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Friedhofsbesuche mit Schriftstellern / Archiv | Beitrag vom 30.08.2013

Jorge Enrique Adoum

Baum des Lebens, Quito, Ecuador

Von Tobias Wenzel

Jorge Enrique Adoum (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)
Jorge Enrique Adoum (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)

Warum möchte Jorge Enrique Adoum nicht neben seinen Eltern begraben werden, sondern hinter einem Swimmingpool? Und was will der Dichter nach dem Tod mit seinem besten Freund unternehmen?

Selbst in den Anden, in 2900 Metern Höhe, ist der Wind an diesem Nachmittag so sanft, dass man ihn nur bemerkt, weil er Glasperlen, Muschelschalen und Metallröhrchen aneinanderstoßen lässt. Windspiele hängen von der Pinie herab, unter der Jorge Enrique Adoum steht und genüsslich eine Zigarre raucht:

"El árbol de Guayasamín."

"Guayasamíns Baum" nennt Adoum diese Pinie, andere sprechen vom "Baum des Lebens". In seinem Erdreich wurde 1999 die Asche des Malers Oswaldo Guayasamín beigesetzt. Nun, zehn Jahre später, ist Jorge Enrique Adoum an diesen Ort zurückgekehrt: auf das Privatgrundstück der Familie Guayasamín, zur Pinie hinterm Swimmingpool. Adoum und Guayasamín, der Dichter und der Maler, waren beste Freunde. Sie vereinbarten, sich nebeneinander beisetzen zu lassen.

"Anstatt auf einem Friedhof an der Seite eines Unbekannten zu ruhen, möchte ich lieber neben meinem Freund liegen. Dann können wir uns unterhalten und gemeinsam anstoßen."

Jorge Enrique Adoum (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)Jorge Enrique Adoum (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)

Adoum sitzt mittlerweile im Guayasamín-Museum, einen Steinwurf von der Pinie entfernt. Denn der Dichter, Jahrgang 1926, hat Angst, sich draußen zu erkälten. Auch ist er so gebrechlich, dass er nur wenige Minuten stehen und ohne seinen Rollstuhl auskommen kann. Nun blickt er auf die vor Leid verzerrten Gesichter, die Oswaldo Guayasamín gemalt hat:

"Die Beziehung zwischen Oswaldo und mir war schon eine ganz besondere. Zwischen meinen Eltern und mir gab es praktisch keine Beziehung."

Die Mutter war überfordert mit den fünf Kindern, konnte sie kaum ernähren. Der Vater, ein aus dem Libanon nach Ecuador emigrierter Christ, ein Heilpraktiker, versuchte, die Kraft des Übersinnlichen zu nutzen. Er zwang Jorge Enrique, mitten in der Nacht an spiritistischen Sitzungen teilzunehmen. Ein Vertrauensverhältnis zwischen Vater und Sohn kam auch später nicht mehr auf. Oswaldo Guayasamín und Jorge Enrique Adoum verstanden sich dagegen blind, hatten die gleichen ästhetischen und politischen Ansichten, begriffen sich als Humanisten und teilten denselben tragikomischen Humor:

"Ich hatte schon vier Herzinfarkte. Ich sammle Herzinfarkte. Vielleicht kann ich meine Sammlung noch auf fünf oder sechs ausbauen, wer weiß."

42 Tage nach diesem Satz stirbt Jorge Enrique Adoum an seinem fünften Herzinfarkt. Der Dichter wird verbrannt und die Asche neben den Überresten seines Freundes beigesetzt, im Erdreich unter der Pinie, hundert Meter über dem Zentrum Quitos.

"Das ist ein großes Glück, wenn Freundschaft den Tod überdauert."

"Jorge Enrique Adoum con el árbol de Guayasamín, Quito, Ecuador."

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