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Fazit | Beitrag vom 15.02.2020

Jonathan Meeses "Lolita" in DortmundAltbekannte Provokationen – erstaunlich kurzweilig

Von Christoph Ohrem

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Jonathan Meese auf der Bühne zusammen mit einer Frau und einem Mann. Sie lecken an überdimensionierten Lutschern. Die Frau trägt eine Hakenkreuzbinde am Arm. (Jan Bauer/Courtesy Jonathan Meese)
Ein Abend, wie er von Jonathan Meese zu erwarten war: mit Hitler, Nazis, Meeses Mutter und Rammstein-Songs. (Jan Bauer/Courtesy Jonathan Meese)

Auf der Grundlage von Nabokovs "Lolita" entsteht im Schauspielhaus Dortmund an jedem Abend eine eigenständige Performance, es gibt keine festen Absprachen. Jonathan Meese ist für diesen Wahnsinn verantwortlich.

Überraschenderweise erfahren die Zuschauer bei dieser Uraufführung von "Lolita" des Aktionskünstlers Jonathan Meese tatsächlich genau, worum es in dem gleichnamigen Roman von Vladimir Nabokov geht. Und das, obwohl der kryptische Titel des Abends "Lolita (R)Evolution (rufschädigendst) – Ihr alle seid die Lolita euerer selbst" dies nun wirklich nicht vermuten lässt.

Gleich zu Beginn erwartet einen nämlich die erste Schelmerei. Der Vorhang hebt sich nicht, sondern senkt sich. Darauf erscheint das Bild von Jonathan Meeses Mutter, die in fortgeschrittenem Alter eher schlecht als recht im Stil einer Märchenoma eine ausführliche Inhaltsangabe des Romans "Lolita" vorliest.

Fantomas und die Mumins

Was danach geschieht, hat dann allerdings mehr mit Jonathan Meese als mit "Lolita" zu tun. Neben SS-Uniformen und dem für Meese schon als typisch zu bezeichnenden permanent gezeigten Hitlergruß sind mit dabei: Fantomas, der Schurke aus der französischen Filmwelt der 60er-Jahre, und die Mumins, die skandinavischen Zeichentrick-Nilpferd-Figuren.

Einen roten Faden oder stringente Handlung sucht man vergebens. Verschiedene Abschnitte werden bestenfalls durch große Drucke von Meese-Bildern, die von oben herabfahren, markiert. Die Performance besteht somit aus einer Aneinanderreihung einiger textlicher Versatzstücke und Popsongs (Rammsteins "Die Sonne" wurde etwa zehn Mal gespielt), die Meese als Zentrum des Geschehens mehr oder weniger spontan in Gang setzt.

Bald sind alle Ideen verpulvert

"Theater der Zukunft" nennt der Künstler dieses Spektakel selbstbewusst, aber nicht ohne Ironie. Die Premiere dürfte sich stark von den weiteren Aufführungen unterscheiden, da hier die Unvorhersehbarkeit und Spontaneität zum Prinzip erhoben wird. Nach etwa eineinhalb Stunden hatten die Akteure an diesem Abend auf der Bühne eigentlich alle Ideen verpulvert und zogen die Aufführung dennoch eine Stunde länger durch.

Jonathan Meeses Bühnenpräsenz und das Ensemble, das sich mit Freude schamlos in diesen grotesken Abend wirft, sorgen in all dem grotesken Tohuwabohu für viele absurd komische und durchaus interessante Momente. Meese dekonstruiert enervierend konsequent Theater- und Bühnengeschehen. Dass man bei all der Lautstärke zwar nicht einschlafen, sich aber dennoch bisweilen langweilen kann, gehört wohl zum Konzept.

"Lolita (R)evolution (rufschädigendst) – Ihr alle seid die Lolita eurer Selbst!"
Regie, Bühne & Kostüme: Jonathan Meese
Schauspielhaus Dortmund

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