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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.02.2018

Josefine Rieks: "Serverland" Abschied vom digitalen Irrsinn

Von Knut Cordsen

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Die Ausgangsidee des Romans "Serverland" ist durchaus reizvoll. Leider hält Josefine Riecks den Ton nicht, findet unser Rezensent. (Hanser; Imago/DATA73)
Die Ausgangsidee des Romans "Serverland" ist durchaus reizvoll. Leider hält Josefine Riecks den Ton nicht, findet unser Rezensent. (Hanser; Imago/DATA73)

In einer fernen Welt, die sich vom Internet abgewandt hat, spielt Josefine Rieks' Debütroman "Serverland". Ein paar junge Leute sammeln sich darin um einen Nerd, der alte Rechner zum Leben erweckt. Gemeinsam spielen sie die digitale Zeit nach - und mehr passiert leider nicht.

Irgendwann nach 2021 spielt dieser Roman. Irgendwann nach dem "Shutdown", nach der "Stilllegung des Internets". Für diese Abkehr von aller digitalen Vernetzung hat sich eine Mehrheit der Bevölkerung ausgesprochen, so dass die jungen Leute in Josefine Rieks Fiktion überhaupt nicht mehr wissen, wie das mal war, als man einander auf Facebook die anderen großzügig an seinem Privatleben teilhaben ließ: Fotos und Mitteilungen, "geschrieben von unseren Eltern. Von einer ganzen Generation, die ihre Gedanken allen anderen zugänglich gemacht hatte. Sie hatten sich etwas davon versprochen, etwas Unklares, das sie nicht beschreiben konnten".

Durchaus reizvoll, die Ausgangsidee dieses Romans. Eine Vertreterin der sogenannten Millenials malt sich eine Welt aus, in der das ständige Starren auf Smartphones völlig aus der Mode ist und Münztelefone wieder genutzt werden. Eine Welt, in der Adoleszente darüber staunen, dass damals in der "digitalen Ära" Youtube "eines der wichtigsten sozialen Medien" war – und das, obwohl die viel geklickten Clips in ihren Augen absolut "nichtssagend" sind. Ungläubig sehen sie sich als historisches Dokument eine von 1996 datierende "Schwarz-Weiß-Aufnahme eines Mannes" an, "der vor einem Mikrophon saß und von einem Zettel ablas".

Gemeint ist die allzu hoffnungsfrohe "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace" vom jüngst verstorbenen John Perry Barlow an. Beim Anblick eines merkwürdigen Männer-Strip-Videos müssen sich die Nachgeborenen belehren lassen: "It’s feminist… You just don’t know how strong feminism in the social networks was."

So weit, so lustig, doch leider macht die Autorin aus diesem guten Einfall – aus der Zukunft auf unsere Gegenwart zu blicken und diese so zu erhellen - zu wenig.

Das Netz wird mit Autobatterien zum Leben erweckt

Die Geschichte ist kurz gefasst die, dass der bei der Deutschen Post in Berlin arbeitende Nerd Reiner in einer nahen Zukunft in den Niederlanden Laptops wie Lumpen sammelt – hier ein MacBook Air, da einen DELL. Dann entdeckt er Serverschränke und erweckt mit Hilfe von Autobatterien das Netz, das doch längst abgeschaltet ist, zu neuem Leben. Das finden Miriam, Marco, Jonny und wie sie alle heißen, die auf dieser Kommunikationsindustriebrache hausen (es handelt sich um ein ehemaliges Google-Gelände, das man sich wie von Gerhard Seyfried gezeichnet vorstellen kann), irgendwie cool. 

Sie bewundern Reiner mit seinem "ganzen IT-Plunder". Sie sitzen so wie ihre Großeltern in "Plenumsdiskussionen" beisammen, wollen eine "Bewegung" gründen, weil doch der digitale "Kommunismus" das Alleinsein überwinden hilft und Freiheit verspricht. Sie finden den Gedanken des "Teilens" wahnsinnig kühn: Hieß es in Dave Eggers’ realitätsnahem "The Circle" noch "Sharing is caring", so müsste in "Serverland" das Motto lauten: Sharing is daring.

Das Problem dieses Buches besteht darin, dass Josefine Rieks den Ton nicht hält: Nur gelegentlich blitzt Sarkasmus in diesem dünnen Erstling auf. Das ist bedauerlich, denn so läuft die Geschichte irgendwann aus, und am Ende steht eine dreiseitige Liste aller im Roman zitierten Youtube-Links – lauter Belege des grassierenden digitalen Irrsinns. Als traute die Autorin ihren eigenen Worten nicht.

Josefine Rieks: "Serverland" 
Hanser Verlag, München 2018
176 Seiten, 18 Euro

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