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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.10.2020

Josef Oberhollenzer: "Zuber"Der polyfone Sound Südtirols

Von Dirk Fuhrig

"Zuber oder Was werden wir uns zu erzählen haben" von Josef Oberhollenzer (Deutschlandradio/Folio-Verlag)
Aufgebaut wie eine Sammlung von mündlichen Überlieferungen und zugleich wie ein wissenschaftliches Werk: "Zuber" von Josef Oberhollenzer. (Deutschlandradio/Folio-Verlag)

Ein schreibender Zimmermann erkundet das Leben in einer Südtiroler Dorfgemeinschaft. Einen linearen Erzählstrang gibt es in Josef Oberhollenzers "Zuber" nicht, dafür aber einen aufregenden Stil, der eine wundervolle Zumutung ist.

Vitus ist der Protagonist, um den herum dieses Buch konstruiert ist. Es ist derselbe Zimmermann, von dem der vor zwei Jahren erschienene Roman "Sültzrather" seinen Titel hatte. Vitus Sültzrather stürzte von einem Baugerüst, ist seitdem querschnittsgelähmt und muss im Rollstuhl sitzen. Er fängt an, literarische Texte zu schreiben. Doch kaum ist er damit fertig, vernichtet er alles wieder. Josef Oberhollenzer setzt diese Erzählung eines am Leben und Schreiben Verzweifelnden nun fort. In "Zuber oder Was werden wir uns zu erzählen haben" erkundet er die Umstände der Existenz dieses schriftstellernden Zimmermanns und der Südtiroler Dorfgemeinschaft über fast ein gesamtes Jahrhundert hinweg.

Weltgeschichte vor Dorfkulisse

Josef Oberhollenzer verknüpft das Schicksal der Familie Sültzrather mit dem Weltgeschehen. "Zuber" – das ist der ältere Bruder des Protagonisten, der im Frühjahr 1929 tot geboren wurde. Der Fötus wurde unter ungeklärten Umständen "entsorgt", weil er nach religiöser Vorschrift nicht in geweihter Erde bestattet werden durfte. Dieser Vorfall wird als Familiengeheimnis behandelt. Ebenfalls im April 1929 werden in einer Nacht zahlreiche Männer des Dorfs verhaftet und gequält; einige von ihnen sollen für die Ermordung dreier italienischer Carabinieri verantwortlich sein. Die Folterberichte sind ein weiteres Tabu in dieser dörflichen Gemeinschaft, in der das Verschweigen oder Verstummen oft beredter ist als das Erzählen.

In Italien ist Mussolini an der Macht, der die nach dem Ersten Weltkrieg von Österreich-Ungarn abgespaltene Provinz Südtirol zu "italianisieren" versucht. Deutsche Bücher werden verboten, die Sprache zurückgedrängt. In Bozen lassen die Faschisten ein ganzes neues Stadtviertel für Italiener errichten. Dieser "Einbruch der Geschichte in die Geschichten", wie es an einer Stelle heißt, ist der Kern, um den sich die Erzählung dreht, die konsequent aus der Perspektive des abgelegenen – fiktiven – Dolomitendorfs Aibeln berichtet wird.

Roman mit Fußnoten

Oberhollenzers Stil ist das eigentlich Aufregende an diesem Roman. Es gibt keinen linearen Erzählstrang. Das Buch ist aufgebaut wie eine Sammlung von mündlichen Überlieferungen. Einer sagt, ein anderer habe gesagt, dass ein dritter dies und jenes berichtet habe … Erinnerung aus zweiter und dritter Hand, überwiegend im Konjunktiv.

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Die geschichtliche Wahrheit ist ein Konglomerat aus Versatzstücken. Zitate aus dem fiktiven literarischen Werk Vitus Sültzrathers werden dokumentiert und kommentiert. Zeitungsmeldungen spiegeln die Zeitläufte von den 20er-Jahren bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Dazu kommt ein Gestrüpp an Fußnoten und Anmerkungen, als handele es sich um ein wissenschaftliches Werk und nicht um einen Roman. Das gibt dieser Erzählung "vom Hörensagen" den Anschein einer Objektivität – die es aber eben gerade nicht gibt, denn auch den Marginalien kann man nicht ohne Weiteres trauen.

Eine wundervolle Zumutung

Das Buch ist eine Zumutung: in konsequenter Kleinschreibung verfasst, die nur Eigen- und Ortsnamen große Anfangsbuchstaben gestattet, irritiert es auch durch die vielen Einschübe, Annotationen und Schriftsteller-Zitate – von Franz Kafka über Hans Henny Jahn bis Durs Grünbein oder Peter Kurzeck. Das wirkt hier allerdings nicht wie eine Zurschaustellung von Belesenheit, sondern wie ein flauschiges Wollknäuel aus literarischen Fäden, in das der Leser sich wohlig hineinfallen lassen kann. Die langen räsonierenden Sätze erinnern stellenweise an eine Suada Thomas Bernhards, dann wieder tritt die Collagetechnik in den Vordergrund.

Was sich so kompliziert und komplex anhört, fügt sich beim Lesen zu einem wundervollen, wahrhaft polyfonen Sound, in dem die bäuerliche Dorfwelt Südtirols, das verzweifelte Schweigen der Männer und die Zeitgeschichte vor der Südtiroler Bergkulisse zusammenklingen.

Josef Oberhollenzer: "Zuber oder Was werden wir uns zu erzählen haben"
Folio-Verlag, Wien/Bozen 2020
208 Seiten, 22,00 Euro

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