruck kommt. Sie zielt auf interreligiösen Dialog, auf Verständigung. Zur Aufklärung gehört aber auch der religionskritische Impetus im Namen von Vernunft und Wissenschaft, der freigeistige Protest gegen Propheten, Priester und Prälaten aller Art. Schon hier zeigt sich eine grundlegende Ambivalenz, die keine einsinnige Haltung zum Islam zulässt.

Aus Machtkalkül islamfreundlich

Voltaire bezeichnete das Osmanische Reich, das noch über weite Teile Südosteuropas herrschte, als "Würger des schönen Griechenlands" – der wachsende Philhellenismus trug bei zur Islamophobie der Aufklärung. Viele Autoren waren zudem geprägt von ihrer protestantisch-christlichen Herkunftswelt und übernahmen daraus manche Vorurteile: etwa jenes, nach dem Mohammed ein "Betrüger" gewesen sei, der eine Religion aus machtpolitischen Erwägungen "erfunden" habe. Dieses Motiv findet sich auch in Voltaires populärem Drama "Mahomet der Prophet", das Friedrich II. sehr schätzte.

Ein Denkmal Friedrich des Großen (1712-1786) - Friedrich II. - in Kloster Zinna (picture alliance / dpa / Ralf Hirschberger)"Die einzige Sekte, die in diesem Land noch fehlte" - Preußenkönig Friedrich II. war der Islam genauso wie alle anderen Heilslehren egal. (picture alliance / dpa / Ralf Hirschberger)Wenn der Philosophenkönig ab 1749 jedoch eine islamfreundliche Position einnahm, waren dafür machtpolitische Erwägungen ausschlaggebend. In der Furcht vor einem gemeinsamen Angriff von Russland und Österreich suchte er die Allianz mit dem Osmanischen Reich. Der preußischen Presse legte Friedrich nun muslimfreundliche Töne nahe. Und er provozierte den "Türkenhasser" Voltaire mit dem Plan, "tausend mohammedanische Familien" in Preußen anzusiedeln, dies sei "die einzige Sekte, die in diesem Land noch fehlte" – die religiöse Toleranz des Königs ging offenbar mit großer Gleichgültigkeit gegenüber den konkurrierenden Heilslehren einher. Im engeren Kreis äußerte er sich im Übrigen verärgert über die "Bestechlichkeit" der Orientalen.

Provokation der protestantischen Orthodoxie

Croitoru referiert nicht nur die Standpunkte der Autoren zwischen Orientverklärung und Islamophobie, sondern schaut genau auf die Hintergründe und Kontexte. Wie etwa erklärt sich Lessings Islamfreundlichkeit? Es zeigt sich, dass er damit auch eine publizistische Strategie verfolgte, die ihm als jungem Autor in Berlin im Zeichen der neuen Pressepolitik Friedrichs II. Aufmerksamkeit versprach.

Seine Besprechungen zeitgenössischer Orient-Literatur sind von einer gewissen manipulativen Einseitigkeit gekennzeichnet: Islamkritisches wird bewusst verschwiegen. Lessings milde Darstellung Sultan Saladins als Musterbeispiel eines aufgeklärt-toleranten Herrschers im "Nathan" war zudem eine gezielte Provokation der protestantischen Orthodoxie; das dogmatische Christentum schneidet im Drama deutlich schlechter ab als der Islam.

1771 erschien die erste Koran-Übersetzung aus dem Arabischen von David Friedrich Megerlin, die allerdings einen rein polemischen Zweck verfolgte; sie wollte die Minderwertigkeit des Islam beweisen. Und war offenbar selbst ziemlich minderwertig. Der junge Goethe hat sie verrissen; auch er entwickelte großes Interesse an orientalischer Poesie und an der Figur des Propheten Mohammed. Sein geplantes "Mahomet"-Drama blieb allerdings Fragment.

Das Bild der Aufklärung wird erweitert

Zunehmend schwankte die deutsche Öffentlichkeit "zwischen Türkenhass und Osmanen-Apologetik". Vor dem Hintergrund der Türkenkriege mit Russland und Österreich verschärfte sich die Polemik. Martialische Rhetorik und die Verwendung fragwürdiger Orient-Klischees findet Croitoru nicht nur bei heute vergessenen Größen wie Johann Wilhelm Ludwig Gleim, sondern auch bei einem der bedeutendsten Schriftsteller der Epoche: Christoph Martin Wieland. Für diesen Aufklärer war das Osmanische Reich nur ein Schreckbild des Despotismus, der Serails und der Christenverschleppung.

Man liest Croitorus erhellendes, überaus facettenreiches Buch unweigerlich im Hinblick auf heutige Debatten und Gereiztheiten. Und staunt darüber, wie tief deren Wurzeln sind. Dieses Werk erweitert unser Bild der Aufklärung auf unerwartete Weise.

Joseph Croitoru: "Die Deutschen und der Orient. Faszination, Verachtung und die Widersprüche der Aufklärung"
Verlag Carl Hanser, München 2018
416 Seiten, 28 Euro

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