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Buchkritik | Beitrag vom 15.06.2019

José Eduardo Agualusa: "Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer"Freier Blick auf die Verwerfungen in Angola

Von Sieglinde Geisel

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Im Vordergrund ist das Cover des Buches "Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer". Im Hintergrund ist eine Aufnahme der angolanischen Hauptstadt Luanda vom Meer aus. (C. H. Beck / Imago / Nature Picture Library/ Graham Eaton)
Schauplatz des Romans "Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer": Die angolanische Hauptstadt Luanda. (C. H. Beck / Imago / Nature Picture Library/ Graham Eaton)

Der Krieg wirkt in Angola immer noch nach. In dem Roman "Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer" von José Eduardo Agualusa geht es um die jüngste Vergangenheit des Landes. Hintergründig und spannend erzählt, findet unsere Kritikerin.

Der angolanische Autor José Eduardo Agualusa entspricht in verschiedener Hinsicht nicht unserem Bild eines afrikanischen Autors: Zum einen, weil die portugiesischsprachige Literatur Afrikas weniger bekannt ist als die Literatur der beiden anderen Kolonialsprachen. Zum anderen, weil Agualusa kein Schwarzer ist.

Rassenfragen sind in dem vielstimmigen Roman ein eher ironisch behandeltes Nebenthema. Daniel Benchimol, der Icherzähler des Romans "Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer" hat weiße und schwarze Vorfahren. Er sagt, als Kind sei ihm nicht einmal klar gewesen, wie man sein muss, um weiß oder schwarz zu sein.

Die Folgen des Bürgerkriegs

Die eigentlichen Themen des Romans sind die blutige Vergangenheit Angolas – die Bürgerkriege nach der Unabhängigkeit – Angst, Schuld und der Wunsch nach Freiheit. Trotzdem ist "Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer" kein politischer Roman im engeren Sinn. Virtuos verbindet José Eduardo Agualusa in seiner Prosa Politik und Poesie, Realismus und Fantastik.

Die titelgebenden Träume erweisen sich als ungemein produktives erzählerisches Werkzeug. Der Icherzähler Daniel Benchimol träumt von Menschen, die es gibt, die er aber nicht kennt. Der Hotelier Hossi wiederum, bei dem Daniel gelegentlich absteigt, kann nicht mehr träumen. Dafür erscheint er in den Träumen anderer, und niemand weiß, warum er dabei immer ein lilafarbenes Jackett trägt.

Auf Druck des Schwiegervaters entlassen

Die Träume verleihen dem von Michael Kegler wunderbar übersetzten Roman eine schillernde Oberfläche, die immer wieder aufreißt und den Blick freigibt auf die Verwerfungen des Landes. Daniel versucht, als Journalist integer zu bleiben und wird auf Druck seines Schwiegervaters entlassen, der im korrupten Angola so manche Fäden zieht.

Hossi wiederum hatte sich mit 17 Jahren der UNITA angeschlossen, "in der entsetzlichen Kinderzeit unseres Landes", nun holt die Schuld ihn ein. "Der Krieg dauerte einfach zu lang. Irgendwann hörten wir auf, noch zu wissen, warum wir uns töteten. Wir töteten nur noch aus Gewohnheit."

Die Gefängnis sitzt im Gefängnis

Der Icherzähler Daniel ist nicht die einzige Erzählstimme. In Briefen, Tagebüchern, Gesprächen hören wir ganz verschiedene Ichstimmen, so etwa die südafrikanische Künstlerin Moira, die durch die Träume in Daniels Leben tritt. Durch diese Montage entsteht eine doppelte Spannung: Man möchte nicht nur wissen, wie es weitergeht, sondern auch, wie die überraschenden, hintergründig miteinander verknüpften Geschichten erzählt werden.

Oft geht es um die Vergangenheit. "Der Krieg schläft nur", sagt Hossi. Doch Daniel ist als Icherzähler in der unmittelbaren Gegenwart situiert. Seine Tochter Karinguiri sitzt im Gefängnis, sie gehört zu den "Revus", einer Gruppe jugendlicher Revolutionäre. Angst lasse sich nicht verhindern, schreibt die 17-Jährige ihrem Vater in einem Kassiber. "Aber man kann sich gegen die Angst vor der Angst entscheiden."

Ironisch gefärbtes Happy End

Am Ende träumen alle Bewohner der angolanischen Hauptstadt Luanda den gleichen Traum: Der inzwischen gestorbene Hossi lässt den langjährigen Präsidenten des Landes buchstäblich schrumpfen, bis dieser gesteht, warum er die Jugendlichen eingesperrt hat: "Sie fürchten sich nicht, und das ist ansteckend!"

Das Buch endet mit einem Epilog des Icherzählers, ein ironisch gefärbtes Happy End, mit dem Agualusa auf raffinierte Weise die politische Gegenwart Angolas spiegelt. Der Epilog ist auf den März 2017 datiert: In diesem Jahr hat sich der Präsident José Eduoardo dos Santos, der Angola seit 1979 regierte, nicht mehr zur Wiederwahl gestellt.

José Eduardo Agualusa: "Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer." Roman
Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler
C. H. Beck, München 2019
302 Seiten, 22 Euro

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