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Buchkritik | Beitrag vom 20.09.2019

Jonathan Safran Foer: "Wir sind das Klima"Essend die Welt retten?!

Von Günther Wessel

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Das Sachbuch "Wir sind das Klima" ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. (Cover: Kiepenheuer & Witsch / Collage: Deutschlandradio)
In seinem neuen Sachbuch "Wir sind das Klima" erklärt Jonathan Safran Foer, was der Einzelne schon am Frühstückstisch für das Klima tun kann. (Cover: Kiepenheuer & Witsch / Collage: Deutschlandradio)

Der amerikanische Romancier Jonathan Safran Foer ist seit "Tiere essen" auch als Sachbuchautor bekannt: In seinem neuen Buch erzählt er in einer Mischung aus Recherche und persönlicher Reflexion vom Klimawandel und wie wir ihm begegnen können.

Der Untertitel verrät, worum es Foer geht: um unsere Ernährung. Sie ist für viel zu viel schädliche Klimagase verantwortlich - vor allem die Produktion von Fleisch, Eiern und Käse. Er listet Fakten auf: 59 Prozent des verfügbaren Landes weltweit werden zum Anbau vor Tierfutter verwendet, Tierhaltung ist zu mehr als 90 Prozent für die Rodungen im Amazonas verantwortlich, Abholzung und Brandrodung sind es für ein knappes Drittel aller Treibhausgase. Die Lösung: Sich weitgehend vegan ernähren - und: Nur am Abend tierische Produkte essen. 

So weit, so einfach. Doch woher kommt es, dass wir das eigentlich wissen, aber unseren Alltag nicht ändern? Woraus resultiert die Abwehr? Jonathan Safran Foer schaut auf sich selbst: Er esse Fleisch und zu viel davon. Weil Faktenwissen allein nicht ausreichen würde, ihn aber der Klimawandel auch emotional nicht so berühren würde, dass er sein Verhalten bislang dauerhaft geändert hätte.   

Die USA haben es vorgemacht

Dabei gibt es Beispiele für erfolgreiche Kampagnen. Während des Zweiten Weltkrieges verzichteten US-Amerikaner klaglos nicht nur auf Luxus, sondern auf viele Annehmlichkeiten. Damals erhöhte die Regierung radikal die Steuern, legte die Preise für viele Güter fest, regulierte Benzin und führte eine Höchstgeschwindigkeit von 35 Meilen ein, um Treibstoff und Gummi zu sparen. Fast niemand protestierte, weil man gemeinsam ein großes Ziel erreichen wollte. Oder warum setzte sich die Polioimpfung in den USA so schnell durch? Nicht nur weil Elvis sich publikumswirksam impfen ließ, vor allem aber, weil Teenager Tanzveranstaltungen organisierten und festlegten, dass nur Geimpfte daran teilnehmen durften. Niemand habe die Kinderlähmung besiegt, so der Autor, weil alle sie besiegt hätten.

Andere Geschichten hätten sich zur Mobilisierung der Öffentlichkeit eher schlecht geeignet: Weil sie entweder jenseits des Vorstellbaren waren, wie die Berichte von Jan Karski aus dem Warschauer Ghetto und den Vernichtungslagern der Nazis oder weil die Heldin der Geschichte zu wenig strahlend war - wie die 15-jährige, von einem verheirateten Mann schwangere Claudette Colvin, die sich schon vor Rosa Parks weigerte, ihren Platz im Bus einem Weißen zu überlassen.

Persönlichen Entscheidungen im Fokus

So betrachtet Foer in vielen kleinen Kapiteln von hoher sprachlicher und intellektueller Brillanz, was uns hemmt und was uns motiviert. Das ist durchaus sehr lesenswert - und doch fehlt etwas: Jonathan Safran Foer betrachtet fast ausschließlich individuelles Handeln. Persönliche Entscheidungen, die eine Bewegung kreieren. Die Politik, deren Aufgabe es wäre, einen Gesellschaftsentwurf für ein ressourcenschonenderes Leben vorzulegen, lässt er außen vor. Warum, darüber lässt sich nur spekulieren: Haben amerikanische Intellektuelle unter Trump den Glauben an politische Lösungen verloren?

Jonathan Safran Foer: "Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können"
Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs und Jan Schönherr
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019
336 Seiten, 22 Euro

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