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Buchkritik | Beitrag vom 25.05.2019

Jonathan Littell: "Eine alte Geschichte. Neue Version"Labyrinth der Lust, in dem die Liebe fehlt

Von Dirk Fuhrig

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Buchcover "Eine alte Geschichte. Neue Version" von Jonathan Littell, im Hintergrund ein Labyrinth (Hanser Verlag / Unsplash / Luemen Carlson)
"Eine alte Geschichte. Neue Version" von Jonathan Littell: Ein Roman von enormer formaler Kraft, urteilt Dirk Fuhrig. (Hanser Verlag / Unsplash / Luemen Carlson)

In "Eine alte Geschichte. Neue Version" von Jonathan Littell geht es um Sex, Gewalt und fluide Charaktere. Der Ich-Erzähler, den der französische Autor für den Roman entworfen hat, wechselt ständig sein Geschlecht - und seine sexuelle Orientierung.

Jonathan Littell ist ein besessener Schriftsteller, dessen Denken in zahllosen Facetten um die Themen Gewalt, Tod, Sexualität kreist. 2012 hatte er "Eine alte Geschichte" veröffentlicht, einen schmalen Band, in dem er eine androgyne Szenerie der Lust entworfen hatte.

Auch in der "neuen Version" der alten Geschichte steht ein Erzähler im Mittelpunkt, der gleichzeitig eine Erzählerin ist. Doch das hat nichts mit gendergerechter Haltung zu tun - im Gegenteil, denn dieses Buch ist in allem ein Gegenentwurf zu den akademischen Postulaten von Geschlechtergerechtigkeit.

Jonathan Littell geht es um Abgründe, um Triebe. Ein "Ich" im flauschigen Jogginganzug sprintet durch labyrinthische Gänge, von denen Türen abgehen. Dieses Ich drückt nach dem Zufallsprinzip eine Klinke und findet sich in einer Wohnung, in einem Garten, in einem Orgienkeller - oder auf einem Schlachtfeld wieder.

Explizit beschriebene sexuelle Begegnungen

Stets kommt es zu sehr explizit beschriebenen sexuellen Begegnungen. Dabei ist das Ich mal Mann, mal Frau, mal beides. Die Figur verwandelt sich pausenlos von Hetero zu Homo, von Mann zu Frau zu Hermaphrodit und zurück. Es kopuliert in großer Selbstverständlichkeit mit beiden Geschlechtern und allem dazwischen, es kann weibliche Brüste, eine Vulva und dazu einen Penis haben.

Neben dem konventionellen Koitus im ehelichen Schlafgemach warten multiple Orgasmen in Hotelzimmern, Prostitution oder die Massenpenetration in Schwulensaunen hinter der Tür.

Jonathan Littell führt den Leser in eine schillernde Welt der Libertinage und Erotikpartys, in die Kit-Kat-Clubs und Berghains dieser Welt, in denen das Begehren nach reiner Herzenslust ausgelebt wird. Aber er entwirft auch Szenen voller Gewalt: Krieg, Massaker, Vergewaltigung. Einerseits also ein idealer Kosmos, in dem androgyne Menschen männliche und weibliche Geschlechtsorgane ganz nach eigener Laune einsetzen.

Andererseits ist das Buch durchzogen von abstoßender Brutalität, sodass das Weiterlesen mitunter schwerfällt. Michel Houellebecqs berühmt-berüchtigte Swinger-Szenen aus den "Elementarteilchen" oder "Plattform" wirken im Vergleich wie Doktorspielchen.

Das Fluide im Charakter des Menschen

Diesem radikalen, am Marquis de Sade geschulten Autor geht es um das Fluide im Charakter des Menschen, das Uneindeutige, die Übergänge zwischen den Geschlechtern und Begierden. Jeder kann Opfer und Täter sein, Ziel von Gewalt und jemand, der Gewalt ausübt. Eros und Thanatos, die Lust und der Abgrund entwickeln eine unberechenbare Dynamik

Jonathan Littell hält seinen Roman durch eine äußerst strenge, nahezu mathematische Struktur zusammen. Das erzählende Ich ist nur eine Kunstfigur, in der die Obsessionen der menschlichen Seele gespiegelt werden. Es springt in jedem Kapitel in ein Schwimmbecken; mit ein paar kräftigen Zügen schüttelt es das Durchlebte, die Verletzungen und Verhärtungen, ab und gewinnt erneut seine Freiheit.

Das Motiv des Schwimmens im "klaren, kühlen Wasser" gibt der Erzählung die Form. Das Durchlaufen der finsteren Gänge, die mehr oder weniger spontane Entscheidung für eine bestimmte Türklinke lässt sich als Metapher für die Entscheidungsmöglichkeiten, aber auch die von Zufällen beeinflusste Existenz des Menschen interpretieren.

Pornografisch, kitschig, verstörend

Weitere Leitmotive durchziehen diesen wie einen Film gegliederten Roman: große Spiegel, in denen sich das Ich beim Sex betrachtet, Mozarts Oper über den Libertin "Don Giovanni", das Verspeisen von Sashimi zum Geschlechtsverkehr, der verträumte Garten und wiederkehrende Stromausfälle, in denen man ein Zusammenbrechen der zivilisatorischen Errungenschaften sehen kann.

Vieles ist pornografisch, kitschig, verstörend. Sprachlich hat dieser Roman jedoch enorme formale Kraft und eine ungeheure Energie, die den Leser mit aller Macht in den Bewusstseinsstrom des erzählenden Ichs hineinzieht. Über die mitunter höchst poetischen - von Hainer Kober wirklich sehr plastisch und treffend übersetzten - Beschreibungen sexueller Praktiken hinaus, führt Littell uns in die "alte Geschichte" der Menschheit, in das Labyrinth aus Lust, Gewalt und Begierde, in dem unsere Seele ewig umherirrt. Eines fehlt bewusst in diesem faszinierenden, aber auch zutiefst irritierenden Buch: die Liebe.

Jonathan Littell: "Eine alte Geschichte. Neue Version"
Aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober.
Hanser Berlin, 2019
334 Seiten, 26 Euro

Jonathan Littell: "Eine alte Geschichte"
Matthes & Seitz, Berlin 2016
127 Seiten, 17,90 Euro

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