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Studio 9 | Beitrag vom 23.01.2020

Jonathan Meese wird 50Der Hofnarr der Kunst

Von Stefan Koldehoff

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Der Künstler Jonathan Meese in seinem Atelier im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg (picture alliance / dpa /  Bernd von Jutrczenka)
Einsatz für die Kunst ohne Rücksicht auf Verluste: Damit sei Jonathan Meese heutzutage ein seltenes Exemplar, sagt Journalist Stefan Koldehoff. (picture alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)

Jonathan Meese feiert heute seinen 50. Geburtstag. Er gehört zu den eher umstrittenen Künstlern der Gegenwart, doch der Kritiker Stefan Koldehoff würdigt ihn: "Er spielt die Rolle des Hofnarren, desjenigen, der sich bedingungslos für die Kunst einsetzt."

So richtig ernst nehmen muss man Jonathan Meese eigentlich nicht - jedenfalls nicht die von ihm vor fast 30 Jahren geschaffene Kunstfigur. Das ist dieser Mann mit den langen zotteligen Haaren, der immer Trainingshosen trägt, der immer mit seiner Mutter auftritt, und der Sachen sagt wie: "Ich fordere die Diktatur der Kunst." Jemand, der wilde Performances veranstaltet, der Bühnenbilder malt, der Opern inszeniert. Und als diese Kunstfigur spielt Meese eine Rolle: die des Hofnarren, desjenigen, der sich bedingunglsos für die Kunst einsetzt; der auch immer wieder sagt: "Ich bin an der Kunst interessiert, ich bin nicht an der Wirklichkeit interessiert, sondern ich schaffe Gegenwelten."

Und das tut er mit einem unglaublichen Selbstbewusstsein. Wer würde sich trauen, ohne künstlerische, ohne eine musikalische Ausbildung im Hintergrund in Bayreuth zu inszenieren? Das ist dann ja auch gnadenlos in die Hose gegangen, viel zu teuer geworden. Und trotzdem sagt er zu seinem 50. Geburtstag: "Das würde ich jederzeit wieder machen und dabei alle Wagner-Stücke gleichzeitig inszenieren."

Keine Zensur, keine Grenzen

Genau das ist das Tolle an ihm, dass da jemand sich für die Kunst einsetzt - in einer unglaublichen Konsequenz und ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Rücksicht darauf, dass manche das lächerlich finden oder übertrieben. Zu sagen, es gibt keine Bedingungen, keine Zensur, keine Grenzen. Da darf dann auch im Rahmen einer Performance mal der Arm nach oben gehen und der Hitlergruß gezeigt werden. Auch das ist Teil seiner Kunst. Das haben ihm inzwischen mehrere Gerichte bestätigt.

So ein bedingungsloses Sich-Einsetzen für Kunst, so ein Leben von Kunst, das gibt es nur noch selten. Die meisten Künstlerinnen und Künstler schielen doch nach großen Ausstellungen, nach großen, teuren Galeristen, die sie vertreten, nach Erfolg. 

Bei Meese hat man immer wieder das Gefühl, dass ihm das ziemlich egal ist. Und das ist das, was er weitermachen muss und was er weitermachen wird. Und deshalb: Herzlichen Glückwunsch, Jonathan Meese!

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