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Buchkritik | Beitrag vom 05.02.2019

Jonathan Lethem: "Der wilde Detektiv"Wohlfeile Empörung über das "Trumpeltier"

Von Knut Cordsen

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Das Cover von Jonathan Lethems "Der wilde Detektiv" vor einem Hintergrundbild. (Tropen / Unsplash / Courtney Corlew)
Auch in die Mojavewüste findet Jonatham Lethems "wilder Detektiv" seinen Weg. (Tropen / Unsplash / Courtney Corlew)

Sein neues Buch „Der wilde Detektiv“ hätte Jonathan Lethem besser „Verstörung“ genannt. Der Krimiplot ist Nebensache, vor allem geht es um die Erschütterungen, die Trump im linksliberalen Teil der USA ausgelöst hat. Doch einen ganzen Roman trägt das nicht.

Donald Trump richtet eigentlich schon genug Schaden an. Dass er selbst vor der amerikanischen Literatur nicht haltmacht, illustriert Jonathan Lethems Roman "Der wilde Detektiv" auf leider nur allzu eindrückliche Art.

Dessen basso continuo bildet die nachhaltige Erschütterung darüber, dass ausgerechnet das "Trumpeltier", das "orangefarbene Monster" aus "Saurons Turm", beziehungsweise "Saurons goldenem Finger", samt "einer ganzen Palisade von Vollpfosten" ins Weiße Haus eingezogen ist. Lethems Figuren wähnen sich umgeben von "Grapschern und Faktenfälschern, machiavellistischen Auspressern, Aufspaltern und Einmaurern".

Von Trumps Erfolg traumatisiert

Lethem hat keinen Roman über Trump geschrieben, wohl aber einen, dessen Heldin - sie heißt Phoebe Siegler und hat mit 33 Jahren gerade ihren Job beim National Public Radio hingeschmissen – durch die Präsidentschaftswahl 2016 komplett traumatisiert ist. So sehr, dass sie vor dem Beischlaf vom Mann wissen will: "Wen hast du gewählt?" Um danach dann festzustellen: "Das war mein erstes Mal seit der Wahl."

Derjenige, mit dem sie im Bett gelandet ist, ist der Titel gebende Detektiv: Charles Heist. Ein etwas undurchsichtiger Geselle, dem sich die sonst fleißig tindernde Großstädterin eher zufällig sexuell hingegeben hat. Hauptsächlich hat er sie engagiert, weil er ein Fachmann für vermisste Jugendliche ist. Sie spannt ihn für ihre Suche nach der in Kalifornien verschollenen 18-jährigen Tochter einer Freundin ein.

Breit angelegte Polemik

Plötzlich irgendwo in der Mojavewüste gestrandet, folgt die New Yorkerin, die sich "eine Neurotikerin mit Eierstöcken in Torschlusspanik" nennt, dem leicht autistisch wirkenden Fahnder durch die kalifornische Bergwelt und begegnet dort ansässigen schrägen Hippie-Kommunarden, die etwas von einer Zweiteilung der Welt in "Kaninchen" und "Bären" faseln und vorgestrige Männlichkeitskulte pflegen.

In den "Bären" und "Bärklärern" erkennt Phoebe, aus deren Perspektive der Roman erzählt ist, "die krachlederne Vorwegnahme von Donald Trump, Anthony Weiner und Bill Cosby", kurz: "die ganz normale beschissene Wirklichkeit, vor der ich geflohen war, die aber niemand ... wirklich je hinter sich ließ".

Enttäuschender Roman

Das ist dann aber auch das Hauptproblem dieses Romans: Die Suche nach einem verloren gegangenen Teenager bildet hier nur den Rahmen für eine breitangelegte Polemik Lethems gegen "Politikstricher" und "Mitamerikaner", die er seiner Heldin in den Mund legt. Sie, die davon träumt, mit Leitartikeln in der "großen grauen Dame" New York Times Trump zu erledigen, leitartikelt sich in einem fort durch die Geschichte mit Einsichten à la: "Das Fernsehen hatte sich selbst gewählt."

Besser hätte Lethem das Buch "Empörung" oder "Verstörung" genannt. Dass einen angesichts "durchgeknallter fanatischer Trumpwähler" die "Empfindung eines unfassbaren körperlichen Kummers" ankommt, mag ja sein. Aber um dieses Unwohlsein zu artikulieren, braucht es sicher keinen Roman. Natürlich gelingen Lethem einzelne treffende Beobachtungen, vor allem über den Wahnwitz des Filterblasen-Daseins unserer Tage. Aber das allein rettet ihn nicht. So ist er eine Enttäuschung.

Jonathan Lethem: "Der wilde Detektiv"
Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach
Tropen Verlag, Stuttgart 2019
335 Seiten, 22 Euro

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